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geschichte hören, durch welche Ursache, – und der Sturm gegen die Festung war erst für den Nachmittag 3 Uhr festgesetzt, nachdem drei grosse Minen, welche die Russen gegen die Forts Abdul-Medjid, Arab-Tabia und Yania gerichtet hatten, gesprengt sein würden. – – –

Eine finstere undurchdringliche Nacht füllte wieder den etwa drei Fuss breiten, langen, winkligen gang, der aus dem Souterrain der Bastion von Arab-Tabia unter dem Graben gegen den äussern Wall führte und dort in einer kammer von etwa zehn Fuss Quadrat und Mannshöhe endete. Die schwarze Finsterniss dieser kammer wurde gebrochen durch das matte Licht einer sorgfältig verwahrten Laterne von dickem Glase, die auf dem Fussboden am Eingang des Ganges stand und ihren Schein auf mehrere, an den feuchten Seitenwänden aufgestellte Fässer und zwei Männergestalten warf, die in der Mitte des engen Raumes in der gewöhnlichen türkischen Stellung auf dem Boden kauerten.

Die Deckel der Fässer waren aufgeschlagen, schwarz, wie die Umgebung rings umher, war der Inhalt derselbenein starker Zündsack lief von einer der Oeffnungen zu der andern. Am Eingang der Erdkammer hing an einem in die Seitenwand gestossenen Querholz eine grosse Klingel, von deren Griff eine Schnur sich in das Dunkel des Ganges verlor.

Die beiden Männer waren die Wächter der Mine, – in der Tiefe des einmündenden Ganges, um die Ecke des Winkels biegend, verlor sich eben der letzte Lichtschein einer sich entfernenden Laterne, – kapitän Grach mit seiner Ordonnanz, der eben die Minengänge nochmals revidirt hatte.

Die Runde schien ein inhaltschweres Gespräch der beiden der Todesgefahr keck trotzenden Wachen gestört zu haben, denn als kaum jener letzte Lichtschein verschwunden war, begann es auf's Neue. Obschon in dieser Tiefe der Erde, weit entfernt von der Ausmündung der Gänge, selbst der lauteste Schrei von keinem menschlichen Ohr weiter gehört werden konnte, wurde das Gespräch doch leise, fast flüsternd geführt, – gleich als verböten die Schauer des grabähnlichen Ortes jeden lauten Ton.

Der Schein der Laterne fiel auf die beiden Gesichter, wie sie manchmal in seinem Dunstkreis sich vorwärts beugtenauf das dunkle Antlitz des Mohren Jussuf mit den grossen gelbweissen Augen, die er gedankenvoll auf den Zweiten gerichtet hielt, auf seinen neuen Freund und fast unzertrennlichen gefährtenSta Lucia, den ehemaligen corsischen Banditen.

"Der Hekim-Baschi vermisst seit zwei Tagen einen wichtigen Brief," sagte langsam der Mohr. "Baksieher glaubt, dass Du ihn gestohlen hast, während Du bei mir warst, denn er hat mich und meinen Bruder gewarnt vor Dir. Doch der Prophet weiss es, ich kann nicht von Dir lassen, und darum bin ich mit Dir in dieser Höhle der Schrecken, wo Eblis herrscht, der Fürst der Finsterniss."

Der Corse lachte.

"Barbuasso! bekommen wir nicht glänzendes schönes Gold dafür, dass wir den gefährlichen Posten übernommen, der nur Gefahr droht den Feigen und Ungeschickten, und hätten wir die Zechinen des Pascha's Andern lassen sollen? – Aber genug, ich hatte noch eine andere Ursache, Dir den Posten vorzuschlagen, um unbelauscht hier sprechen zu können."

Er griff in seinen Gürtel, zog einen ledernen Beutel heraus und öffnete ihn im Licht der Laterne.

"Kennst und liebst Du das?"

Der Beutel entielt etwa 30 bis 40 Goldstücke.

"Bismillah! Kameradwie kamst Du dazu?"

"Höre mich an, Jussuf," sagte der Andere, indem er den Beutel wieder einsteckte, "Du sollst halb Part haben und noch mehr als dies. Antworte mir aufrichtig bei Deinem Propheten: Hältst Du grosse Stücke auf den Hekim-Baschi, Du und Dein Bruder?"

"Was soll ich sagen, Freundes ist so und es ist anders. Nursah, mein Bruder, isst sein Brot; aber er ist ein Franke, ein Dschaur. Was geht ein Ungläubiger mich an?"

Der Corse sah den schlauen beobachtenden blick nicht, den sein Gefährte bei den Worten auf ihn schoss.

"Per bacco! das ist Recht, – ich konnte es mir denken. Jussuf, es ist wahr, ich habe den Brief."

"Wallah! ich dachte es mir! Ein Brief ist ein Brief und eine Erfindung des Teufels. Ich spucke auf alle Briefe und ihre Väter und Mütter. Was tust Du mit dem Briefe?"

"Ei zum Teufel! Mir selbst ist wenig an dem Wisch gelegen, aber desto mehr, wie es scheint, dem Engländer, der die Ehre hat, mich jetzt als eine Art Leibdiener und Khawass in seinen Diensten zu haben!"

"Dem Inglis?"

"Ja. Ich will Dir Etwas sagender Hekim-Baschi, Deinoder vielmehr Deines Bruders Herr, ist ein Spion der Russen, er verkehrt mit ihnen und sendet ihnen Botschaft aus der Festung."

Er sah den dunklen, blutigen blick nicht, der auf ihn schoss.

"Ich weiss nicht, ob Du mit zu dem Complot gehörst," fuhr der Corse ruhig fort, "aber ich möchte es fast glauben. Du weisst, was einem Verräter nach dem Kriegsgesetz droht?"

"Inshallah! wohl weiss ich es! Aber Du wirst nicht von hier gehen, um es weiter zu erzählen."

"Narr! lass Deinen Handjar ruhig im Gürtel stekken. Ich fürchte Dich nicht; wenn ich nicht eine gute Absicht mit Dir hätte, würde ich mit Dir nicht hierher gegangen sein