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wirklich eine Freude auszudrücken vermochte, so zeigte sie sich bei dem Erblicken des jungen Griechen. Man sah durch die Oeffnung des Schleiers den sichtbaren schmalen teil des bleichen Gesichts lebhaft erröten und ihre Hand liess unwillkürlich den Zipfel des Mantels fahren, der zurückfallend eine der Tracht der Mirditen ähnliche Kleidung zeigte, in deren Gürtel ein leichter Handjar und eine zierliche Pistole von französischer Arbeit steckten. Der Mantel verhüllte sie im Augenblick wieder, und nur ein leises Neigen des Kopfes, als sie dicht an ihm vorüberging, und der Ausdruck des Auges zeigten dem nach orientalischer Sitte stumm und ehrerbietig grüssenden jungen mann, dass er wiedererkannt sei. Starr und lange schaute er nach, als die beiden Frauen im Zugang des Bazars verschwanden, ohne dass er zu folgen wagte.

"Bei Allah!" sagte eine stimme hinter ihm, "Du bist ein kühner Christ, dass Du Dich unterfängst, der Wölfin von Skadar so keck in die Augen zu schauen. Nur wenige der Moslems wagen, die Tochter Selim's zu begrüssen."

Als Grivas sich umschaute, sah er einen greifen türkischen Kaufmann in ärmlicher Kleidung vor sich, der ihm jedoch bekannt schien, denn er begrüsste ihn alsbald und lud ihn ein, neben ihm Platz zu nehmen.

"Kennst Du die Frau, A l i M a r t i n o w i t s c h ," redete er ihn an, "so sage mir, wer sie ist."

Der Alte schüttelte den Kopf.

"Lass Dich warnen, Jupane," entgegnete er, "dass Du nicht in die Klauen dieser Wölfin fällst. Es ist F a t i n i t z a , die einzige Tochter des Selim Pascha, der in Skadar gebietet, von einer Mirditin ihm geboren und der Apfel seines Auges. Aber ihr leibhaftiger Vater ist der Scheitan22, denn sie liebt das Blut, gleich der Wölfin, die sie selbst in den Schluchten des Sutorman aus dem Nest geholt und gezähmt hat. Schon viele der jungen Männer, schön und kühn wie Du, haben ihr Ende gefunden durch diese Frau, und Niemand weiss, wo ihre Gebeine bleichen. Man sagt Böses und Geheimnissvolles von ihr, das die Lippe nicht wieder zu erzählen wagt. Es sollte mir leid tun um Dich, der mir das Zeichen des Begs, meines Blutsfreundes, gebracht hat."

In der Tat gehörte der Moslem zu dem Stamm des alten Czernagorzen. Als Stanischa, der Sohn Iwo's des Schwarzen, nach der abenteuerlichen Vermählung mit der Tochter des Dogen von Venedig und seiner Rache an dem schönen Wojwoden Djurowie sie die Piesmen so romantisch erzählenzu den Moslems floh und zum Islam übertrat, waren ihm viele Tapfere seiner Heimat gefolgt. Obschon seitdem eine bittere Feindschaft zwischen den Nachkommen der Abtrünnigen und den christlichen Czernagorzen herrschte, hätte doch Keiner aus der Familie Buschatlidiesen Namen führen die Nachkommen Stanischa's in Skadar, wo dieser von den Moslems als Pascha eingesetzt worden, – einen der alten Blutsfreunde des Hochgebirges an einen Türken verraten. Es bestand und besteht vielmehr eine gewisse, man könnte sagen Gastfreundschaft, die sie verpflichtet, in privaten und Familien-Dingen sich gegenseitig zu Dienst zu sein, unbeschadet der allgemeinen Feindschaft. So besass auch der Beg in dem alten Kaufmann einen Stammverwandten und häufig schon hatten Beide in den gegenseitigen Kriegen sich Dienste erwiesen. An ihn hatte der Alte daher schon bei der ersten Fahrt nach Skadar den jungen Griechen gewiesen, und der Kaufmann hatte ihm versprochen, auf Grund der Mitteilungen Hassan's weitere Nachforschungen und Vorbereitungen zu treffen.

Nicolas Grivas gedachte der ihm obliegenden Pflichten und ermannte sich aus seinem Brüten.

"Fürchte Nichts," sagte er zu dem Alten, "dieses Auge machte nur einen betäubenden Eindruck auf mich, gerade wie das erste Mal, als ich es umherstreifend in der Vorstadt der Gärten23 im Schatten der Kastanienbäume auf mich gerichtet sah und ihm unwillkürlich folgen musste, bis die Tore des Kastells mir den Weg versperrten. Ich bin ein Mann und hier, um den Blutbruder zu retten. Hast Du erforscht, was ich Dir aufgetragen und wie eine Botschaft zu dem Freunde gelangen kann?"

Der alte Mann bejahte, forderte aber den Griechen auf, ihm nach seinem haus zu folgen, da hier ihr Gespräch leicht belauscht werden könne. Nicolas schien sich zwar nur ungern von dem platz zu trennen und die Rückkehr der Frauen aus dem Bazar abwarten zu wollen, Ali aber, der den scharfen blick der Türkin scheute und nicht im Gespräch mit dem von ihr bemerkten Fremdling betroffen sein mochte, drang auf ihre Entfernung, und so folgte ihm der junge Mann durch die engen Strassen bis zu einem kleinen Häuschen, in dem die Familie des Alten wohnte. Hier teilte derselbe ihm mit, dass ihre ersten Nachrichten richtig und der gefangene Czernagorze in einem Kerker des alten Turmes eingeschlossen sei, der als vorspringendes Werk der Citadelle seine dicken Mauern in die wasser des Sees tauchte. Gabriel war von seinen Wunden zwar gänzlich wieder hergestellt, wurde aber streng bewacht und litt Entbehrungen aller Art. Das hatte Ali von einem der Kerkerdiener erfahren, den er als der Bestechung offenbar zugänglich schilderte. Seine eigene Armut hatte ihm jedoch nicht gestattet, diese zu versuchen, und er stellte nun Grivas das Weitere anheim. Mit Dank erkannte jetzt dieser den Wert der Gabe Stephana's, und indem er sie dem ehrlichen Gastfreund einhändigte, bat er ihn, sein Heil alsbald damit bei dem Gefängnisswärter