1855_Goedsche_156_529.txt

furchtbare Schwarm sich immer mehr und immer rascher verlor, noch immer gesperrt. Eine graubraune Wolkenwand schien den ganzen Horizont zu bedecken und die Sonnenhitze des Mittags auf's Neue mit sich zu bringen. Die Reisenden befanden sich eingeschlossen wie in einem Tale, ohne selbst die Richtung der Himmelsgegenden beurteilen zu können.

"Diese Tiere scheinen einen widrigen brandigen Geruch zurückzulassen," sagte die junge Gräfin; "es ist noch immer so schwül und drückend. Bedienen Sie sich meines Flacons, Madame!"

Der Oberst, ohne sich um die Frauen viel zu kümmern, lehnte aus dem Fenster.

"Was soll das Zaudern? Vorwärts, Tölpel! – Was soll's?"

Die letzte Frage war an den alten Kosacken und den Jäger Bogislaw gerichtet, die nach einer kurzen Besprechung auf den Wagen zukamen.

"Väterchen," sagte der Kosack mit jener, den gemeinen Russen so eigentümlichen Manier, einer directen Antwort auszuweichen, – "die Heiligen haben Dich und die Frauen zu keiner guten Stunde die Reise antreten lassen."

"Um es kurz zu machen, Herr Graf," fiel der entschlossene Jäger ein, – "denn die Augenblicke sind kostbardiese mit dem land vertrauten Leute meinen, es drohe uns eine grössere Gefahr, als die vergangene: die Steppe stehe in Brand!"

Die beiden Damen hatten zum Glück die russisch gesprochene Meldung nicht verstanden, doch sahen sie an dem Zurückfahren des Obersten, an der Blässe, die unwillkürlich sein Gesicht überzog, dass eine grosse Gefahr im Anzuge sein musste, und die verwöhnte pariser Lorette, die entführte Bojarendame, fasste laut aufschreiend seinen Arm.

"Mein Himmel! Graf, was gibt es? was spricht der Mann? ich will es wissen!"

Der Oberst machte sich ungestüm frei.

"Zum Henker, Madame! das ist kein Augenblick für Ihre Narrheiten. Unser Leben steht auf dem Spiel. – Woraus schliessest Du das?"

Der Jäger wies auf die Wolkenwand ringsum, die immer dichter emporstieg und in der einzelne hellweisse Wolken emporzukräuseln schienen. Ruhig hielt der alte Kosack an der Seite des Wagens, während seine Enkel beschäftigt waren, den Jämschtschiks im Bändigen und Festalten der fünf Pferde zu helfen.

"Atmen der Herr Graf nur die Luft, die Sinne werden Sie bereits überzeugen."

In der Tat wurde der brandige Geruch immer schärfer, die Schwüle immer drückender.

"Wie ist das Feuer entstandenwoher kommt es?"

"Gott weiss es! – Die Colonisten oder Hirten haben es wahrscheinlich zum Schutz vor den Heuschrecken angezündet. Ich muss gestehen, dass ich selbst ratlos bin, da ich nicht einmal die Richtung des himmels anzugeben vermag. Euer Erlaucht würden am besten tun, diesem alten Mann zu vertrauen."

Der Oberst wandte sich zu diesem:

"Du siehst, dass ich Stabsoffizier bin und dass es Deine Pflicht ist, mir zu gehorchen. Wo ist die Gefahr für uns?"

Der Alte deutete ruhig ringsum im Kreise.

"Ueberall? – Sollen wir umkehren?"

Der Kosack schüttelte mit dem kopf.

"Es nützt Nichts, Väterchen. Unter den Heuschrekken würdest Du desto schneller verbrennen."

"Weisst Du einen Auswegkannst Du uns führen, uns retten? denn ich hoffe, Du wirst uns nicht verlassen."

"Nein, Väterchen, Iwan wird bei Dir ausharren. Du bist ein vornehmer Herr, aber Du verstehst Nichts von der Steppe. Willst Du mir die Anordnung überlassen?"

"Es sei! Hundert Rubel für Dich und Jeden der Deinen, wenn Du uns rettest."

Der Alte hielt sich, nachdem er auf diese Weise das Recht, zu befehlen, erlangt hatte, mit einer Erwiederung nicht auf, sondern wandte sich sofort an seine Enkel:

"W a n k a , jag' dem Feuer entgegen und sieh', welche Richtung es nimmt. A l e x e i P e t r o w i t s c h , fort, nach Mittag zu und schau', ob dort ein Ausweg. O l i s , mein Liebling, wende Dich gegen Abend. Möge der heilige Iwan über Euch sein, Ihr hört unser Pulver. Fort!"

Die drei jungen Kosacken sprengten nach verschiedenen Richtungen in die Wolkenwand hinein.

Während der Alte mit dem seltsamen6 Namen dem Jäger Bogislaw, den er rasch als den Tätigsten und Geeignetsten der ganzen Gesellschaft erkannt, einige Instructionen gab, deren Inhalt sich bald dadurch zeigte, dass Bogislaw von Zeit zu Zeit eine Pistole in die Luft schoss und wieder lud, – suchte der Graf die Damen zu beruhigen, denen die natur der Gefahr längst nicht mehr verborgen war. Celeste war ausser sich, bald weinte sie zaghaft, bald stiess sie mit französischem Wortschwall die bittersten Vorwürfe gegen ihren Beschützer aus, bald wieder bat und flehte sie, dass man die Pferde antreiben und dem Feuer entfliehen möge. Auch der Oberst war mehrere Male im Begriff, den Befehl zu geben, die Rosse, die nur mit grösster Mühe festgehalten werden konnten, loszulassen, doch gab ihm ein blick auf die ruhige Haltung des Kosacken und die überlegung die überzeugung, dass man der Erfahrung und dem Instinkt des greifen Eingebornen der Steppen am besten vertrauen und jede Anordnung überlassen werde.

Die Hitze war fortwährend gestiegen, die umgebenden Rauchwolken begannen bereits eine rötliche Farbe anzunehmen. Durch den Wolkennebel hatten sie häufig dunkle Gestalten in vollem Lauf vorüberhuschen sehendie Wölfe, die wilden Hunde und