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Gebiet, von dem einst die Ströme wilder Barbarenhorden sich über das gesittetere Europa ergossen, nach Süden bis zu den Mauern des goldenen Byzanz, nach Westen bis in die Fluren des sonnigen Italiens und Frankreichs, nach Norden hinauf bis zum blutigen Lechfelde, bis zu den Türmen Merseburgs, bis zum feld von Wahlstatt, wo der Sohn der heiligen Hedwig mit seinen Rittern fiel; von dem aus Pugatscheff den Tron der Czaren bedrohte.

Seit Peter der Grosse das erste russische Kriegsschiff aus dem Don in's Asowsche Meer gleiten liess, seit Catarina ihren Gemahl am Prut losgekauft mit ihrem Schmuck aus den Händen der Türken, seit ihre grosse Nachfolgerin und Namensschwester durch den Frieden von Kainardschi2 die Krimm und das schwarze Meer eroberte, ist Unendliches schon geschehen für diese Länderstrecken. Grosse Handelsplätze entstanden, wo sonst nur der Tartar seine wilden Rosse getummelt, die Oede der Steppe wurde zum Garten an ihrem rand, Oasen blühenden und fruchtbaren Landes tauchten auf aus diesem endlosen Gebiet, hervorgerufen durch den Fleiss fremder Colonisten, die religiöse oder politische Unduldsamkeit aus ihrer Heimat vertrieben und die hier Schutz und Reichtum fanden; blühende Militair-Colonieen entstanden, weite Strecken trugen das goldene Korn und die öde Graswüste wurde zur Fruchtkammer des halben Europa's, das an den Molo's von Odessa sein Brot holt.

Dennoch ist es noch immer die Steppe, die sich hier ausdehnt, und alle jene Städte, Gärten und fruchtreichen Colonieen sind eben nur Oasen in der grünen Wüste. Tagelang findet der Reisende, der sie auf der Britschka durchfliegt, nur die einsame Militair-Station, wo er die Pferde wechselt, die aus der Steppe oft meilenweit erst geholt werden, oder die Rasenhütte des Tabunschik3 und selten die freundlich weisse Colonie des deutschen Menoniten.

Die Steppe ist schön in ihrem Frühlingsschmuck, so weit das Auge trägt ein bunter duftiger Teppich von Blumen und Gräsern, von frischen Quellen bewässert, die der Winterschnee genährt hat. Aber es sind nur wenige Monate. Wenn der Sommer kommt, verdorren Blumen und Gräserdie Quellen vertrocknender Boden wird zur harten Rinde, von tausend Falten und Rissen durchzogen, die Heerden der mächtigen Rinder, der wilden Rosse und geduldigen Schafe drängen sich zusammen und suchen das letzte trübe Schlammwasser der Cisterne; eine dumpfe, staubige Hitze ruht auf dem braunen Erbreich und die wunderbaren Bilder der Fata Morgana täuschen den verschmachtenden Reisenden.

Denn der Mensch trotzt auch hier der natur und ihren Schrecken; durch die weite dürre Wüste marschirt die Colonne, die der Wink des Kaisers von weiter Ferne her zum Süden sendet, fliegt der Wagen, der den eilenden Courier, den unermüdlichen Reisenden trägt.

Die Rosse, die der eingeborene Jämschtschik mit Schmeichelworten antrieb, waren vor einen ziemlich eleganten pariser Reisewagen gespannt und zogen ihn rasch über die öde Fläche. Die Reisenden, welche anfangs die Strasse von Aleszki am Meere entlang gewählt, hatten dieselbe schon nach dem ersten Dritteil auf den Rat des Postmeisters verlassen, der sie versicherte, dass sie auf keiner Station weiter Pferde bekommen würden, da dieselben für die Regierung in Beschlag genommen, und sie versuchten daher, quer durch die Steppe reisend, die grosse Strasse von Berislaw nach Perekop zu erreichen.

In dem gegen die Hitze fest verschlossenen Wagen

sass ein russischer Offizier, den gebrochenen linken Arm in der Binde, und auch am kopf Spuren tragend von durch Quetschungen oder einen heftigen Fall erlittenen Verletzungen. Sie waren gewiss nicht im stand, das hagere Gesicht mit der hoch-kahlen Stirn, dem aufgeworfenen mund und dem grünlich grauen Auge zu verschönern.

Die Dame war gross und schlank, das Haar cendré,

der Teint und das Auge matt und dennoch voll Lüsternheit, das fest geformte Kinn Entschlossenheit ausdrückend.

Sie war voller Ungeduld und Ermattung. Bald

brauchte sie heftig den Fächer, bald das Flacon, oder öffnete und schloss das Glas der Wagentür, ohne auf ihren Nachbar viel Rücksicht zu nehmen.

"Lassen Sie das Fenster ruhen, Celeste," sagte die

ser endlich in französischer Sprache; "Sie verbessern das Uebel der Hitze dadurch nicht und lassen unnütz den Staub herein."

"Abscheulich!" rief die Dame; "nennen Sie das ein Land, in dem man atmen kann, Graf? Was versprachen Sie mir Alles in Bukarest? – den Himmel Italiens oder der Provence, Orangendüfte und die prachtvollsten Scenerieen, und hier sind wir, eingeschlossen in einem Wagen, in einem Meer von Staub und erstikkender Hitze, kein menschliches Wesen zu sehen, als höchstens ein Mal des Tages einige Halbwilde und eine Baracke, die Sie ein Postaus zu nennen belieben."

"Warten Sie!" sagte der Russe gleichgültig.

"Warten! Geduld!" rief die Französin heftig; "das mögen Sie Ihren Leibeigenen empfehlen, nicht einer Dame. Warum liessen Sie mich denn nicht lieber in Bukarest, wo doch noch ein Schimmer von zivilisation und Gesellschaft herrscht, statt mich solchen Fatiguen auszusetzen?"

"Sie sind unverständig, Celeste. Herr Bibesco, Ihr sogenannter Gemahl ..."

"Mein Herr," unterbrach ihn heftig die Dame, "keine Beleidigung!"

"Nun, Ihr wirklicher Gemahl," verbesserte sich spöttisch der Offizier, "sitzt im gefängnis und wird für seine Correspondenz mit den türkischen Ministern entweder erschossen oder wenigstens über den Prut mitgenommen werden. Ueberdies wissen Sie sehr wohl, dass sein Vermögen hin, der Rest mit Ihrer freundlichen Hilfe verschwendet ist und dass Sie von seiner Familie Nichts zu erwarten haben. Als