mir heute Morgen jedoch die Abschrift eines früheren Briefes aus Petersburg gebracht, der wichtige Details über die wahren Verluste an der Donau, die Stärke der russischen Truppen bei'm Rückgang über den Prut und die gegenwärtigen Aufstellungen und disponiblen Mittel in den südlichen Gouvernements in sehr genauen Zahlen entält. Der Brief ist etwas wert!"
"geben Sie her – mein Wort! ich werde daraus zu machen suchen, was möglich ist, und Sie sollen redlich Ihre Hälfte erhalten."
Mit einem habsüchtigen Zögern reichte ihm der Alte einige Papiere.
"Wollen Sie mich nicht vielleicht selbst mit der person zusammenbringen?"
"Das geht vorläufig unter keinen Umständen, denn ich selbst spreche sie zum ersten Male," entgegnete der Andere entschieden. "Die Einleitung hat mich viel Mühe gekostet, da man selbst von jener Seite mit grossem Misstrauen verfährt; Sie müssen sich also vorläufig auf meine Ehre verlassen. Ich bekümmere mich nicht um Ihre ursprünglichen Auftraggeber und Ihre kleinen Nebengeschäfte, aber was ich in die Hand genommen, will ich auch selbst durchführen. Sie hatten das Vertrauen zu mir, mich zum Mitwisser zu machen, haben Sie es also auch ferner. Unser Vorteil geht Hand in Hand."
"Meinetwegen denn – wir werden ja sehen, ob man sich honorig zeigt, und haben die Fortsetzung oder das Abbrechen der Verbindung ja in Händen. geben Sie sich nur keine Blösse und nennen Sie keine Namen. Noch Eins, wenn man's noch nicht weiss. Der Minister-Präsident wird übermorgen nach Bromberg entgegen reisen. Der Telegraph hat ihn citirt."
"Meine Ansicht ist, wir geben möglichst wenig Nachrichten über hiesige Vorgänge."
"Mir recht! Nun adieu, Kamerad, denn ich muss jetzt zur Stadt und mein altes Quartier aufsuchen. Machen Sie gute Geschäfte – wir treffen uns also bestimmt morgen früh um Neun, ehe ich zurückfahre?"
"Bestimmt! Gute Nacht, Lieutenant!"
Die Beiden trennten sich – der Alte ging, nachdem er seinen gefährten hatte aus dem Tor gehen sehen, die Strasse entlang und wandte sich links; der Andere richtete seinen Weg nach dem Tiergarten.
Viele Gedanken schienen ihn zu bestürmen – Zweifel – Bedenken – vielleicht Gewissensbisse. Er blieb wiederholt stehen und murmelte einzelne Worte vor sich hin – – – mehrmals auch wischte er sich den Schweiss von der Stirn. – Zeigten sich ihm ahnungsvoll die verdienten Schrecken der Zukunft? – sandten giftgeschwängerte Dünste der Sümpfe des glühenden Guyana, die furchtbaren öden Sandküsten des Aequators ihre warnenden Schatten in seine Seele?
"Es ist Nichts," sagte er leise; "was geht mich Russland an? mag es seine Geheimnisse selbst wahren! – Es ist nicht mein Vaterlands – ich bin kein Verräter an diesem – es gibt kein Gesetz – ein blosser Handel, wie jeder andere!" – Er schien entschlossen und wandte sich nach den dunklen Laubgängen.
Auf einer der Steinbänke sass ein Mann, in einen Paletot mit hohem Kragen gehüllt.
"Bon soir, Monsieur!"
"Quelle heure de la nuit?" "Les comödies ont finies et le spectacle commence." "Ah, le mot! – Je vous attends déja une demi heure." Der Rubikon war überschritten.
Fussnoten
1 Eine Befürchtung, die leider sich immer mehr nur allzu gegründet zeigt.
Anmerkung des Uebersetzers.
In der Steppe.
Hui! Hui!
"Väterchen, halte Dich gut, mein Liebling! Denke, dass wir in drei Stunden die Station erreichen müssen. Pfui, Brauner, wer wird stolpern, wo der Boden so fest und das Gras so weich ist! Strenge Deine Muskeln und Sehnen an, Närrchen, die gnädige herrschaft will es, die gnädige herrschaft zürnt mit dem armen Jämschtschick1, wenn wir vor Nacht die Stanzia nicht erreichen."
Es war auf der Steppe – gegen Abend, – ein schwüler Abend, der auf die glühende Tageshitze des Juli-Anfangs gefolgt war. Der heisse Sommer lag schon auf der nogaischen Steppe, die sich vom Dniepr bis zum Asowschen Meere hinzieht und den Zugang der Krimm von der Landseite bildet. Zwei Strassen, wenn man die Bahn durch die trockene Wüste so nennen kann, laufen nach dem Eingangspunkt der Landenge von Perekop, welche die taurische Halbinsel mit dem Festland verbindet: westlich von Odessa und Cherson her in der Nähe des Meeres über Aleszki und Kalanczig, – vom Norden, dem Wege von Czarkow und Jekaterinoslaw sich anschliessend, die Strasse von Berislaw über Czaplynka.
Kennst Du die Steppe? – Nein – Du kennst sie nicht, Leser, diesen Anfang einer grossen Zukunft, diese Hoffnung Russlands im Süden. Die mächtigen weiten Strecken, die sich von den Donaumündungen um den Pontus bis zu den Felsenwänden des Kaukasus hindehnen, auf der Karte wie in der Wirklichkeit nur unterbrochen durch die grossen Ströme Don, Dniepr, Bug, Dniestr und wenige Städtenamen; auf den Karten nur bezeichnet durch die Namen: Kosakkenlinie, nogaische Steppe, Steppe von Otschakow, Taurien. Unermessliche Grasfelder unter der schattenlosen Glut der Sonne, die im Sommer breite Erdspalten in den braunen Boden reisst, über die im Winter der eisige Orkan braust. Weite endlose Ebenen, aus denen sich nur die Mogilen, die geheimnissvollen Grabhügel vergangener Völkerschaften, erheben, – die nur das schilfbedeckte tief eingeschnittene Flusstal der grossen Ströme oder der sumpfigen Limans unterbricht, – oder die jähe Regenschlucht, vielleicht das seit Jahrhunderten ausgedörrte Bett eines Nebenstromes.
Das Land der Scyten, – das so lange unbekannte