mitmachen sieht. Die zufriedenen Leute werden immer seltener. Sehen Sie den darauf folgenden eleganten Mietswagen – ein unbekannter ungarischer Jude, der mit sehr gutem Gehalt an der Bühne engagirt zu werden das unverhoffte Glück hatte. Er war noch kein halbes Jahr im Engagement, so hatte er die Unverschämteit, bei einer Höchsten person um einen Pump von zweitausend Talern zu bitten – weil er nicht auskommen konnte! Und nun sehen Sie die Dame in dem nächstfolgenden Wagen, die mit dem pariser Hut, den der Staub der Rennbahn und des Weges an dem einen Tage verdorben, mit dem kind auf dem Rücksitz. Ein Kind ist jetzt Mode bei unsern Loretten! Neben ihr die Mutter – die Tochter ernährt sie und sie speculirt bereits darauf, sich von ihrer Tochter einst wieder ernähren und kleiden zu lassen. Pfui über den Schacher mit dem Mädchenleib!"
"Es geht in Paris," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "leichtsinniger und frivoler zu, als hier, aber selbst dort ist die Speculation nicht so raffinirt ausgebildet. Sie werden nie sehen, dass diese Hermaphroditen zwischen Frau und Mädchen Knaben haben – immer wieder Mädchen! Die Schande speculirt in die Zukunft, der Fluch unserer Zeit, die Speculation auch in diesem Genre. Da zwischen dem Wagen durch drängen sich mehrere junge Mädchen – wissen Sie, was sie verdienten, ehe sie das Seidenkleid, das sie tageweise leihen, auf dem leib trugen? drei und vier Silbergroschen in Strohhutfabriken, sechs mit Hemdennähen, denn verhältnissmässig sehr wenige bringen es zur Selbstständigkeit einer Schneidermamsell mit zehn Silbergroschen täglich und der Kost, – wenn sie Bestellungen haben. Aber jene armen Geschöpfe wollen auch leben mit ihren vier Groschen, – sie wollen Frühstück, Mittag- und Abendessen, sie wollen bekleidet sein und ein Kämmerchen haben, – wo das Alles hernehmen von dem Verdienst? Jedes Dienstmädchen ist besser daran, als diese armen Geschöpfe mit dem warmen Herzen und dem leichten Blute in den Adern. So fallen sie! Es ist ein sehr beachtenswertes Zeichen für die berliner Mädchenwelt, dass sich selten Eines entschliesst, sich in einem jener abscheulichen Häuser als Sclavin zu begraben. Die Meisten auch der Gefallenen arbeiten lange Zeit noch ehrlich während des Tages, und nur der Abend ist die Zeit des Leichtsinns und – des Verderbens. Hier ist der Krebsschaden, auf den ich vorhin deutete, hier sollte mit allen Kräften, allen Mitteln geholfen werden. Je mehr man dem weiblichen Geschlecht ermöglicht, ein ehrliches und züchtiges Mädchen zu bleiben, desto besser wird es mit der Gesellschaft überhaupt stehen."
"Können Sie es tadeln, dass man zum Beispiel die sogenannten Biermamsells abgeschafft hat?"
"Ja und Nein. Man hat das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Es gab viele Orte hier, die sogenannten Polkakneipen, die schaamloser waren, als das gemeinste Bordell. Die Polizei würde weit wohltätiger wirken, wenn sie sich weniger mit dem einzelnen Individuum zu schaffen machte, als mit der Beaufsichtigung und Controlle der öffentlichen Vergnügungsanstalten, und die Concessionen dazu nur den moralisch Gewähr leistenden Personen gäbe. Das Ueberbieten der Wirte mit unsinnigen Plakaten und Anzeigen fängt bereits an, in gefährlichem Maasse zuzunehmen. Hierbei wäre eine Censur ganz am Ort. Man hätte jene nichtswürdigen Kneipen schliessen sollen, die zum Scandal so lange bestanden, man hätte die Wirte für Zucht und Ordnung mit der Concessionsentziehung verantwortlich machen sollen, wie man doch Buchdrucker und Buchhändler, trotz der Pressfreiheit, damit zu nötigen weiss. Aber man hat durch jene Maassregel auch Hunderten von Mädchen die gelegenheit genommen, auf eine ehrliche Weise ihr Brot zu erwerben. Wenn man nichts Besseres an die Stelle setzen kann, muss man das Mindest-Gefährliche oder Schlechte lassen, das ist einmal eine, wenn auch traurige, doch notwendige Maxime des gesellschaftlichen Zustandes."
Sie waren unter diesen Gesprächen – immer in einiger Entfernung hinter dem Marketenderkarren jenes Weibes hergehend und sie beobachtend – über den Berg gekommen, auf dessen Höhe nach Westen das prächtige eiserne Denkmal der neuerschütterten heiligen Alliance steht, zu dem 6. August 1848 die Bauern von Tempelhof her, Choräle singend, mit ihren schwarz-weissen Fahnen zogen, während aus der Metropole bereits sich der lange Zug berliner Gewerke, fliegender Buchhändler, demokratischer Tribunalsräte und Abgeordneter, der versammelten Lindenclubbs und Zubehör mit allen jenen Harlequinszeichen der berliner Revolution wälzte, um am Fuss des Denkmals preussischer Ehre vom Reformator Held die Huldigung an den Reichsverweser empfehlen zu lassen. Längst schon hatten sie den Mann, dessen Zusammentreffen mit dem weib der Journalist eben vermeiden wollte, mit seinem gefährten in einem Torwagen an sich vorüberkommen sehen, und Jener glaubte die Gefahr vollends zu beseitigen, indem er am Fuss des berges, wo der Weg sich rechts und links abzweigt, der Frau nochmals ein Geldgeschenk unter der Bedingung machte, dass sie zu einem der andern Tore ihren Weg nehmen sollte. Die Vorsicht erwies sich bei'm Weitergehen nicht als unnütz, denn die Freunde bemerkten später in einem der zur Seite der Strasse liegenden Lokale das spionirende Auge des Consulenten.
Dennoch sollte die Bosheit durch die unglückliche Begünstigung des Zufalls ihr Ziel erreichen. ––––––––––––––––––––––––––––
Es war schlechtes Wetter geworden bei der Rückkehr von der Rennbahn, und der Abend finster und abwechselnd regnerisch. Es war gegen 10 Uhr, als unter dem Schutz ihrer Schirme in der Nähe des potsdamer Tores zwei Männer umherstrichen, auf die Ankunft des Bahnzugs wartend.
"Sie wollen also bestimmt nicht bei der Zusammenkunft zugegen sein?" fragte der Grössere, Elegantere der beiden Männer