atmete mühsam, aber er blieb bei voller Besinnung.
"Der Padischah hat mir diese Stadt vertraut, aber Gott bestimmt es anders. Hussein-Aga, Dir übergebe ich den Schlüssel des Tores, verteidige ihn wie Deinen Bart und achte auf den Rat dieser Franken. Möge der Prophet Eurer Tapferkeit den Sieg geben!"
Der Arzt, der neben ihm kniete und seinen Puls mit den Fingern bewachte, winkte mit den Augen den Umstehenden. Hussein-Aga legte seinen Tisbeh oder Rosenkranz ihm zwischen die hände und einige Augenblicke hörte man zwischen dem entfernten Donner der Kanonen und dem Krachen der einschlagenden Kugeln keinen laut, als die röchelnden und immer kürzer werdenden Atemzüge mit jenem schauerlichen Gurgeln in der Kehle, das bei Bluterstickung den Tod verkündet. Dann quoll ein schwarzer Strom dieses Blutes aus dem Mund, die kräftige Gestalt des Pascha's zuckte zusammen und streckte sich – her tapfere Krieger hatte geendet.
"Er ist zum Barzakh5 eingegangen," sagte Hussein-Aga ernst, "die Mizam6 des Barmherzigen wird seine Taten wägen und ihm das Dschennet7 der sieben Himmel öffnen. Bei Eblis, dem finstern geist, wir wollen seinen Schatten rächen mit dein tod von tausend Moskows!"
"Möge der Sieg Dich begleiten, Bei, Du bist unser Kommandant nach dem Willen des toten, und der Sirdar wird sicher Deine Tapferkeit ehren."
Die türkischen Offiziere machten dem neuen Befehlshaber ihren demütigen Gruss. ––––––––––––––––––––––––––––
Den russischen Generalen war der Antrag eines Waffenstillstandes zur Beerdigung der Leichen nur willkommen gewesen, da ihre Truppen noch mehr wie die Türken von dem Miasma litten und die Krankheiten bereits in ihren Reihen wüteten. Die weisse Fahne, die auf den Bastionen Silistria's wehte, liess die Nachricht von der Uebergabe der Festung die Runde durch Europa machen, aber schon am andern Tage – am 3. Juni – nachdem beide Teile ihre toten begraben hatten und auch der Kommandant von Silistria seine Ruhestätte unter den so tapfer verteidigten Wällen gefunden hatte, entbrannte der Kampf auf's Neue und mit verdoppelter Energie. Die Russen unternahmen an diesem Tage einen allgemeinen Sturm und griffen die Forts an, während ihre Flotille die Stadt bombardirte. Der Kampf war mörderisch, aber ohne Erfolg für die Angreifer. Gegen Abend war es diesen zwar gelungen, eine Mine unter der ersten Batterie von Arab-Tabia herzustellen, aber die Capitaine Depuis und Grach hatten rechtzeitig eine Gegenmine geschlagen, und diese sprengte an 400 Mann der Angriffs-Colonne in die Luft, als diese auf das Sprengen einer Bresche harrten. In der durch die unerwartete Explosion entstandenen Verwirrung machten die Türken einen Ausfall und zerstörten die nahe liegenden Schanzen.
Von diesem Tage an ruhten kurze Zeit die Sturmangriffe und es begann der furchtbare Krieg unter der Erde, jener Krieg mit der Bussole und dem Spaten, der Krieg der lebendig Begrabenen – der Bergleute des Blutes und des Todes!
Das war der unheimliche gespenstische Kampf, zu dem man wie zum Orkus aus dem hellen Sonnenlicht hinabstieg und in dem General Schilder, der gespenstische Seher der Zukunft, ein Meister war.
Die Russen drängten Tag um Tag, Stunde vor Stunde ihre Laufgräben vorwärts gegen die schwer bedrohte Stadt, und in der Heimlichkeit, in dem Schutz der aufgeworfenen Erde wühlte der General gleich dem Maulwurf seine Gänge gegen die Wälle und Bastionen.
Es war ein Glück für die Festung, dass der neue, noch jungkräftige und kecke Kommandant doch die Manen seines Vorgängers dahin achtete, die Talente und Kenntnisse der europäischen Ratgeber zu ehren. Während er den Krieg der Ausfälle und offenen Verteidigungen leitete, überliess er den beiden Genie-Offizieren die unbestrittene Leitung der Befestigungsrenovationen und der Gegenarbeiten. Trotz der verdoppelten Tätigkeit der Verteidiger konnte man sich dennoch nicht verhehlen, dass die Fortschritte der Belagerung, wenn auch langsam, doch jeden Tag bemerklicher wurden. Es war bereits mehrfach zwischen den Minirern und Gegenminirern zum erbitterten unterirdischen Gefecht gekommen. Am 8. hatten die Russen eine Sappe aus Schanzkörben, mit Baumwolle gefüllt, bereits bis an den Rand der südöstlichen Contreescarpe getrieben, hinter welcher sich die Minirer mit dem Ausgraben zweier Schachte beschäftigten. Die Führer entwickelten dabei eine unablässige Tätigkeit. Was der fortwährende Kartätschen- und Granatenhagel der Türken bei Tage niederwarf, zeigte sich am anderen Morgen wieder aufgebaut.
Am 7. und 8. hatten kleine Ausfälle und Gefechte mit wechselndem Glück stattgefunden. Der 9. Juni war ein blutiger Tag gewesen. Nachdem des Morgens eine Mine gegen zwei der Wasserforts gesprengt worden, versuchten die Russen die Breschen zu nehmen, wurden aber mit bedeutendem Verlust von den neuen Hilfstruppen, denen es, 3000 Mann stark, unter RifatPascha am Tage nach Mussa's tod gelungen war, von Rasgrad her sich in die Festung zu werfen, zurückgeschlagen. Zu gleicher Zeit machte Paskewitsch selbst mit einer bedeutenden Truppenzahl – 31 Bataillonen Infanterie, 32 Schwadronen Kavallerie und 8 Sotnien kosacken mit 12 Feldbatterieen – eine grosse Recognoscirung um alle Befestigungen bis zu dem Flecken Kalopetra auf der südöstlichen Seite. Hier stiess die Colonne auf türkische Kavallerie aus der Festung und zwang dieselbe, sich in das Fort AbdulMedschid zurückzuziehen, das nunmehr ein heftiges Feuer eröffnete. Eine matte Kugel, die zu den Füssen des Pferdes des Fürsten von Warschau niederfiel und dasselbe zu Boden riss, fügte dem greifen Führer selbst eine Contusion an der rechten Hüfte zu. Der Feldmarschall achtete jedoch nicht darauf und blieb bis zum Ende der Kanonade zu Pferde. Wir führen den Leser an demselben Abend wieder in's russische Lager.
Es ist in Kalarasch selbst, dem