Befehl. Wie viel? – Es ist schwer, Geld aufzutreiben – die Cöln-Mindener und Ludwigshafen-Bexbacher nehmen Alles in Anspruch – 115 Procent heute!"
Ein verächtliches Achselzucken. – "Das ist Ihre Sache – ich kann mich hier nicht mit Ihnen aufhalten; um neun Uhr schicke ich." –
Die jugendliche Bettelgeneration mit Blumensträusschen macht ihren letzten Angriff – einzelne Equipagen nehmen bereits ihre Besitzer auf – die Prinzen haben die Königliche Loge verlassen und bewegen sich freundlich plaudernd über das eben beendete Rennen unter der Menge – die neuen Nummern werden aufgezogen und sechs Jockei's machen sich fertig zum nächsten Handicap.
Zwei Herren gehen aus und ab in der Bahn, an den Tribünen entlang – beide offenbar keine Sportsmans, doch den gebildeten Klassen angehörend; der Eine in Reiserock und Mütze.
"Ich wusste Sie wirklich all keinen Ort zu führen, lieber Doctor," sagte der Andere, "der Ihnen, da Sie zum ersten Male in Berlin sind, rascher und prägnanter ein Bild unseres Lebens und der Klassen, Sünden und Annehmlichkeiten der Berliner Gesellschaft gegeben hätte. Sie finden in der Tat hier Alles, was auf diesen Namen Anspruch macht, und ein buntes pêlemêle ist es in der Tat."
"Bitte, bezeichnen Sie mir einige pikante oder hervorragende Persönlichkeiten."
"Da sehen Sie unsern preussischen Premier; Sie kennen ihn bereits. Er unterhält sich eben mit dem Chef unserer Polizei."
"Herr von Hinckeldei hat in der Tat sich bereits einen europäischen Ruf erworben."
"Ich fürchte, er wird an diesem und seiner Energie scheitern. Bei der Macht ist es schwer, die richtige Gränze zu treffen."
"Die öffentliche stimme nennt Ihre Finanzen, Ihr Postwesen und Ihre Polizei vortrefflich."
"Ich erkenne an, dass ohne einige kleine Sünden gegen die Paragraphen über die persönliche Freiheit nicht Ordnung zu halten ist. Dennoch lieben wir auch hier manche Neuerungen aus dem Jahre 1848 nicht."
"Sie haben wenigstens in Preussen den Vorzug, dass zu Ihren Sicherheitsbeamten stets nur Personen von unbescholtenem Ruf und bewährter Treue, keine Vidocq's gewählt werden."
Der Preusse zeigte nach einem Herrn, der im seinen Reitfrack vorüberging, den weissen Bibi auf dem etwas kahlen kopf und einen grossen Brillant im Chemisett. – "Wissen Sie, dass der Mann dort, der rechts und links grüsst, zehn Jahre in Spandan gesessen hat und einen der berüchtigsten Gaunernamen der Residenz trägt?"
"Und er kommt hierher?"
"Warum nicht! Sie werden noch ganz andere Dinge auf unserer Runde erfahren. Der Mann ist reich und man antichambrirt bei ihm unter den Linden. – Sehen Sie den kleinen Herrn dort – er trägt einen vornehmen Namen, ist ein rastloser tätiger Geist und hat Vieles geleistet auf dem feld der politischen Intrigue in den bösen Jahren. Er hat manchen künftigen GeneralConsul gemacht. Man hätte ihn zum Diplomaten creiren sollen, wenn er nur nicht eben so gut im haus der Wucherer, als im Hotel der Minister bekannt wäre."
"Der Herr, um den er eben einen Umweg macht?"
"Ein ehemaliger Schulkamerad von mir; vor ihm und seinem Bruder liegt viel Zukunft, obschon ihn die Gegenwart in eine schiefe Stellung gebracht hat. Die Majestät soll 1849 von ihm gesagt haben: 'Der ..... will wohl gar Minister werden?' – Und dennoch, Freund, wird er's einst sein und ich wünsche es ihm, denn er ist vielleicht am meisten von der conservativen Partei mit Undank behandelt worden. Ich weiss, welche zähe Tätigkeit er im Jahre 1848 entwickelt hat! Es sind Viele in den Reihen unserer Kammeropposition, die damals Männer voll Treue und Aufopferung waren."
"Man sagt im Auslande, das Princip der preussi
schen Regierung nach dem Jahre 48 sei mehr darauf gerichtet gewesen, die Nichtbewährten an sich zu ziehen, als das Verdienst der Bewährten anzuerkennen?"
Das Gesicht des Andern wurde ernst. – "Das
Gleichniss vom verloren gegangenen Lamm," sagte er mit einem gewissen Hohn, "ist christlich, aber nicht politisch. Die Treue ist kein Verdienst, aber die Untreue ist eine Schmach; das ist ein ewig geltender politischer Satz, und für das Rechtsgefühl treuer und ehrlicher Herzen ist es eine tiefe Verletzung, Leute sich jetzt brüsten und blähen und überall mit ihrem Patriotismus für König und Tron sich in die vordersten Reihen drängen zu sehen, die, als die Wogen hoch gingen, nicht bloss feig den Posten verlassen, sondern die zu den offenen Gegnern und Schmähern des Trones gehörten."
"Sie haben zwei Stände in Ihrem land, deren Ge
sinnung sich unverbrüchlich bewährt hat: den Adel und das Heer."
"Sie sprechen da eine schwere Beschuldigung aus, die ich auf meinem vaterland nicht haften lassen kann. Das ganze Land ist treu dem Trone und ehrlich conservativ – der Graf wie der Bauer, der Soldat wie der Bürger. Was schlecht und faul war und ist, das sind zwei Dinge: der Schachergeist des christlichen und orientalischen Judentums und der rabulistische Advokatengeist von Westen. Beide sind Früchte der gepriesenen Neuzeit."
"Ihr Adel –"
"Unser Adel – sehen Sie hin da auf jene zahlreiche Gesellschaft, markige frische Gestalten und Gesichter – ich liebe die geborene Noblesse des Körpers! Unser Adel hat sich brav bewährt und ich gönne ihm selbst seine stark wieder hervortretende Exclusivität. Aber der Schachergeist nagt leider auch an ihm, schmuziger Rost