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zu halten; von einem Handjarstoss durchbohrt, stürzte der tapfere Führer der samoszkischen Jäger, Oberst-Lieutenant Gladysch, – kaum vermochten seine Krieger den Sterbenden den siegreichen Verteidigern zu entreissen; in den Graben zurückgestürzt, mit Kartätschen überschüttet, war der Kampf der Russen nur ein Kampf der Ehre und der Verzweiflung, und ihr allzukühner Führer, der selbst bis an den Graben vorgedrungen, konnte sich der überzeugung des Missglückens nicht länger verschliessen.

"Popoff lässt uns im Stich," sagte er zu dem neben ihm stehenden General-Major Wesselinski, "geben Sie den Befehl zum Rückzug. Ich selbst bin verloren, ich" – – –

Er liess den Säbel fallen, hob die arme in die Höhe und drehte sich um sich selbst, ehe er schwer zu Boden stürzteeine Kärtätschenkugel hatte ihm den Leib aufgerissen und das Kriegsgericht erspart.

"Um Gotteswillen, Excellenzermannen Sie sichich höre den Sturmmarsch unserer ReservenPopoff rückt an –"

"Zu spätder Rückzug – – Gott sei mir gnädig!"

Ehe sie den Körper aufhoben, war der tapfere Offizier bereits eine Leiche und die unheimliche Prophezeiung des Generals Schilder erfüllt, wie in Betreff der Anderen.

Kühn und frisch rollte der Trommelwirbel des Sturmmarsches durch Wetter und Kampf, unter dem General-Major, Popoff mit vier Bataillonen als Reserve von der rechten Seite jetzt herbeistürmte und sich todesmutig gegen das Fort warf. Aber die Besatzung desselben war jetzt dermassen verstärkt, dass sie den heldenmütigsten Anstrengungen trotzen konnte. Der General-Major, Fürst Urusoff, mit dem ersten Bataillon des alexopolskischen Jäger-Regiments stürzte sich in den Graben und eilte den Kameraden zum Beistandder Führer selbst einer der ersten, die den Wall erstiegen.

"Oberst W a s s i l k o w i t s c h , vor mit Deinem Bataillonwir müssen diese Kanonen zum Schweigen bringen."

Das graugrüne Auge des Offiziers funkelte, indem er den Degen hob, als Zeichen zum Angriff. Der galante alte Roué aus dem Salon der Fürstin Lieven zu Paris, die kriechende, im Verborgenen ihr Gift in die jungen Herzen ergiessende Schlange, – der reiche, an jede Ueppigkeit des Lebens gewöhnte Graf war verschwunden und dem grimmig-tapferen Offizier gewichen, der seine Bataillone, wetteifernd mit dem jungen Fürsten, zum Sturm führte. Die ersten Reihen füllten, von den Nachdrängenden achtlos gegen das billige Menschenleben in die Tiefe gestürzt, den Graben, – über dem Damm von Leibern erklommen die Stürmenden den Wallbreite Lücken rissen die Kartätschen in ihre Reihen, aber neu und neu füllten sich die blutigen Breschen und das siegreiche Hurrah der Russen donnerte auf der Höhe der Embrasüren.

Aber die Augenblicke des Sieges konnten nur kurz seinvon rechts und links schmetterten die wohlbedienten Geschütze der Besatzung das Verderben in die russischen Glieder, und in der Front drangen mit jubelndem Triumph die Moslems auf die Haufen, die die Brustwehr erklommen, ein französischer Offizier kühn und ermunternd voran.

Die minutenlange, fast Tages-Helle zeigte klar und deutlich die kriegerische Gestalt, das edle feurige Antlitz des Vicomte de Miéricourt. –

"Feuer auf sie! Feuer auf den Offizier! Hundert Rubel dem, der ihn trifft!"

Die Gewehrsalve krachte, – aber unverletzt und glorreich stand unter den pfeifenden Kugeln der brave Zuaven-Offizier und stürmte auf die Gegner.

"HaGraf Wassilkowitsch! Heran zu mir!"

Die Säbelklingen kreuzten sich, – Schritt vor Schritt wichen die Russen, bis an den Rand der Embrasüren, jeden Zollbreit des gewonnenen Bodens nur mit ihren Leichen, mit ihrem Blute den grimmigen Gegnern zurückverkaufend.

Drüben vom Glacis her liessen die Hörner in bringender Weise den Befehl zum Rückzug ertönenauf den anderen Stellen hatten die Russen bereits den Wall geräumt und klommen in wilder Flucht aus dem Graben empor, von den Kartätschen der Artillerie haufenweise zu Boden geschmettert!

"Ergeben Sie sich, Graf Wassilkowitsch, – Sie sind verloren!"

"Der Hölle eher, als dem Todfeind!"

Ein mit aller Kraft des erbittertsten Hasses geführter Säbelhieb galt dem haupt des Vicomte, aber die geschickte Hand desselben parirte ihn, dass die Klinge des Russen am Griff zersprang, dann war der kühne, in den Kämpfen Algerien's mit allen Künsten der Wehr vertraute Zuavenführer an ihm und hatte ihn an Hals und Lenden gepackt und im nächsten Augenblick über die Brustwehr hinunter in den Graben gestürzt. Wem es nicht gelang, eilig zu fliehen, der fiel ohne Barmherzigkeit auf dem Fleck, auf dem er gekämpft; – die Flucht der Russen war allgemein, blutig, verderblich, – der voreilig und ohne die nötige Unterstützung unternommene Sturm glänzend abgeschlagen. Nicht das Armee-Corps, sondern den Tod hatte er dem trotzigen Führer gebracht.

Der Verlust der Russen in dieser Episode des blutigen Kampfes war überaus schwer; sie selbst geben ihn auf 250 tote, und 39 verwundete Offiziere, und 548 Soldaten anin Wahrheit betrug er weit über tausend Mann. Unter den Verwundeten befanden sich ausser dem schwer am auge' und in der Schulter getroffenen Obersten Grafen Orloffder Commandeur der Reserven selbst, General-Major Popoff und Oberst Kostanda. tot am Wall von Arab-Tabia lagenwie der greise Geisterschauer es ihnen verkündetGeneral-Lieutenant Silvan und der Führer der tapferen Jäger, Oberst-Lieutenant Gladisch.

Diese Nacht kostete den Russen über z w e i t a u s e n d Mann. Auch der