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, in dem man im Licht der städtischen Gaslaterne leicht jenen gefährten des Winkelconsulenten von der Rennbahn wiedererkennen konnte.

"Warum auch, lieber Freund?" entgegnete der Andere. "Sie wissen, ich verstehe wenig Französisch und die Gegenwart eines. Dritten könnte überhaupt nur geniren. Wir haben es ja ausgemacht, dass ich ganz aus dem Spiel bleibe und Sie nur mit meinem guten Rat und meiner Gesetzkenntniss unterstütze. Ich will weder wissen, was der Inhalt dessen ist, was Sie von der dritten person erhalten, noch, was Sie damit tun. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Privatgeheimnisse, mit Ausnahme der beichte und des Arztes, von keinem Gesetz geschützt werden."

"Sie sind sehr vorsichtig!" sagte der Erste bitter.

"Vorsicht ist die Mutter der Sicherheit; meine Lage ist ziemlich precair und ich habe Familie, Sie aber stehen so gut wie frei und es wäre Torheit, wenn Sie den Vorteil und die gelegenheit nicht benutzen wollten. über einfältige Scrupel sind Männer wie wir doch wohl hinaus. Da tönt das Signal, der Zug kommt eben an, – ich wünsche ein gutes Geschäft und Sie wissen, wo Sie mich bis um 11 Uhr treffen. Nur keine Unvorsichtigkeit vor den Leuten."

Er liess den gefährten, ohne seine Antwort zu erwarten, allein und ging die Strasse an der Mauer entlang. Dann aber wandte er sich rasch links nach dem Tiergarten. Er war kaum einige Schritte gegangen, als er vor sich her ein Frauenzimmer gehen sah, das manchmal, wie halbtrunken, einzelne Worte vor sich hinmurmelte. Ein Etwas in der Gestalt schien ihm nicht unbekannt, der Schein der nächsten Strassenlaterne, der auf das rote gemeine Gesicht fiel, belehrte ihn, dass er das Weib vor sich hatte, das am Nachmittag auf der Rennbahn die Dame attaquirtim Augenblick übersah er den Zweck des Ganges, und sein schlechtes Herz jubelte über den glücklichen Zufall. Er mässigte seine Schritte, ging auf die andere Seite des Weges und behielt sie scharf, aber vorsichtig im Auge. So gelang es ihm, an dem Kreuzweg der Bellevue-Allee zeitig genug eine Frauengestalt zu sehen, die dort, tief verhüllt, zu warten schien, und noch ehe das Weib diese erblickte, unbemerkt in den dunklen gang zur Rechten zu gelangen, wohin er mit teuflischer Schlauheit berechnete, dass sie ihren Weg nehmen würden.

Als nach einer Viertelstunde die beiden Frauen sich trennten, wobei in der Hand der ehemaligen Haltefrau schwer eine Rolle von Talern blieb, folgte der Lauscher eben so gewandt und schlau der arglosen Dame, die mit einem Dank zu Gott für die glücklich abgewandte Gefahr mutig ihren einsamen Weg durch die dunkelsten Gänge zum Tore wählte.

Die schlimmere, drohendere schlich hinter ihrdie Schlange, welche aus dem geheimnis ihres freudenlosen Lebens einen Quell der perfidesten Erpressungen machen wollte. Der graue Winkelconsulent rieb sich die hände. – "Die Politik entläuft mir nicht," sagte er abgebrochen vor sich hin, "sie sind heute sicher vor mir, hier ist ein besserer und leichterer Gewinn. Aufgepasst also!" –

Kein schützendes Auge, das diesmal über der armen Frau gewacht hätte, – keine schirmende Hand, die den lauernden Schurken zu Boden geschlagen hätte! – wenige Minuten darauf sah er sie in eines der glänzenden aristokratischen Hotels der Wilhelmsstadt eintreten. – – – – – – – – – – – –

Der Zug von Potsdam war eingetroffen, Droschken und Fussgänger drängten sich durch das Tor. An der ersten der halb verkommenen Bildsäulen zur Linken des Leipziger-Platzes lehnte der Gefährte des Consulenten wartend. Nach wenigen Augenblicken schon kam ein Mann, in den Mantel gehüllt, aus dem Strom der Fremden und wandte sich nach der Stelle, wo Jener stand. Der Ankommende war ein alter Mann, etwa siebenzig, wie sein weisses Haar zeigte, von grosser magerer Statur, das Gesicht faltenreich, spitzig und schlau.

Am Briefkasten bei'm Tore hielt er einen Augenblick still, sah sich rasch um und steckte dann schnell zwei Briefe hinein. Die Adresse des Einen lautete an einen britischen Namen in einem der Hauptstationsorte der Bahn nach dem Rhein, und es lag offenbar eine Absicht zum grund, dass der Fremde, der von Potsdam kam, den Brief in Berlin zur Post gab. Der zweite Brief war nach Helgoland adressirt. Gleich darauf schaute der Alte sich nach dem Harrenden um, und als er ihn bemerkt, trat er zu ihm.

"Guten Abend, Lieutenant! Sie sehen, ich bin prompt."

"Bringen Sie Nachrichten?"

"Einige. Lassen Sie uns hier zur Seite gehen nach der Verbindungsbahn, wir sind dort ungestört. Haben Sie die Verhandlung angeknüpft?"

"Es ist geschehen und Alles geordnet; man rechnet auf meine regelmässigen Mitteilungen. Ich habe mir, wie Sie mich angewiesen, ausdrücklich bedungen, dass man nicht forscht, wie und woher."

"Und die Bezahlung?"

"Die Frage wird heute noch geordnet werden und gewiss zu Ihrer Zufriedenheit. Was bringen Sie für Berichte?"

"Die Kabinetsordre zur Realisirung der Hälfte der Anleihe ist am 17. unterzeichnet worden. Am selben Tage war Graf Münster von Petersburg in Gumbinnen und hatte eine zweistündige Audienz. Der russische General Grünwald hat ein Handschreiben überbracht."

"Haben Sie Nichts über den Inhalt erfahren?"

"Noch nicht. Der Kabinetsrat hat unsern Mann mitgenommen und zu schreiben an mich habe ich ihm verboten. Der Andere hat