vorzutragen die Ehre haben werde, ja."
Der alte Feldmarschall lächelte.
"Sei nicht ärgerlich, Kamerad, Deine Nachrichten sind gut, aber ich habe wichtigere. Nach der Rückkehr der Generale nach Varna hat eine zweite Beratung, aber diesmal ohne die Türken, auf dem französischen Flaggenschiff stattgefunden, und die Expedition gegen Sebastopol ist beschlossen worden."
Ein leises Lächeln, gedämpft durch die Ehrfurcht vor dem greifen Haupt des Fürsten-Stattalters ging durch den kleinen Kreis der Generale, doch blieb es von jenem nicht unbemerkt.
"Du hast Unrecht, Fürst, und glaubst, weil Du ein Artillerist bist, dass es eine Unmöglichkeit sei, die furchtbaren Batterieen von Sebastopol zu überwinden. Ich bin kein Seemann und weiss nicht, was Schiffe gegen Granitwälle ausrichten können, aber ich sage Dir, ich wünschte, Fürst Mentschikoff verliesse sich nicht allzusehr auf sie, – ich kenne diese Franzosen und sie werden irgend ein Auskunftsmittel finden, ihren Zweck zu erreichen."
"Darf ich etwas Näheres von den Nachrichten Eurer Durchlaucht erfahren?" fragte einlenkend der Zweitkommandirende.
"Der Versuch gegen Sebastopol ist ausdrücklich beschlossen, aber man wird mindestens zwei Monate mit den Vorbereitungen zubringen. Diese sollen möglichst geheim betrieben und die Truppen in Varna unter dem Anschein concentrirt werden, zum Entsatz von Silistria zu dienen. Die Aufgabe bleibt aber dem Muschir selbst überlassen. Die Uebertragung des Gesamt-Oberbefehls an Herrn von Saint-Arnaud ist eine leere Comödie und Omer-Pascha nicht sehr gesonnen, sich unterzuordnen. Er trifft umfassende Anstalten zum Entsatz durch seine eigenen Truppen."
"Das Letztere stimmt mit meinen Nachrichten überein. Sie können Ihrem Berichterstatter vollkommen trauen, Durchlaucht?"
"Er hält sich bereits zwei Monate in Varna auf und ist mir von Bodinianoff in Constantinopel, als volles Vertrauen verdienend, empfohlen. Er ist ein Bruder des Führers der Griechen im Epirus, Caraiskakis ...."
"Ich kenne den Namen und habe bereits selbst Beweise seines Eifers für die russische Sache erhalten. Ich glaube, dass auch unsere Verbindungen in Silistria unter seinem Einfluss stehen."
"Ehe wir zu einem Resultat kommen, sage mir Deine eigenen Nachrichten."
"Der Knabe," berichtete der Fürst, "der am 28. die Nachricht von dem Ausfall an Selwan und später die Depeschen Mussa-Pascha's an den Muschir uns zur Durchsicht brachte, ist aus Schumla diesen Abend zurückgekehrt."
"Hat man ihn wieder als Boten benutzt?" fragte hastig der Feldmarschall.
"Man scheint blindes Vertrauen in ihn zu setzen und Nichts von der Eröffnung der Depeschen gemerkt zu haben. Hier sind die neuen."
Er legte mehrere Briefe auf den Tisch. Die Siegel waren durch das gewöhnliche Mittel heisser Dämpfe nach Abformung des Petschafts in Staniol geöffnet.
"Der Inhalt, Fürst?"
"Hier ist der Auszug. Der Muschir bestätigt Hussein-Bei im Kommando, setzt ihm jedoch Rifaat-Pascha als ältern Offizier zur Seite. Ein vollständiger Plan des Entsatzes durch eine combinirte Truppenbewegung und einen Ausfall der Garnison ist für den 13. und 14. bestimmt. Said-Pascha in Rustschuk hat 30,000 Mann zum Aufbruch bereit, und Iskender-Bei von Widdin, der den Angriff von dieser Seite leiten soll, ist bereits über Nicopolis eingetroffen. Die Vorposten des Corps stehen bei Baba und Turkosimich. Zugleich wird Giurgewo angegriffen werden. Im Hafen von Rustschuk liegen zwei türkische Dampfschiffe und an achtzig Boote bereit, um die Expedition zu unterstützen. Der Muschir selbst wird mit Mehemed-Pascha von Schumla her in zwei Colonnen eine Diversion unternehmen. Sein rechter Flügel lehnt sich an die Anhöhe des Taiban-Dereh, – seine linke Flanke an den Dristra, das Centrum steht bereits bei Erekli an der Strasse von Schumla nach Silistria."
"Wer führt die Vorhut und wie stark ist der Muschir?" unterbrach der Feldmarschall.
"Der Renegat Czaikowski mit den sogenannten türkischen Kosacken. Die Depesche gibt die Stärke des Südcorps auf 70,000 Mann an, also mit Said-Pascha an Hunderttausend. Am 13. soll das gemeinsame Vorrücken beginnen. Am 14. werden die Corps in der Nähe von Silistria stehen und am Morgen des 15. angreifen, indem Hussein-Pascha zugleich auf drei Stellen an den Wasserforts, aus dem Babadagh-Tor und Abdul-Medjid einen Ausfall machen soll."
"Wie stark sind wir in diesem Augenblick hier?"
"Mit Pawloff nur 64,000 Mann. Wir haben vor Silistria bereits über 6000 gelassen."
Das Gespräch, das bisher allein zwischen den beiden Führern gepflogen worden, verstummte jetzt ganz, – der greise Feldmarschall war in ernste Betrachtungen versunken und seine Hand fasste unwillkürlich zwei Mal nach dem Briefe des Kaisers.
"Wir müssen zu einem Entschluss kommen. Recapituliren wir die Sachlage. Auf der einen Seite Bessarabien und die Krim über kurz oder lang bedroht; – unsere Stellung in der grossen Walachei nicht länger haltbar – kaum noch in der Moldau; – Silistria fast noch eben so fest wie beim Beginn der Belagerung, und ein starkes Entsatzcorps in der Nähe. Die Truppen kaum genügend, den Gegnern die Spitze zu bieten, – an einen Uebergang über den Balkan nicht mehr zu denken und keinerlei Vorteil im längern Beharren auf dieser Seite der Donau. Wägen Sie selbst ab, meine Herren."
"Was würde man in Petersburg dazu sagen!"
"Schebesky kommt von dort. Er kann uns den besten Bescheid geben."