, die nun massiv an ihrer Seite hing, die Strahlen der sinkenden Sonne gänzlich verbergend und zu Anfang von ihnen für eine Wetterwolke gehalten, nur aus Myriaden ziehender Heuschrecken.
Sie waren jetzt dicht an der früher bemerkten Gruppe und die Jämschtschiks hielten zum dritten Male an, diesmal offenbar mit dem Willen, nicht weiter zu fahren. Die Pferde schnoben und schlugen um sich her und waren kaum zu bändigen. Der Oberst, um nicht genötigt zu sein, die Scheiben länger geöffnet zu halten, öffnete auf der dem Anzuge der Insekten entgegengesetzten Seite die Tür für einen Augenblick und sprang heraus. Sein Fuss zertrat mit jedem Schritt Hunderte des Gewürms und er stand sofort bis an die Knöchel in dem widerlichen Strom.
Vor ihm hielt eine halb offene, aber durch einen ausgespannten Leinenschirm vor den Sonnenstrahlen geschützte und möglichst bequem eingerichtete Telege, in der zwei Damen sassen, die Eine jung, zart und schön, offenbar den vornehmen Ständen angehörend, die Andere anscheinend die Zofe, Beide eifrig beschäftigt, sich von dem Gewürm möglichst frei zu halten, welches, teils durch die Luft fliegend, teils an den Rädern emporkriechend, den Wagen, die Kleider, ja hände und Gesicht der Reisenden bedeckte. Zur Seite des Wagens, dessen Bespannung verschwunden war, stand ein kräftiger Mann in der Halblivree eines Jägers, ohne auf sich zu achten, bemüht, die junge Dame vor der lästigen Plage zu schützen, die sie übrigens mit grosser Fassung ertrug.
Um die Telege hielten auf ihren kleinen mit Feldgepäck belasteten Pferden ruhig fünf Kosacken, deren Kleidung und Ausrüstung zeigte, dass sie nicht zu den regulairen Truppen, sondern zu den freien Contingenten gehörten, welche die nomadisirenden oder Steppenvölkerschaften stellen. Vier waren noch jung, der Fünfte jedoch ein Greis von riesiger Figur, das braune asiatische Gesicht von Narben und Furchen durchzogen und mit einem Auge – das zweite war durch eine quer über das ganze Gesicht laufende und dasselbe spaltende Wunde verletzt und geschlossen – versehen, das wie ein Feuerstrahl unter den buschigen weissen Augenbrauen funkelte. Langes weisses Haar und ein eben solcher Bart fassten sein durch die grosse Narbe wirklich Furcht erregendes Antlitz ein. Bei einer Bewegung des Greises, die seinen grauen Militair-Mantel öffnete, sah der Graf, dass er unter diesem eine alte mit drei oder vier Orden und Medaillen dekorirte Uniform trug. Alle Kosacken rauchten, wie die Jämschtschiks, aus kurzen Pfeifen einen eben nicht sehr duftigen Taback, der jedoch den Vorteil hatte, das fliegende Gewürm wenigstens von ihrem Gesicht abzuhalten; um das Andere kümmerten sie sich wenig.
Das Alles hatte der Graf mit einem Blicke aufgefasst; denn die zwar keineswegs wirkliche Gefahr mit sich führende, ja halb lächerliche, aber um so widrigere Lage erlaubte kein langes Besinnen. Indem er an die Telege trat, sagte er höflich:
"Ich bin der Oberst Graf W a s s i l k o w i t s c h und ein Reisender durch die Steppe gleich Ihnen. Sie scheinen sich jedoch in einer noch schlimmeren Lage als wir zu befinden, und ich erlaube mir die Frage, in wiefern ich Ihnen nützlich sein kann?"
Ehe noch die Dame antworten konnte, nahm der Jäger das Wort:
"Unsern Dank, gnädiger Herr! – die Gräfin W a n d a Z e r b o n a ist meiner Fürsorge anvertraut und auf dem Wege nach der Krimm, um von Kertsch aus ihre Verwandtin, die Fürstin Tscheftzawade im Kaukasus, zu erreichen. Die Halunken von Postillons haben, als die Heuschrecken nahten, die Stränge abgeschnitten und sind auf- und davongeritten."
"Wie kommen diese Kosacken hierher?"
"Die braven Leute sind uns begegnet und auf unsere Bitten und das Versprechen einer Belohnung bei uns geblieben. Wir befinden uns bereits fast eine Stunde in dieser unangenehmen Lage."
Der Oberst wandte sich zu dem alten Kosacken.
"Wer bist Du?"
"Iwan, der Steppenteufel, Batuschka!"
"Skotina! – Woher Du kommst? ob Du Soldat bist?"
"Zweiundfünfzig Jahre war ich's, Väterchen, teils für den Czar, teils auf eigene Hand. Der Czar ist mir gnädig gewesen, ich bin der Ataman meines Stammes."
Er wies auf die Dekorationen seiner Brust.
"Bist Du hier zu haus? – sprich rasch!"
Der alte Kosack lachte, wenn das Grinsen dieses verwitterten Gesichts ein Lächeln zu nennen war.
"Die heilige Mutter von Kasan beschütze Dich. Ich bin kein Tatar, sondern ein ehrlicher Kosack vom Don. Das sind meine Enkel, und zwei habe ich fortgeschickt, die spitzbübischen Jämschtschiks für diese armen Leute zurückzuholen. Wir hörten, dass der Czar im Süden Soldaten brauche und da sind wir."
Der Offizier sah, dass er von dieser Seite keine Auskunft erhalten könne, er wurde aber in den weiteren Nachforschungen durch seine Begleiterin unterbrochen, die mit weiblichem Takt und Teilnahme ihm zurief, die fremde Dame in ihren Wagen bringen zu lassen, der mehr Schutz gegen die Belästigung gewährte, als die offene Telege. Das geschah augenblicklich durch den Jäger Bogislaw und den Diener des Grafen.
"Wie weit sind wir hier noch von der grossen Strasse entfernt, oder ist irgend ein Ort in der Nähe, wo wir Schutz vor diesem abscheulichen Gewürm finden können?"
"Die Strasse ist noch fünfzehn Werste entfernt, Erlaucht," sagte der älteste Postillon, "und die Stanzia5 noch weiter. Aber auf der Hälfte des Weges zur Rechten ab liegt