1855_Goedsche_156_505.txt

Hauptquartier des Fürsten, wo wir die Scene wieder aufnehmen. Der greise Stattalter lag in dem frühern Quarantainegebäude, das zu seinem Quartier eingerichtet worden und mit Stabs- und Ordonnanz-Offizieren überfüllt war, auf einem freistehenden Feldbett in halb sitzender Stellung, neben sich einen niederen Tisch mit Papieren bedeckt. Das Gemach war ziemlich ärmlich ausstaffirt, aber glänzend erhellt, indem grosse Kerzen auf silbernen Leuchtern überall umherstanden. Der Leibarzt des Fürsten, der schon bei seiner Rückkehr in's Lager bedeutende Schmerzen gefühlt und nur mit Anstrengung nach Kalarasch gelangt war, – hatte so eben die Verletzung untersucht und ihm erklärt, dass sie zwar nicht gefährlich sei, ihn aber mehrere Wochen hindern werde, zu Pferde zu steigen. Während der Arzt fortfuhr, lindernde und frische Umschläge auf die verletzte Stelle zu legen, hatte der Fürst bereits sich zu wichtigen Geschäften gewendet. Es befanden sich ausser dem Arzt und dem Stabschef GeneralMajor Wranken, der eben auf die Nachricht der Verletzung eingetroffene Fürst Gortschakoff und GeneralLieutenant Chruleff mit einem dritten hohen Offizier im Gemach, der, am Ruhebett stehend, dem Fürsten eine Depesche überreicht hatte, mit deren Durchsicht dieser eben beschäftigt war. So sehr der alte Krieger und Staatsmann auch Herr seiner Mienen sein mochte, war es doch allen Anwesenden sichtlich, dass der Inhalt des Briefes, dessen grünes Couvert und Siegel ein Handschreiben des Kaisers erwiesen, von grosser Wichtigkeit sein musste und einen tiefen Eindruck auf den Fürsten machte. Er faltete endlich das Papier langsam zusammen, steckte es wieder in das Couvert und schien einige Augenblicke in schwere Gedanken verloren. Dannsich ihnen entziehendwandte er sich zuerst zu dem Arzt:

"Kann ich Deiner Hilfe auf eine Stunde entbehren, lieber Tschetukin?"

"Ich fürchte, nein, Durchlauchtmuss ich Sie jetzt verlassen, so kann ich für die Folgen nicht stehendie Contusion ist vernachlässigt und die Geschwulst bereits eingetreten."

"Und wenn ich Dich gewähren lasse, in welcher Zeit bin ich fähig, das Lager zu verlassen?"

"Ich verlange nur für morgen Ruhe, Durchlauchtzu Wagen sollen dann Ihre Bewegungen unbehindert sein."

"Gut, Staatsrat, – ich kenne Dich und weiss, dass ich mich auf Deine Verschwiegenheit verlassen kann. Kümmere Dich nicht um uns und fahre fort mit Deinen Mitteln, da die Erhaltung dieses alten Körpers in den nächsten Wochen vielleicht unserm Herrn, dem Kaiser, noch einigermassen nützlich sein mag. Wir sind sämtlich hier treue und bewährte Söhne des heiligen Russlands und ich kann daher ungescheut sprechen, wie es die ernsten und schweren Umstände erfordern. Nimm Platz, Schebesky, und Du Wranken, wir haben eine ernste und lange Beratung vor uns. Ihre Ankunft, Fürst, hat mir erspart, Sie rufen zu lassen. Der Tag hat wichtige Nachrichten gebracht."

"Auch ich habe dergleichen, Durchlaucht."

"Gut. Einer nach dem Andern. Hast Du vielleicht auch Nachricht von dem Gesandten aus Wien?"

"Mein Bruder benachrichtigt mich von dem Ausgang der Zusammenkunft des Kaisers von Oesterreich und des Königs von Preussen in Tetschen."

"Verdammniss über die österreichische Dankbarkeit, – ich wollte, wir hätten Ungarn den Rebellen gelassen. – Es ist, wie ich gefürchtet, Oesterreich wird in die Donau-Fürstentümer einrücken und hat sich den rücken gedeckt durch das Garantie-Cartell mit Preussen."

"Es sind Differenzen entstanden zwischen den beiden Herrschern über die Auslegung des Cartells."

"Ich weiss, ich weiss, – aber der Nutzen ist nur passiv. Preussen hält das wiener Gelüst in Schranken, aber nur, wenn wir auf unserm eigenen Gebiet stehen. Oesterreich kann nicht offen operiren, aber sein Druck zwingt uns zurück. Dennoch ist das nicht das Schlimmste. Ich habe heute wichtige Berichte über die Zusammenkunft in Varna erhalten."

"Die Rapporte unserer Agenten über den Kriegsrat am 19. liegen seit acht Tagen vor."

"Das ist es eben, Fürst, was uns getäuscht hat. Die Halunken taugen Nichts, – Marschall Arnaud und Lord Raglan wissen sehr wohl, dass sie von unseren Spionen umgeben sind, und was mit den Türken beraten wird, in der kürzesten Zeit uns bekannt ist. Ich sage Dir, Fürst, Deine Agenten in Schumla sind Dummköpfe und haben nur erfahren, was alle Welt weiss. Wie lautete doch der Bericht?"

Fürst Gortschakoff, einigermassen pikirt, nahm aus seinem Taschenbuche ein Papier und entfaltete es:

"Hier ist die Abschrift der Chiffern: 'Der Zusammenkunft am 19. in Varna wohnten der Marschall St. Arnaud, Lord Raglan, Omer Pascha, die Admirale Dundas und Hamelin und der Kriegsminister RizaPascha bei. Oberst Tignir machte den Dolmetsch, auch Aguiah-Pascha, der neu ernannte Pforten-Commissair im Lager des Muschirs, war zugezogen. Das Resultat war, dass Herrn von Saint-Arnaud die Leitung der Kriegsoperationen sämtlicher am Kriegsschauplatz aufgestellter Streitkräfte übertragen worden ist. Der Muschir erstattete über die Lage Silistria's Bericht und der Ersatz wurde beschlossen. Die beiden Generale sind vollständig auf die Pläne Omer's eingegangen und die Dampfboote mit den Ordres nach Skutari und Gallipoli abgegangen, um einen Aufbruch in Masse anzuordnen.' – Die Berichte gingen uns allerdings spät zu, da die unglückliche Verhaftung unserer Hauptagenten in Constantinopel einige Verwirrung in die Sache gebracht hat."

"Sind das alle Ihre Nachrichten, Fürst?"

"Bis auf die neuen Meldungen über die Ersatzoperationen, die ich eben empfangen und später