vielleicht wieder seit seiner Kindheit – seit jener Zeit, da er den schwarzen Lockenkopf in den Schooss der Mutter gelegt, da sie ihn zum Kirchlein geführt auf der Felsenhöhe von Capo Calvi, von wo der blick des Kindes hiuausschweifte über das blaue, sonnige, liebliche Meer, über Fels und Tal – –
Und er sollte Meer und Tal und Fels nie wieder schauen?
Um ihn schwarze Finsterniss – das Grab – das ewige furchtbare Grab –
Die Gebete seiner Seele wurden zu Lästerungen – entsetzlihe Bilder tanzten und tauchten aus der Finsterniss um ihn her –
Lauter und lauter schallte durch die dicke Erdwand das arbeiten der russischen Minirer zu ihm herüber. Ihm däuchte, er könne schon die einzelnen Stösse der Spaten, das Murmeln der Stimmen, das Commando des Ingenieurs vernehmen – –
Ein blick auf die Kerze – er hatte sie eigentlich nie aus den Augen gelassen – belehrte ihn, dass jede Hoffnung vergeblich sei – kaum linienbreit noch schwebte die Flamme über dem Pulver.
Da begannen bleiche drohende Gestalten vor ihm sich zu erheben, die er so lange zurückgedrängt; die blassen toten von Ajaccio – die geschändeten Mädchen und gemordeten Greise aus den Schreckenstagen Roms – Paduani in der Strasse von Pera – das schrekkensbleiche Gesicht, die starrenden Augen des armen Dieners in der Villa zu Hietzing vor den Toren Wiens – auch dessen Augen allein hatten Sprache, auch dessen Zunge fesselte der Knebel –
Jahre der Angst und der Furcht vor dem Ewigen lagen in den wenigen Minuten, die seit dem Verschwinden des Mohren doch erst vergangen, und doch waren sie so kurz, so kurz – –
Näher und näher dröhnten die Spatenstiche der Russen – er hörte es deutlich, sie hatten die Richtung nach ihm eingeschlagen, von dem dumpfen Klang der Höhlung geleitet – er hörte das versuchende Pochen – deutlich den Befehl des Offiziers – kaum wenige Fussbreit noch – –
Allbarmherziger Gott – Rettung – Rettung – –
Da – da –
Es knisterte an der Flamme des Lichts – es zischte – ein, zwei Körner sprühten –
Dann – – ––––––––––––––––––––––––––––
Mit der fahlen Bleiche, welche die schwarze Farbe annimmt, durch welche der grelle Sonnenstrahl des Aequators die Wesen jener glühenden Länder gezeichnet hat, stürzte Jussuf, der Courier Mariam's, mit hastigem Schritt aus den Gewölben der Bastion, die zu den Minen führten.
Er sah das goldene Mittagslicht, den blauen Himmel über sich – der Sonne Strahl blendete sein Auge, das aus der Nacht des Grabes kam.
"Der On-Baschi – der On-Baschi – wo ist er?"
Man trug ihn halb den Capitainen entgegen, die auf die Meldung eilig herbei kamen.
"Fasse Dich, Mann! – Was ist geschehen? – wo ist Dein Gefährte?"
Der Mohr stand vor den Offizieren, deren Kreis sich mit jedem Moment vermehrte; er hatte alle seine Fassung wieder erhalten.
"Die Moskows, o Aga, sind in der Nähe der Minenkammer, wir hörten deutlich ihr arbeiten – vielleicht keine zehn Ellen uns zur Seite –"
"Ich will mich überzeugen!"
kapitän Grach eilte nach der Kehle der Bastion.
Der Mohr warf sich ihm in den Weg.
"Wallah! es ist zu spät – mein Kamerad wird zünden, so bald er die Russen nahe genug hält, – er muss jeden Augenblick erscheinen; ich eilte voran, es zu verkünden."
"Das Glück ist für uns!" rief der französische kapitän, dem rasch die Worte übersetzt worden. "Eilen Sie zu Hussein-Pascha, Herr Kamerad, damit er die Truppen zum Ausfall bereit hält. An die Geschütze, meine Herren, und fertig zum Feuern!" Er sprang die Böschung hinauf, auf die Wälle der Bastion – kapitän Grach war davon geeilt. ––––––––––––––––––––––––––––
Durch die vorderste Linie der gegen Arab-Tabia vorgeschobenen Trancheen kam mit seinem Adjutanten der greise Chef des russischen Geniewesens. Sein kalt-graues aufmerksames Auge prüfte genau jede Linie, die Höhe der Brustwehr, die Anlage der Embrasüren, die arbeiten zum Aufstellen der Kanonen, die Richtung der fertigen Geschütze, die bereits in vollem Feuer gegen die Bastionen waren. Zuweilen aber machte er eine plötzliche unheimliche Bewegung, wandte das weisse Haupt zurück, gleich als wolle er Jemand sehen, der ihm folgte, und schien, in's Leere starrend, auf Worte zu horchen, die nicht gesprochen wurden.
An der Kehle der Sappe rief er den kommandirenden Artillerie-Offizier. – "Lieutenant Potemkin!" – es war derselbe, welcher so kühn und umsichtig in der Nacht des grossen Ausfalls die ersten Geschütze in's Feuer gebracht – "welche Nachricht von den Minirern?"
"kapitän Ochalski hat vor fünf Minuten melden lassen, dass er das Bett des Grabens bis zur Mitte erreicht hat. Man beginnt das Pulver hinabzuschaffen."
"Gut! Sobald die Sache beendet, schnellen Rapport. Er findet mich an der zweiten Mine gegen die Citadelle." Er brach plötzlich ab und wandte sich hastig um, als sähe er Jemand hinter sich stehen. "Zum Henker! kann ich des Kaisers heute denn gar nicht los werden? Gespenster passen nicht zum Dienst! – Was winkt der Schatten fortwährend mir und raunt mir in's Ohr, als ob ich nicht wüsste, dass heute der Dreizehnte! – Der Fürst lässt mir melden, Lieutenant, dass in einer Stunde die zum Sturm bestimmten Truppen in die Linien rücken werden. Vergessen Sie die Botschaft an Ochalski nicht, dass ich schleunigen Rapport