Der angerufene General zuckte die Achseln.
"Ich glaube, man hält dort die Donau-Besetzung jetzt selbst für einen Fehler. Man hätte am Bosporus stehen oder innerhalb der russischen grenzen bleiben müssen."
"Sehr wahr. Aber wir dürfen Silistria nicht aufgeben ohne des Kaisers ausdrücklichen Befehl," sagte ziemlich heftig General Chruleff.
Der Feldmarschall nickte ihm zu und zog dann langsam den Brief seines kaiserlichen Herrn aus dem Couvert.
"Wollen Sie des Kaisers eigene Worte hören?"
Alle schwiegen ehrfurchtsvoll.
"Hast Du, Fürst Iwan Feodorowitsch," las der Feldmarschall, "bei Empfang dieses Briefes die Festung Silistria genommen, so wollen wir Gott und den Heiligen für diesen Sieg Russlands danken. Weht der Halbmond noch auf ihren Mauern, so will ich Dir überlassen, was Du das Beste zu tun hältst. Bedenke jedoch, dass Russlands Ehre nur in Russland selbst liegt. Ich wiederhole die Vollmacht, die ich Dir bei der Uebernahme, des Kommando's erteilt habe."
Der Fürst-Stattalter schwieg; General Chruleff war der einzige, welcher eine rasche Antwort hatte:
"Wir können unmöglich von hier gehen, ohne wenigstens noch einen Schlag versucht zu haben."
Der alte Fürst lächelte.
"Nein, tapferer Chruleff," sagte er freundlich, "das sollst Du auch nicht. Ich sehe, dass wir einig sind über die notwendigkeit des Rückzuges, doch darf er natürlich nicht übereilt werden. Es gilt zunächst, die Combination des Muschirs zu vereiteln."
"Wir haben die Depeschen in unserer Hand."
"Ganz recht, aber ich halte es für zweckmässiger und weiser, sie richtig in die Hand des neuen Kommandanten gelangen zu lassen, um nicht sein Misstrauen wachzurufen. Es handelt sich bloss darum, Zwiespalt und Verwirrung in ihre Beschlüsse zu bringen."
"Man könnte den Datum um zehn Tage ändern!" sagte General Schebesky kaltblütig.
Der Fürst von Warschau lächelte sein.
"Das war meine Meinung; im Kriege ist jede List erlaubt. Sobald dies mit der nötigen Vorsicht geschehen, womöglich noch diese Nacht, Fürst, lasse den Boten nach Silistria laufen, triff aber Anstalten, dass wir genau von allen Vorgängen in der Stadt unterrichtet bleiben. Ich bin entschlossen, wie ich in Warschau beabsichtigte, mein Hauptquartier bis zum Eintreffen weiterer Befehle des Kaisers nach Jassy zu verlegen. Es ist der geeignetste Punkt – 32 Meilen von Silistria, 20 von Kamienecz und 22 von Odessa, – wir übersehen da das Feld. Du, Fürst Gortschakoff, übernimmst von diesem Augenblicke an wieder den Oberbefehl der moldau-walachischen Truppen. Lasse morgen das Bombardement gegen die Festung von den Inselbatterieen wieder beginnen, fange aber an, Dein anderes schweres Geschütz auf das linke Ufer zu bringen. Schilder muss so weit fertig sein, dass am 13. ein Versuch gegen die Citadelle gemacht werden kann. Beordere Pawloff, von Tuturkai aus sich dem Zuzug von Rustschuk entgegenzuwerfen, indess Chruleff den Renegaten Mehemed8 und den Muschir angreift. Dadurch wird der ganze Operationsplan der Gegner zerstört und wir erhalten Zeit, zu sehen, was sich mit der Festung noch beginnen lässt."
"Ich werde die Befehle noch diese Nacht erteilen. Ich höre, Lüders befindet sich auf dem Wege der Besserung?"
"So ist es. Gott und den Heiligen sei Dank; dafür werden wir den braven Orloff verlieren. Ich bedaure seinen Vater, meinen alten Freund! – Verdammt, Doctor, ich glaube, die Schmerzen nehmen wieder zu!"
"Wenn Euer Durchlaucht sich nicht sofort einige Ruhe gönnen, stehe ich für Nichts, am wenigsten für die Möglichkeit, abzureisen."
Die Generale verabschiedeten sich. ––––––––––––––––––––––––––––
Es war am Morgen des 13. – Dienstag –, in der seit zwei Tagen durch ein unaufhörliches Bombardement schwer bedrängten Festung erwartete die Besatzung jeden Augenblick einen Sturmangriff der Russen, sobald die Minen des Generals Schilder ihr Werk getan, deren bereits einige von den Russen in den letzten Tagen gesprengt worden, ohne dass sie jedoch mehr als leicht wie derherzustellende Mauer- und Erdrisse zu Wege gebracht hatten. Jedermann wusste, dass sie hauptsächlich gegen das Fort Abdul-Medjid gerichtet sein mussten, und dass hier die Entscheidung des Tages und des Schicksals der Stadt lag. Die Capitaine Grach und Depuis und selbst der alte Chef des Geniewesens, Mehemed-Bei, so weit seine Fähigkeiten reichten, waren indess nicht müssig gewesen und der Spaten unter der Erde arbeitete rüstig an den geheimen, furchtbaren Gängen, bestimmt, die eindringenden Feinde in die Luft zu schleudern. Schon zwei Mal waren unter der Erde die feindlichen Mineurs aufeinander gestossen und das blutige Würgen hatte das schauerliche Grab im wahren Sinne begraben. Das Sprengen der Minen war das einzige, wovor die türkischen Soldaten, zum teil aus ihrem bewussten Ungeschick, zurückbebten, während der passive Gehorsam der Russen darin bekannt war, und die Bewachung und Sprengung der türkischen Minen blieb daher einer Anzahl Freiwilligen anvertraut, die aus den kecksten und jedem Wagstück Trotz bietenden fremden Abenteurern gewählt waren und durch reichen Lohn gelockt wurden. Hussein-Aga oder, wie er jetzt bereits hiess, Hussein-Pascha, und sein Gefährte im Kommando, der Ferik Rifaat hatten am Tage vorher für den Morgen des 13. – auch ohne Kunde von den Demonstrationen der Ersatzcorps zu haben, – einen allgemeinen Ausfall beschlossen, und die Truppen standen daher, kampfgerüstet, innerhalb der Wälle und Tore.
Auch diesmal hatten die Russen keine Ahnung davon – wir werden im Verlauf der