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machen höchst scharfsinnige Bemerkungen über die Garderobe der Herren!' – 'Meine Gnädige, warum sollte ich auch das nicht verstehen? ich arbeite doch schon drei Jahre bei Heimann unter den Linden!' – Sie können den Eclat denken!"

Beide lachten. Der Journalist erwiderte mit kaltem Nicken den Gruss eines Vorübergehenden. "Der Mann rühmte sich, am 18. März den Lieutenant von Zastrow vom Pferde geschossen zu haben. Doch seine Küche ist gut."

Ein grosser Herr mit kahler Stirn grüsste im Vorbeigehen.

"Sie haben meinen Artikel noch immer nicht gebracht, Doctor?"

"Es ist unmöglich, auch nur zwei Worte zu lesen. Ich besitze keine Dechiffrir-Anstalt. – Ein schmuziger Geizhals," sagte er im Weitergehen, "obschon einer der ersten Spiritusbrenner und einst der Vorstand einer ganzen Provinz. Jetzt hat er das Verdienst, jedes Mal mit seinen Reden die Bänke der kammer zu leeren. – Doch sehen Sie da die beiden Herrensie sind in der Tat aus dem Herrenhause und Beide Träger erster Namen Preussens, der Eine der Nachkomme eines berühmten Generals, der Andere der Sohn eines energischen Ministers. In diesen beiden Gestalten liegt wahre Aristokratie und Noblesse."

"Die dunklen runden Augen des Zweiten haben einen ergreifend melancholischen Ausdruck."

"Sie meinen den, der eben mit dem Polizeipräsidenten eine Verbeugung wechseltvom Scheitel bis zur Sohle ein Edelmann. Der Offizier, mit dem er spricht, machte in Paris Aussehen durch seine Reiterkünste. Es fliesst hohes Blut in seinen Adern und er ist einer unserer bekanntesten Cavaliere. Die Künstlerinnen wissen davon zu erzählen. Ah! – dasehen Sie die stolze Figur dort, die Donna Diana unserer Bühne? Ihr Bett soll einen förmlichen Pavillon abgeben, grösser als das der Königin von England, das ein besonderer Courier im schloss von Brühl einrichtete."

"Sie haben eine böse Zunge."

"Man lernt dergleichen in Berlin; es gilt, sich zu wehren. Der Angreifer hat den Sieg. Die Glocke hat uns von der Bahn gejagt, lassen Sie uns im Vorübergehen die Schönheiten der Tribünen mustern."

"Die Damen da dicht an der Königlichen Loge?"

"Es sind die einzigen Plätze, die sich die hohe Aristokratie und die Repräsentation der Westmächte zu bewahren vermocht hat. Und dennoch werden auch diese bereits blokirt. Sehen Sie die vierschrötige Gastwirtin dort, die sich gar zu gern in die zweite Reihe drängen möchte? Sie wusch einst für einen gutmütigen Rentier, und seit ihr würdiger Gemahl in patriotischen Concerten machte, fiel sie während der Bade-Saison auf allen Wegen den höchsten Damen durch ihr Knixen zur Last, bis Beide endlich, um sie los zu werden, ihren Zweck erreicht haben."

"Und Jene dort mit dem blassen orientalischen Gesicht?"

"Wahrhaftig, diesmal nur in der zweiten Reihe? – die Mama mit der ganzen Familie von sieben hoffnungsvollen Sprösslingen ist zu spät gekommen. Die junge Dame trägt nur Unterröcke von Valencienner Kanten, hat damit einem reichen jungen Handlungsherrn durch ihren Papa bloss 60,000 Tlr. als Abstandsgeld einer Heirat abgegaunert, tanzt ziemlich schlecht und lässt mit dem Gelde Wuchergeschäfte machen. Die Familie ist ganz vorzüglich auf ähnliche Speculationen dressirt und ausgezeichnet geachtet."

"Ich muss Ihnen gestehen, ich begreife die Möglichkeit einer so gemischten Gesellschaft nicht."

"Ich auch nicht, mein Lieber, aber wie gesagt, das Geld gewinnt bei uns alle Tage mehr Boden. Reines Blut ist wahrhaftig bald nur noch in den Vierfüsslern von Race zu finden. Sehen Sieda kommt die Carriere an, Graf Reichenbach's 'Despair' voran."

Die Aufregung im Turf war gross, denn der Sieg blieb lange unentschieden. Despair, Brandenburg und des Fürsten Sulkowski Renner "Exhibition" rangen wacker Kopf an Kopf.

"Zum Henker! der Pole hat wahrhaftig gesiegt!"

Das Gedräng' hatte sie hinter zwei Personen gebracht, deren Aeusseres einen scharfen Contrast bot. Die Eine breit und aufgeschwemmt mit einem nichtssagenden, gedunsenen, fast bleifarbenen Gesicht, aus dem allein die runden Augen Schlauheit und Bosheit leuchteten, zeigte in allen Bewegungen grosses Phlegma und Sicherheit; die Andere von ziemlicher Grösse, schlanker Statur und einem gewissen aristokratischen Aussehen wies jene unruhige Bewegung und Rastlosigkeit, die auf den Sanguiniker oder ein schlechtes Gewissen schliessen lässt.

Die Hinterstehenden hörten unwillkürlich einige Worte des Gesprächs.

"Was sagte Ihnen der Franzose?" fragte der Dicke.

"Nichts als das Loosungswort und die Bestellung auf heute Abend 11 Uhr in den Tiergarten."

"Dann können wir das gelbe Tuch einstecken, es hat seine Dienste getan. Wird Ihr Mann auch sicher kommen?"

"Um 10 Uhr mit der Bahn von Potsdam. Sie wissen, der Eine wenigstens begleitete den König und –"

Die beiden Männer wandten sich im Fortgehen und das Auge des Dicken begegnete dabei dem finstern und festen blick des Journalisten. Er zuckte sichtlich zusammen und sein fahles Gesicht wurde fast noch aschbleicher, während er seinen gefährten fortzog.

"Ein fatales Gesicht!"

"Und ein Schurke im inneren durch und durch. Ich war einst töricht und unvorsichtig genug, ihn zu benutzen und durch seine Eigenschaften als vortrefflicher Gesellschafter bestochen, viel mit ihm umzugehen. Er lohnte mir zahllose persönliche Wohltaten mit einer öffentlichen Verleumdung."

"Und was taten Sie?"

"Was konnte ich tun? Ich ohrfeigte ihn, als ich ihm das erste Mal wieder begegnete, auf offener