einer geheimen Liebe mit einem Abenteurer – einem fremden Offizier – der sich einige Zeit hier aufhielt und auf irgend eine Weise Carriere zu machen suchte, nachdem er vergeblich den Liberalismus und die Revolution zur Leitersprosse benutzt hatte. Seiner ehrgeizigen Speculation scheint jetzt eine Chance sich zu bieten – man nennt seinen Namen als Zugabe zum orientalischen Feldzug. Ich kenne das Nähere jener tendre liaison nicht und weiss nicht, wie sie zum Abbruch gekommen, sondern nur, dass die Gräfin im letzten Winter von ihrem Vater genötigt wurde, ihren jetzigen Gatten, den Typus steifer, hohler Form und geistlosen Hochmuts und ihr an Jahren weit überlegen, zu heiraten. Einen monat darauf starb ihr Vater, das neue Ehepaar aber ist erst vor zwei oder drei Wochen von seiner Reise zurückgekehrt."
"Aber das verhältnis zu jenem weib, das doch den untersten Volksklassen angehört?"
"Das, lieber Freund, kann ich vielleicht fürchten, mag ich aber nicht wissen, ehe mir die Kenntniss nicht von anderer Seite aufgedrängt wird. Glauben Sie mir, man lernt in Berlin manche trübe Blicke in das Leben der Familien tun, die allen Schimmer und allen Glanz zum Moder machen und zeigen, wie selten das 'Hemd des Glücklichen' zu finden ist. Es ist so viel Schein, so viel Trug und Elend in der grossen Stadt, die dort vor uns sich hinstreckt, dass dem scharfen Beobachter bange wird um's Herz, wenn er ein solches hat. Wahre Humanität fehlt."
"Ich habe stets gehört, dass Berlin eine so grosse Anzahl wohltätiger Anstalten und Stiftungen besitzt, wie keine andere protestanische Stadt."
"Sie haben Recht; die Könige und Königinnen Preussens haben mit offener Hand und weiser Umsicht wahrhaft Erhabenes für die Leiden und unermesslich mehr geschaffen, als diese Stadt ihnen je gedankt hat, weil sie sich einbildet, vor dem ganzen land ein Recht darauf zu haben. Da drüben das Gehölz verhindert uns, eine der erhabensten Stiftungen frommen Wohltuns zu sehen: Betanien. Auch die Privatwohltätigkeit tut unendlich viel und gibt bei allen Gelegenheiten gern und viel. Ich erinnere Sie an den Brand von Hamburg. In neuerer Zeit jedoch fängt an, die Eitelkeit des Gebens überhand zu nehmen. Man beginnt mit zwei gefährlichen Dingen ein böses Spiel, das leicht das wahre Gefühl abstumpfen kann, man macht in 'Wohltätigkeit' und in 'Patriotismus', eine Art Annoncen- und Prahlerei-Geschäft gleich den sich überbietenden Kleiderhändler-Affichen. Es ist wahr, der Berliner hat gern zu Allem sein Stück Vergnügen, und wenn er liest: Der grosse Künstler X.X. wird sich zum Besten der und der Ueberschwemmten beide Beine abschneiden lassen und dann auf dem Kopf eine Polka tanzen, so steuern Tausende und aber Tausende zu dem guten Zweck höchst neugierig bei. Indess es ist ie Pflicht der Volkserziehung hier, das Ne quid nimis zu halten und namentlich die häufig im Hintergrunde lauernden eigennützigen oder ehrgeizigen Speculationen der Einzelnen zu beschränken, sonst untergräbt das vorhin besprochene christliche Judentum selbst uns diese beide schönen und ehrenden Gefühle1. Auf der, einen Seite das fortwährende Gift des Liberalismus und Materialismus, auf der andern das Lächerlich- und Widrigmachen – das genügt, um auch den Granit eines im Ganzen noch braven Volkssinnes zu untergraben."
"Sie sehen finster!"
"Das beiläufig; – es ist traurig, dass man immer wieder auf das politische Feld hinüberschweift, während ich Sie doch bloss von socialen Gebrechen unterhalten wollte. Doch dort eben bietet sich mir ein geeignetes Bild zur Rückkehr. Sehen Sie dort die Equipage, den Herrn mit dem starren Aktengesicht und der hochnäsigen, breiten, wohlhäbigen Miene darin, mit Frau und drei Töchtern – alle Toilette von Gerson. Der Geheimerat – es steht zwischen dem Geheimen und dem Rat freilich noch ein Wort in der Mitte, aber es ist in Berlin Styl, hier zu abbreviren, und die Gesellschaft wimmelt von Geheimeräten und Doctoren (selbst Ihr Ergebenster par courtoisie), gerade wie von Dresden von Baronen, Wien von Herren Von's und die rheinischen Fremdenlisten von Mhlady's! – also der Geheimerat hat ein ganz anständiges Einkommen, gerade so viel wie acht wackere Subalternbeamten in seinem Büreau, und dennoch petitionirt er beim Minister alljährlich um Gratification zur Badereise und Zulage zu Weihnachten, und wo irgend ein Diäten-Extraordinarium in der Luft schwebt, schnappt er es den Untergebenen vor der Nase weg. Dabei lebt der Mann für gewöhnlich zu haus viel schlechter, als ein Subalternbeamter in der Provinz. Warum? Um im Winter seine Empfangsabende und Soiréen zu geben, bei denen ein jammervoller Tee, ein dünn gestrichenes Butterbrot mit durchsichtigen Schinkenscheiben, ein Punsch oder Cardinal mit zwölf Teilen wasser und einem teil Rum oder Wein, aber unendlich viel Toilette, Musik, Gelehrsamkeit, Singakademie und lebenden Bildern gereicht wird; um alle Concerte und Opern mitzumachen, dazu nie die werte Familie zu Fuss gehen, sondern beim trockensten Wetter vorfahren zu lassen u.s.w. u.s.w. Glücklich und ehrlich, wenn er noch mit den häuslichen Entbehrungen davon kommt und sich nicht auf's Schuldenmachen legt!"
"Die allgemeine Genusssucht ist überall im Steigen"
"Das ist's, was ich sagen wollte. Eine bescheidene Lebensfügung schwindet immer mehr. Ich weiss in der Tat nicht, wie viele Subalternbeamten- und andere Familien, deren Einkommen man doch ziemlich genau überschlagen kann, in der Gegenwart das Alles mitmachen können, was man sie