jeder gelegenheit an den Tag legte, hatten jede Schranke für das Tun und Lassen des Mädchens aufgehoben. Ihr unbezwinglicher Eigenwille, der dämonische Charakter, der ihr innewohnte und aus dem dunklen Auge hervorbrach, regierten das Haus ihres Vaters und hatten längst jeden Zwang abgestreift.
Zu den Füssen Fatinitza's legte sich der Wolf und
leckte mit seiner glühenden Zunge ihre Hand. Eine seltsame bedrückende Stimmung schien sich mit ihrer Anwesenheit über die ganze Versammlung verbreitet zu haben.
Der Pascha rief die Wachen zurück, welche die drei
Verhafteten wieder fortführen wollten, und wendete sich zu dem Griechen.
"Du hast es eilig, junger Mann, meine Gerechtig
keit anzurufen," sagte er ernst. "Wer bist Du?"
Der Grieche wollte mit seinem Namen antworten,
als er den Finger des Mädchens erhoben und auf die Stelle gelegt sah, wo der Schleier ihre Lippen bedeckte.
Er verstand das Zeichen und sagte daher, ohne sei
nen Namen zu nennen, dass er ein griechischer Untertan und auf einer Reise gegen Ragusa nach Scutari gekommen und hier verhaftet worden sei, ohne dass er wisse, warum.
"Wo ist der Kläger?" fragte der Pascha, "und wes
sen sind diese drei Männer beschuldigt?"
Der Tschokadar trat vor und verbeugte sich vor seinem Herrn.
"Hoheit," sagte er unterwürfig, "Dein Knecht war in dem Caffeehause des italienischen Wirts vor den Toren Deines Hauses, als ich plötzlich eine Hand in der tasche meiner Jacke fühlte und, danach fassend, gewahrte, dass mir ein Beutel mit fünfzig Piastern28 entwendet worden. Dieser albanesische Dieb stand dicht bei mir und kein Anderer konnte es getan haben. Ich ergriff den Mann, indem ich ihm sagte, ich wolle die Gräber seiner Väter verunreinigen, wenn er mir mein Geld nicht zurückgeben würde, er aber zog seinen Handjar und bedrohte mich."
"Bak alum29!" bemerkte der Bei, sich den Bart streichend. "Habt Ihr das Geld bei dem mann gefunden?"
"Allah bila versin30!" rief der Ankläger, verächtlich den Zipfel seiner Jacke schüttelnd. "Das sind Leute, Hoheit, welche die ganze Welt in dem Winkel ihres Auges tragen! Er ist kein Esel, Hoheit, wenn auch sein Vater und seine Mutter solche waren. Ich habe deutlich gesehen, wie er den Beutel seinen beiden Helfershelfern dort zugesteckt hat."
"Haif, haif31! Was sagt Ihr dazu?"
Der Erste der Angeschuldigten, ein Albanese aus dem Küstenlande, spuckte verächtlich aus.
"Er ist der Sohn einer Hündin und lügt wie ein Hund! Ich habe diese Männer nie gesehen, und die Hand soll verdorren, die ich nach dem Eigentum eines Rechtgläubigen ausstrecke."
Der Zweite war ein Grieche aus der Stadt selbst. Er berief sich auf seine Bekanntschaft mit vielen der Anwesenden und meinte, der Tschokadar müsse sich in der person geirrt haben, als er ihn beschuldigte. Er bot Bürgschaft an und bat, dass man ihn untersuchen möge.
Der Pascha wandte sein Auge auf Grivas.
"Und Du? Was für Kot wirst Du uns zu essen geben?"
"Der Mann hat sich versehen, oder er ist ein Narr," antwortete der Grieche kühn, "Ich verlange, Hoheit, dass Du ihn bestrafst für seine Frechheit, unschuldige Leute anzuklagen."
"Allah bilir32! Du redest hohe Worte; aber ein Pascha ist kein Esel, der sich von jedem hergelaufenen Dschaur33 betrügen lässt. Untersucht seine Kleidung und seht zu, ob Ihr den Beutel bei ihm findet."
Die Khawassen fielen über den jungen Mann her, der im Gefühl seiner Unschuld sich willig der Untersuchung darbot. Zu seinem grossen Staunen und Schreck jedoch brachte der Tschokadar selbst, der bei dem Durchsuchen sehr diensteifrig half, den Beutel alsbald aus den Falten seines Gürtels zum Vorschein und hielt den Fund mit lautem Geschrei in die Höhe, während die Türken ringsum in den Lieblingsruf: Allah kerim! (Gott ist gross), ausbrachen.
"Was sprichst Du nun, Sohn einer ungläubigen Hündin?" zürnte der Pascha. "Bringt ihn hinaus in den Hof und gebt ihm fünfzig Stockstreiche zur Strafe für seine Frechheit!"
Der Grieche war Anfangs sprachlos gewesen über den so unerwarteten Beweis, der sich gegen ihn gefunden. Dann, als er das rasche und schmachvolle Urteil vernahm, kehrte seine Besonnenheit zurück und er verteidigte sich mit aller Lebhaftigkeit seiner Nation gegen den Verdacht, indem er anführte, es müsse ihm im Gedränge des Streites der ihm unbekannte Dieb den Beutel heimlich eingesteckt haben, wenn nicht der Ankläger selbst etwa aus Bosheit dies bei der Durchsuchung getan habe. Ein eigentümlicher spöttischer Strahl in dem Auge Fatinitza's, den er während seiner Worte auffing, bestärkte seinen letzteren Verdacht.
Als daher der Pascha, ohne seiner Widerrede viel zu achten, nochmals das Zeichen zu seiner Fortführung gab, wehrte er die Khawassen mit Gewalt zurück, sprang auf den Pascha zu und rief:
"So wahr Du ein Krieger bist, Selim-Bei, halte ein und untersuche die Wahrheit, oder lass mich lieber tödten, als solche Schmach erdulden. Ich bin ..."
Wiederum, mit Blitzesschnelle, sah er das Türkenmädchen das frühere Zeichen wiederholen. Zugleich neigte sie sich zu dem Ohre ihres Vaters und flüsterte ihm einige Worte zu. Der alte Selim neigte zustimmend das Haupt.
"Awret der!34" sprach er, "aber ihr Rat ist gut. Kannst Du einen Bürgen stellen