ich nach meiner Verwundung beim Sturm auf Silistria – der Teufel gesegne es dem französischen Schurken! – in Ihr Haus nach Bukarest gebracht wurde und Sie die Güte hatten, sich meiner körperlichen und – Herzenspflege anzunehmen, wofür ich Ihnen dankbar die Hand küsse, waren die Verhältnisse zwar noch nicht zum Eclat gekommen, indess geschah es doch bald darauf, und ich glaube, ich war damals Ihre Hauptstütze."
"Man hat es mir bitter zum Vorwurf gemacht."
"Bah! – ich weiss es, dass der grössere teil der Bojaren gerade nicht sehr russisch gesinnt ist, aber ich wiederhole Ihnen, von der Familie Ihres Gatten hätten Sie ohnehin wenig zu erwarten gehabt, und Sie hätten mit Ihren Eroberungen, an deren Erfolg ich keineswegs zweifeln will, von vorn beginnen müssen. Unter diesen Umständen konnte der Vorschlag, meine Begleiterin und Freundin zu sein, als ich zur Erholung von meinen Verletzungen einige Monate Ruhe oder wenigstens leichten Dienst in dem schönen Klima der taurischen Küste geniessen sollte, Sie nur verschiedenen Verlegenheiten entreissen."
"Ihr Antrag war nicht der einzige, Graf, ich hatte die Wahl," sagte die Dame mit jenem schaamlosen Hochmut der pariser demi mond, der aus solchen Verhältnissen ein gesellschaftliches Recht macht.
"Ich weiss das, schöne Celeste," erwiderte der Russe halb galant, halb apatisch, "und dass Sie mir den Vorzug gaben, ist mir sehr schmeichelhaft. Aber Sie müssen sich doch auch in das Unvermeidliche fügen. Der Weg, den wir gezwungen sind zu machen, hat allerdings sein Unangenehmes und seine Beschwerden, namentlich für Damen. Aber sie sind unvermeidlich, um an unser Ziel zu gelangen, da der Seeweg für die Dampfboote gesperrt ist."
"Warum haben Sie uns dann nicht wenigstens den Weg an der Küste fortsetzen lassen?" beharrte die Dame eigensinnig. "Ich hätte dort doch weniger von der Hitze und dem Staub zu leiden gehabt, auch sollen die Stationen zahlreicher sein, als in dieser Wüste."
"Sie haben selbst in Kostogrysowo gehört, Celeste, dass auf der ganzen Tour keine Pferde mehr zu haben waren und dass auch die Reisenden, – gleichfalls eine Dame, – die eine Stunde vor uns abgefahren sind, vorgezogen hätten, die Hauptstrasse zu erreichen. Noch einige Stunden, und wir sind auf der Station und werden die Nacht dort zubringen."
"Es dunkelt bereits," sagte furchtsam die Dame; "sehen Sie dort drüben die düstre Wolke, die so rasch am Horizont emporgestiegen ist? Diese öde Gegend ist doch sicher?"
"Bah! – Es lebt des Gesindels genug hier, denn alle entlaufenen Leibeigenen flüchten in die Steppen und alle Verbrecher lassen sich hier nieder, weil Niemand frägt, wer und woher? Aber selten finden sich hier Leute genug zusammen, um eine Gefahr besorgen zu lassen. Doch – die Wolke da drüben ist seltsam – die Sonne muss noch hoch über dem Horizont stehen und dennoch ist kein Schein mehr zu sehen – Skotina4! warum hält der Wagen? was ist's mit den Jämschtschiks, Ossip?"
Er hatte das Fenster geöffnet und fragte den auf dem Bock neben dem einen Postillon sitzenden Leibdiener.
"Dort hält ein Wagen, Erlaucht, die Telege, die uns vorangegangen ist, aber mehrere Reiter sind um sie her."
"Paschol! Vorwärts, Tölpel – die Leute haben vielleicht ein Unglück gehabt – je eher wir hinkommen, desto eher werden wir es erfahren."
Der Wagen, aus dem man die etwa andertalb Werst noch entfernte Gruppe am rand der immer tiefer und näher sich senkenden Wolke bemerkt hatte, rasselte auf's Neue über das dürre Erdreich – aber die Pferde schienen wild und unruhig und wurden es mit jedem Augenblicke mehr. Auch die Postillone schien eine bestimmte Besorgniss zu erfassen, sie riefen sich in tatarischem Idiom mehrfach zu und fuhren sichtbar nur mit Widerwillen weiter.
Um sie her schien sich jetzt die Steppe zu beleben. Die zierlichen Gestalten der Erdhasen huschten an ihnen vorüber oder suchten ihre Löcher. Zwei grosse Trappen mit erhobenen Flügeln und vorgestreckten Köpfen rannten scheu an ihnen vorüber, hoch aus der Luft tönte das scharfe Geschrei eines Adlers, der über ihnen weite Kreise zog und sich über die immer näher und näher kommende Wolke empor zu schwingen schien.
Wiederum, etwa noch einen starken halben Werst von jener Gruppe entfernt, hielt der Wagen. Schon seit einigen Augenblicken hatte ein leises eigentümliches Summen und Schwirren in der Luft begonnen. Die Räder schienen über weiches knirschendes Gras zu gehen, das halb verdorrte Gestrüpp der weiten Steppe schien sich, obschon kein Luftauch zu spüren war, zu regen und lebendig zu werden.
"Was gibt's?"
"Erlaucht," sagte der nächste Jämschtschik, "möge der heilige Iwan Dich segnen – aber es sind die Heuschrecken!"
"Tscherti tjebie by wsiali! was geh'n die Heuschrecken uns an? – vorwärts!"
Nur Einer, der diese furchtbare Landesplage noch nie in der Nähe gesehen, konnte so sprechen, und noch ehe die Equipage jene Gruppe erreicht hatte, wurde der Oberst inne, dass er sich hier in ein Uebel gestürzt, das keine Macht und nur Geduld zu beseitigen vermochte.
Nicht Tausende, sondern Millionen und aber Millionen dieser widrigen seltsamen Insekten füllten den Boden und schwirrten zum teil durch die Luft; dennoch bildeten diese massen offenbar nur die Flanke des fliegenden Stromes, denn wie die Reisenden jetzt deutlich bemerkten, bestand die grosse Wolke