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er spazierte ganz ruhig im Feuer umher und liess die Cigarre nicht ausgehen, – die Passkugeln durch seinen Hund appportiren liess? Das Tier wusste die Bomben und Granaten dagegen ganz vortrefflich zu unterscheiden und hielt sich stets aus ihrem Bereich. Karamsin, der an der Aluta steht, lehrte ihn das Kunststück in Bukarest."

"Herr von Karamsin," sagte eine dumpfe stimme neben ihnen, "wird keine Hunde mehr das Apportiren lehren."

"Wie können Sie das behaupte, General?" warf der Graf ein.

"Oberst Karamsin," sagte der alte Ingenieur-Generaldenn dieser war es, der die eigentümliche Prophezeihung in den Kreis geworfen, – "hat von den Türkenhunden heute genug bekommen. – Israël ist ausgezogen den Philistern entgegen in den Streit. Die Philister aber hatten sich gelagert zu Aphek und rüsteten sich gegen Israel. Und der Streit teilte sich weit; und Israël ward von den Philistern geschlagen und sie schlugen in der Ordnung im feld bei viertausend Mann."

"Ei was, Kamerad," sagte halblachend der General-Lieutenant Selwan, "verderben Sie uns mit solchen düsteren Gedanken nicht die Laune. Der Kaiser Alexander, allen Respekt vor ihm, wird diesmal hoffentlich falsch berichtet sein."

Der alte General wandte sich zu ihm und sah ihn starr an.

"Und es kam ein Gericht über die Spötter und sie wurden zu Schanden in ihrer Weisheit. – Gehe heim, Mann, und bereite Dich vor, denn Du wirst eher vor Dem stehen, der Himmel und Erde gemacht, als Einer von diesen Allenjenen dort ausgenommen."

Der magere Finger des Generals zeigte vor sich hin, und mit einem unwillkürlichen Schauder wichen Alle zur Seite, bis nur ein entfernterer Offizierder Oberst-Lieutenant eines Jäger-Bataillonsihm gegenüberstand, der gar nicht wusste, von was die Rede war und deshalb näher hinzu trat.

"Herr Kamerad," sagte der General-Lieutenant mit einem gewissen Unwillen, "für wen von uns auch die Stunde kommen mag, sie wird uns als Männer und Soldaten finden, auch wenn wir nicht an Kartenschlagen und Wahrsagen glauben."

Er verliess den Kreis.

Eine tiefe unheimliche Stille hatte sich über denselben verbreitetJeder kannte die Seltsamkeiten des alten Generals und seine Visionen, die ihm namentlich in der Dämmerung und in den einsamen Stunden der Nacht das erscheinen des verstorbenen Kaisers Alexander vormalten, obschon selten Jemand darüber zu spotten wagte. –

Der Abend hatte seine stillen melancholischen Dinten rings umher auf die Flur gesenktnur von den Donauschanzen her donnerte in langen Pausen ein Schuss. In dem sinkenden Lichte stand die hohe schmale Gestalt des Generals und sein geisterhaftes Auge starrte dem Fortgegangenen nach. Ringsum im Kreise herrschte ein auffallendes Schweigen, das um so schauerlicher abstach gegen die lachende, lärmende Unterhaltung der entfernten Gruppen.

"Der Tor! – da geht er hin in seinem stolzen Mut," sprach die hohle stimme des Greises, – "und schon ist er Nichts als Staub und Asche. Als ob mein todter Freund und Herr sich irren könntesein Auge schaut das Unglück, das heraufzieht über das heilige Russland. So wahr mir der D r e i z e h n t e Gefahr und Tod bringt, so wahr wird jener Uebermütige im Staube liegen vor der Hand des Herrn, noch ehe die Sonne wieder die Gipfel der Berge vergoldet."

"Kommen Sie, Freund," sagte zutraulich und teilnehmend General C h r u l e f f , "wir wollen aufbrechen, unser Weg bis Girlitza ist nicht der kürzeste."

"Die Pferde, Herr General?"

Der alte Krieger, noch immer mit seiner Vision kämpfend, legte die welke Hand auf den Arm des jungen Obersten, der die Frage getan.

"Schau' Dich um, Graf Orloff, damit Du die schöne Welt siehst und jene Wolken, auf denen der Gott Israels tront. Schau um Dich das Land, das er gemacht hat und die Himmel, die seiner hände Werk! Wo ist Dein Auge, Graf, – die Höhle ist leerDeine Hand ist voll Blutwehe über Jerusalem!"

Die hohe greise Gestalt schauerte unwillkürlich zusammenauch der junge Graf – – da wirbelten die Trommeln und die Wache trat in's Gewehr, die beiden Oberstkommandirenden erschienen im Eingang des zeltartigen Quartiers.

"Guten Abend, Gortschakoff! – Guten Abend, meine Herren und gute Wache!"

Dahin rasselte die Equipagenach allen Seiten zerstreuten sich die Mitglieder des Kriegsrats mit ihren Suiten. – – – ––––––––––––––––––––––––––––

Halb elf! – Der General-Lieutenant Selwan hielt eben, von dem Chef seines Stabes begleitet, eine Nachtrunde durch die Trancheen und die Postenkette entlang, als ihm ein zerlumpter türkischer Knabe zugeführt wurde, – Mauro, der junge griechische Spion. –

"Oberst Daragan," meldete der begleitende Unteroffizier, "zeigt an, dass der Bursche an den äussersten Posten nach dem kommandirenden General gefragt hat und eine eilige Nachricht überbringt."

"Wer bist Du?"

Der General wandte sich zu dem Knaben.

Mauro schüttelte mit dem Kopf, er verstand kein Russisch.

"Spricht Einer von Euch Türkisch oder Griechisch oder die Lingua francadie Zeit ist kostbar!"

Graf Orloff redete ihn auf Italienisch an, das der Junge leidlich verstand.

"Bist Du der General?"

"Dieser Herr hier."

"Dann lass uns im Geheimen reden,