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jetzt plötzlich die Bataillone der Russen.

"Mashallah, die Moskows! Zu den Waffen! zu den Waffen!"

"Sturmschritt! – Vorwärts!" Die russischen Trommeln schlugen den kurzen Appell und ehe die Bataillone heran kamen, waren die Glacis vor dem Graben durch die Bajonnette der Tirailleurs von den türkischen Wachen geräumt und die Colonnen, die Sappeurs voran an der brücke und dem Graben, und ihr Hurrah donnerte herausfordernd durch die Lüfte. Die Faschinen flogen in das wasser, die Leute sprangen und stürzten die Böschungen hinunter und begannen mit der den russischen Soldaten eigenen Halsstarrigkeit und Gleichgültigkeit gegen den Tod bis steilen Wände des Walles emporzuklimmen. Das Heckenfeuer der Jäger bestrich kräftig die Wälle, und der Zuruf, die Todesverachtung der Offiziere ermunterte die Leute zu riesenhaften Anstrengungen.

Aber der Angriff scheiterte an der Wachsamkeit der Artillerie und dem Umstande, dass Mussa-Pascha es für rätlich gehalten hatte, gleich in einer Ahnung des Kommenden und in der Absicht, während des Ausfalls die Kräfte des linken russischen Flügels durch eine Eröffnung des Feuers zu beschäftigen, die, seine Südseite und die Strasse nach Schumla deckenden Forts, Arab-Tabia und Yania, mit einer starken Besatzung zu versehen, und dass sicheben jener Demonstration wegendie fremden Offiziere, die nicht am Ausfall teil genommen, in den Forts befanden. Der Pascha, nachdem er das Zeichen zum Ausfall gegeben, war mit seiner Umgebung noch in der Nähe der Batterieen, welche die neue Citadelle, Abdul-Medjid, mit Silistria verbinden, als der Angriff des GeneralLieutenants Selwan begann, und umsichtig und entschlossen warf er alle disponiblen Kräfte dahin, während die Citadelle ein Flankenfeuer gegen den russischen Angriff eröffnete.

In diesem Augenblick war es, als das Gewitter mit Sturm und Regen in seiner vollen Heftigkeit ausbrach. Ein Flammengürtel schien plötzlich rings um den Wall der Arab-Tabia sich zu öffnen und sprühte seinen Kartätschenhagel gegen die Stürmenden. Der Donner des Geschützes rollte mit dem des himmels, mit der Flut der Wolken goss sich der eiserne Strom über die Feinde.

Der französische Colonel, – kapitän Depuisauch der Baronet Maubridge, der sich der Begleitung des Pascha's angeschlossen, – befanden sich unter den türkischen Offizieren auf dem Fort und warfen sich in den Kampf. Die Tabor's1 der in der Stadt gebildeten Freischaaren, die unberittenen ägyptischen BaschiBozuks hielten standhaft die Wälle.

Dennoch gelang es dem samoszkischen Jäger-Bataillon wirklich, auf dem grossen Wall Fuss zu fassen und es entspann sich hier ein wütender Kampf. Mann gegen Mann, – die Jäger ihre Hirschfänger auf die Büchsen gesteckt, die Bozuks und Freiwilligen mit Säbel, Pistole und Handjar oder den Flintenkolben. In der Nahe dieses Getümmels kämpfte am Wall auch der englische Baronet mit seinem Diener gegen das Andrängen der Stürmenden. Der Diener des Briten, den er erst in Schumla angenommen, eine wilde, breitschultrige, verwogene Gestalt in Arnautentracht, lud und schoss kaltblütig seine Pistolen auf die heraufklimmenden Russen ab. In seiner Nachbarschaft, durch den Kampf dahin gedrängt, focht Jussuf, der schwarze Courier, schon vor einer Stunde abgelöst von seinem Posten.

In diesem Moment gelang es dem Obersten Grafen Orloff, auch hier mit einer Abteilung der alexopolskischen Infanteristen den Wall zu erklimmen und er griff mit dem Säbel in der Hand die Verteidiger an. Ein Pistolenschuss des vorhin erwähnten Dieners fuhr ihm von der Seite quer über das Gesicht und ein grober Schrootkorn durchbohrte sein Auge, dennoch kämpfte der Tapfere weiter. Aber auch der Arnaut hatte keine Zeit mehr, die lange Pistole am Riemen über den rücken zu werfen und sich der blanken Waffe zu bedienen, denn zwei Infanteristen stürzten über ihn her und der Kolbenschlag des Einen warf ihn blutend zu Boden, und schon sprang der Zweite gegen ihn und hob das Bajonnet zum Todesstoss.

"Sukiensyn2! Geh' zu Deinem falschen Propheten!"

Ein kräftiger Yataganhieb traf Waffe und Arm des Russen, dass beide machtlos niederfielen, ein zweiter spaltete ihm das Gesicht bis tief in den Hals hinein, und über dem zu Boden Gestreckten stand der Mohr, den Kameraden gegen den anderen Feind kräftig verteidigend und schützend, wenige Hiebe und Stösse, und, obschon aus einer leichten Wunde blutend, die das streifende Bajonnett ihm in die Seite gerissen, hatte doch seine grössere Gewandteit auch diesen Gegner gefällt.

Der Kampf hatte nur wenige Augenblicke gedauert, Jussuf hob den Gefallenen empor.

"Diavolo! – Das ging hart herDank, Kamerad!"

Das Auge des Mohren fiel bei dem Klange dieser stimme aufmerksam auf das Gesicht des Geretteten und die Feuer des himmels, wie die Blitze aus Menschenhänden, die fortwährend das Dunkel erhellten, liessen ihn trotz der Blutbefleckung das Gesicht des Andern klar und deutlich erkennen. Es schien wie ein electrischer Schlag durch die Glieder der grossen kräftigen Gestalt zu zucken und die Muskeln krampften sich zusammen, wie zum gewaltigen Sprung, seine Augen blitzten wie die des Tigers, der sich auf seine Beute werfen will. Aber nur einen Moment langdann schien ein gewaltiger Entschluss jede Fiber zu beherrschen, ein Entschluss, der sich in den leise zwischen den Zähnen zischenden Worten kundgab: "Von meiner Handallein; erst soll er mich kennen!" und den vom gewaltigen Kolbenschlag noch Halbbetäubtender Nichts von dem grimmigen Triumphe des ihm ganz fremden Helfers gemerktumfassend, zog er ihn schützend aus dem gefährlichen Gewühl.

Die kaum errungenen Vorteile der Russen waren gegen den Andrang der von Mussa-Pascha herbeigerufenen Verstärkungen nicht