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in dieser Stadt, der Dich kennt, Christ?"

Grivas dachte an den alten Kaufmann, aber zugleich fiel ihm ein, dass er durch dessen Nennung leicht ein weiteres Nachforschen und eine Entdeckung herbeiführen könnte, die den alten Mann in Ungelegenheit und Gefahr bringen musste. Er verneinte.

Der Türkin schien dies unerwartet zu kommen. Wieder wandte sie sich zu dem Pascha und flüsterte ihm in's Ohr. Der Bei nickte.

"Es kann etwas Wahres unter dem Unrat sein, den Du sprichst, Grieche." sagte er dann. "Wir wollen die Sache morgen weiter untersuchen. Bis dahin, da Du keinen Bürgen stellen kannst, musst Du im gefängnis bleiben. Geht! – Diesen beiden unreinen Tieren aber," er deutete auf die zwei anderen Gefangenen, "gebt eine Tracht Schläge, weil sie uns nach dem Gebet belästigt haben und werft sie vor das Tor. Fort!"

Eine entschiedene Handbewegung liess die Wachen sich schnell der Gefangenen bemächtigen und vergeblich war alles Protestiren des Griechen; er wurde mit den Anderen hinausgezerrt. Nur als er am Eingang noch ein Mal den blick zurück wandte, sah er Fatinitza zum dritten Male wie beruhigend das Zeichen machen.

Während die Wachen ihn über den Hof führten, kam der Tschokadar, sein Ankläger, ihnen nach und änderte mit einem überbrachten Befehl ihre Richtung. Ihr Weg wandte sich nun in die Gebäude längs des See's und durch einen gewölbten gang wurde der Gefangene in eine ziemlich geräumige Zelle gebracht, deren stark vergittertes Fenster auf die Gewässer sah. Durch dasselbe erblickte Grivas auch rechts zur Seite den in die Fluten vorspringenden Turm, auf dessen Höhe das gefängnis des Freundes war, zu dessen Rettung er hierher gekommen. Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner Seele, als er bedachte, wie sein Unstern, oder diesmal vielmehr die eigene Schuld ihn nötigte, den Blutbruder auf's Neue ohne Hilfe in der Todesgefahr zu lassen und Nichts für seine Rettung tun zu können. Seine Phantasie malte ihm das Bild des Czernagorzen vor, wie er zwischen Himmel und Erde über den dunklen Fluten hing, vergeblich nach dem Waffengefährten durch die Nacht spähend. Sie malte ihm Stephana's lauten Vorwurf, die verächtliche Geberde des greisen Häuptlings, die Schande, die ein tapferes Volk auf seinen Namen häufte, – und das Alles um den blick eines Weibes, das mit dämonischer natur alle seine Seelenkräfte gefesselt hielt, ohne dass er noch ein Wort mit ihr gewechselt, wie der blick der Schlange den Vogel gebannt halten soll in seinen Zauberkreis, dass er nicht die rettenden Schwingen zu regen vermag, bis der tödtende Zahn ihn erreicht.

Vergeblich krampfte er in die eisernen Stäbe der Fensteröffnung, – das feste Metall aus den riesig dikken Mauern zu reissen, hätte es der Kraft eines Giganten bedurft; selbst wenn er die Feile noch besessen, die er dem Freunde gesandt, hätte die Arbeit einer Nacht nicht hingereicht, die dicken Stäbe zu durchbrechen. Verzweifelnd warf er sich auf das Holzgestell, das an einer Wand zum Lager diente, und brütete über seinem Schmerz, mit tausend Verwünschungen sich und die Verlockung beladend, während draussen die Nacht immer tiefer und dunkler über See und Berge sank.

So mochte er stundenlang gelegen haben, als er aus seinem Schmerz durch einen Lichtstrahl erweckt ward, der an der gegenüber liegenden Wand seines Kerkers sich brach. Erstaunt richtete er sich empor und bemerkte, dass der Strahl aus einer kleinen etwa handbreiten Oeffnung in der Wand über seinem Lager kam. Zugleich fühlte er seine Sinne befangen durch einen warmen wohlriechenden Duft, der durch jene Oeffnung zu quellen schien und seinen Kerker erfüllte.

Er stieg auf die Holzwand, sein Auge reichte gera

de an die fensterartige, mit einem feinen Drahtgitter verschlossene Oeffnung und seine Blicke umfassten trunken und verzehrend das ungeahnte Schauspiel, das sich ihnen bot.

Der Raum, den sie überflogen, bildete ein mit Mar

morfliessen ausgelegtes Badezimmer, jene üppige Anstalt des Orients, die eine wollüstige Neugebärung der Körper ist und aus dessen Pflege einen Cultus schafft. In der Mitte des Fussbodens war ein kleines Bassin mit warmen, wohlriechenden Wässern gefüllt, welchen die Aphrodite dieses Ortes eben entstiegen zu sein schien. In einer Nische, auf einem Marmorbett, von feinen linnenen Tüchern halb verhüllt, in dieser Verhüllung tausend Reize verratend und entdeckend, lag die Herrin der Gemächer, Fatinitza, die Wölfin von Skadar, bedient von fast ganz entkleideten schwarzen Mädchen, die ihre Glieder salbten und rieben, und auf Haupt und Busen den Strahl des warmen, weichen Wassers sich ergiessen liessen, während Andere das üppige rabenschwarze Haar kämmten und trockneten, oder mit weichem wollenem Gewebe Brust und arme frottirten. Das Haupt zurückgebeugt, den Mund über den glänzend weissen Zähnen halb erschlossen, die dunklen dämonischen Augen nur in jener schmalen Spalte geöffnet, aus der Verlangen und sehnsucht zu lauschen pflegt, lag das Mädchen in den Händen ihrer Frauen. Zum zweiten Male sah der Jüngling unverhüllt dies Antlitz, das einen so gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Das Oval desselben war in jenem vorspringenden Bogen gewölbt, welcher dem Antlitz etwas Adler- oder Geierartiges zu geben pflegt. Dennoch war jeder ihrer Züge einzeln zart und rein. Unter der fast schnabelförmig gebogenen Nase mit den weitaufgeschlagenen Nüstern, den Zeichen ungezähmter leidenschaft, öffnete sich ein überaus zierlich und willenskräftig geschwungener Mund. Schief gesenkte starke Brauen, wie bei dem Wolf und Fuchs, senkten sich von den Schläfen zur Nasenwurzel, und so seltsam und unheimlich der Ausdruck dieses Kopfes