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zu versuchen. Der Alte verliess ihn, indem er ihm auf's Dringendste anbefahl, nicht aus dem haus zu gehen und durch sein Umherstreifen keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Nach zwei Stunden kam er wieder; er hatte den Mann gefunden und dieser war bereit, für die Schnur der Goldmünzen dem Gefangenen zur Flucht zu helfen. Doch gab es nur eine Weise, diese auszuführen, da die Ausgänge der Citadelle selbst stets von Wachen besetzt und gefährlich zu passiren waren. Der Kerker des Czernagorzen lag im dritten Stockwerke des Turmes, das Fenster war deshalb nur leicht vergittert und der Mann hatte es übernommen, dem Gefangenen Feile und Strick zu bringen, um sich mit deren Hilfe durch die nach dem See zu schauende Fensteröffnung zu retten. Nicolas sollte mit einem Kahn sich um die zwölfte Stunde der Nacht in der Nähe des Turmes halten und den Flüchtling aufnehmen. Die ganze Nacht blieb ihnen dann, sich in Sicherheit zu bringen.

Grivas entledigte sich der scharfen Feile, die er im Leder der Gamaschen trug, und des Strickes um seine Hüften, und der Alte trug Beides gleich verborgen zu dem Helfer, der die Hälfte der besprochenen Belohnung im Voraus empfangen hatte und den Rest erhalten sollte, nachdem er seine Aufgabe erfüllt. Gegen Abend sollte Nicolas die Stadt verlassen, wie er gekommen war, und im Schatten der Nacht mit seinem Kahn dem Turme nahen, um zur bestimmten Stunde bereit zu sein. Weitere Hilfe vermochte ihm der Gastfreund unmöglich zu leisten, und das Folgende blieb dem Mut und Glück der beiden Blutbrüder überlassen.

Es war gegen Abend, als Nicolas Grivas von dem Gastfreund Abschied nahm, um die Stadt vor dem Schluss der Tore zu verlassen und sein Unternehmen zu beginnen. Mit seinen besten Segenswünschen entliess ihn der Moslem, der jedoch nicht wagte, in seiner Begleitung weiter sich sehen zu lassen. Der Grieche wandte sich zum Tor; aber unwillkürlich zog es ihn noch ein Mal hin in die Nähe der Unheimlichen, die so eigentümlichen Einfluss auf ihn zu üben begann. Er ging nach Ghirolamo's Khan und setzte sich wiederum dort nieder, nach den Mauern starrend, welche die seltsame Erscheinung bargen, die man die "Wölfin von Skadar" nannte.

Plötzlich entstand ein Lärmen in seiner Nähe. Ein Tschokadar24 war in Streit mit einem Albanesen geraten, im nächsten Augenblick blitzten, wie dies bei solchen Scenen gewöhnlich ist, die Handjar's, und ehe Nicolas den Platz verlassen konnte, sah er sich mitten in den Knäuel gerissen und in den Streit verwickelt. Tschauschi's25 sprangen herbei, und nach kurzem Gezänk ward er ergriffen und mit zwei andern der Gäste zum Tor der Citadelle geschleppt, wo ihnen die hände gefesselt wurden. In Begleitung ihres Anklägers, des Tschokadars, wurden sie alsbald vor den Pascha geführt.

Durch den Hof, der die Zenanahdie wohnung der Frauenvon den öffentlichen Gebäuden trennte, gelangten die Gefangenen über mehrere Stufen in die Halle, wo S e l i m - B e y , der Pascha von Albanien, sass. Die Halle selbst bot ein seltsames Gemisch orientalisch-üppiger Ausstattung mit dem rohen Mangel des Kriegerlebens, da der Bei ein tapferer Soldat war und sich bereits in seiner Jugend in dem Kriege gegen die Kurden ausgezeichnet hatte. Später bekleidete er mehrere hohe Stellen in Epirus und Macedonien, und seit der Verbannung des rebellischen Mustapha's, des letzten Pascha's aus der Familie Butschali im Jahre 1833, das Paschalik von Scutari, wo die fast ununterbrochene Fehde mit den unruhigen Nachbarn seine kriegerischen Talente und seine Tätigkeit in Bewegung hielt. Die seidenen Kissen der Divans wechselten als Sitzte mit gegerbten Wolfs- und Bärenhäuten oder den einfachen Kordgeflechten ab; zwischen den zahlreichen Dienern und Müssiggängern aller Art strichen Soldaten des Nizam umher, oder sassen rauhe Krieger der umwohnenden arnautischen Stämme, mit denen der Pascha einen regen Verkehr unterhielt.

Es war die Stunde des Abendgebets und der Muezzim hatte vom Minaret herab den Ezan26 eben ertönen lassen. Alle Moslems verrichteten andächtig ihr Gebet, während die Christen gleichgültig zusahen und kaum ihr Gespräch unterbrachen. Es ist dies die Zeit, nach welcher ein Muselmann selten noch ein Geschäft vornimmt, sondern sich gemächlich in die inneren Gemächer seines Hauses zurückzieht. Als daher die drei Gefangenen vor den Bei gebracht wurden, befahl er anfangs, sie bis zum andern Morgen auf der Wache zu behalten und sie dann ihm oder dem Mollah27 vorzuführen. Nicolas Grivas jedoch, dem es galt, um jeden Preis sich wieder frei zu sehen, rief laut die Gerechtigkeit des Pascha's an und erklärte, den Schutz des griechischen Consuls für die ungerechte Haft in Anspruch nehmen zu wollen.

In diesem Augenblick öffnete sich im Hintergrunde der Halle neben dem Sitz des Bei's eine Tür, und die verhüllte Gestalt einer Frau, von dem zahmen Wolfe begleitet, trat ein und setzte sich auf ein Kissen hinter dem Pascha. Nicolas erkannte sofort Fatinitza. Obschon es im Orient etwas Ungewöhnliches ist, dass sich Frauen in die Beratungen und Gesellschaft der Männer drängen, schien die Gegenwart des jungen Mädchens hier doch nicht aufzufallen. In der Tat war man gewöhnt, sie bei jeder gelegenheitselbst unter den Mühseligkeiten der Feldzüge und im wüsten Treiben des Lagersan der Seite ihres Vaters zu sehen, und teils die den Frauen mehr Freiheit gestattenden Gebräuche der slavisch-griechischen Weststämme, als jene der wirklichen Orientalen, teils die unbegränzte Nachsicht und Liebe, die der Bei für dieses sein einziges Kind bei