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's Vorschlag?"

"Wir haben bereits vier Mal gestürmt," sagte ausweichend der Fürst, "und an zweitausend Mann geopfert."

"Ich weiss, ich weiss, Sie sind Artillerist, Durchlaucht, und trauen zu viel auf die Macht der Kanonen."

Ein flüchtiges Lächeln des Stolzes zuckte über das Gesicht des berühmten Artillerie-Generalser hoffte, noch ein Mal gelegenheit zu haben, die volle Gewaltigkeit seiner Waffe bekunden zu können.

"Lasse Dir sagen, Kamerad," sprach der alle Fürst und legte vertraulich die Hand auf die Achsel seines jüngeren gefährten, "es bereitet sich eine Revolte in dem Befestigungssystem vor und Du wenigstens wirst es noch erleben, dass der Stein ganz dem Spaten und der Erde weicht. Ich habe da eine vortreffliche Arbeit eines Deiner jüngeren Offiziere gelesenTottleben heisst er und ich empfehle Dir den Mann. Russland, Fürst, hat schon eine Menge seiner Siege dem ruhigen Wirken der Hacke und des Spatens zu danken!"

"Die beiden Forts der Ostseite können sich nicht länger halten, die Batterieen haben sie zusammengeschossen."

"Ich habe mich bereits überzeugtsenden Sie morgen früh dem General Schilder zehntausend Mann Verstärkung und lassen Sie um Mittag, wenn das Geschütz seine wirkung getan, stürmen. Wir müssen sie haben, aber sie werden uns wenig nützen. Die Stärke des Feindes liegt in der neuen Citadelle, die sie nach dem Sultan nennen. Haben wir die Aussenwerke, dann mag Schilder seinen Minenkrieg beginnen. Jetzt aber leben Sie wohl, Durchlaucht. Ich habe noch meine Berichte zu machen und will morgen zeitig wieder bei Ihnen sein."

Der Fürst geleitete ehrerbietig den greisen Feldherrn bis zum Wagen, die Adjutanten und Offiziere der Suite warfen sich auf die Pferde und der Zug rasselte davon, der zweiten Pontonbrücke zu, die man eben weiter unterhalb der ersten über den Strom vollendet hatte.

Während des Gesprächs der Führer hatte vor dem Quartier die Unterhaltung in den Gruppen fortgedauert, die von Offizieren jeder Charge und Waffe gebildet waren.

Eine solche stand in der Nähe einer alten halbverwitterten Kastanie und schien mehrere Personen von Bedeutung zu entalten; denn um zwei durch ihre Uniform als kommandirende Generale ausgezeichnete Männer hatte sich ein grosser Kreis von Offizieren versammelt. Der Aeltere von Beiden, ein Mann von 68 bis 70 Jahren, nahm wenig teil an dem Gespräch und liess, – an den Baum gelehnt, – die Blicke über den Kreis hinausschweifen in die roten Abendwolken, welche die unter den Horizont sinkende Sonne hinter den Werken von Silistria gleich blutigen Streifen über den Himmel schoss. Es war eine hohe Greisengestalt, hager wie der Fürst von Warschau, aber keineswegs von dessen stattlichem Aussehen. Die reiche goldbeladene Genie-Uniform hing unordentlich und aller militairischen Accuratesse entbehrend um die dürren Glieder und über der ganzen Figur lag etwas Träumerisches, Unheimliches, gleich als gehöre sie nicht dieser Welt an. So mag man sich Swedenborg denken, oder einen der alten Seher des schottischen Hochlandes, mit dem doppelten Gesicht begabt. Namentlich war es der Kopf und das Auge, was diesen unheimlichen, aber nicht würdelosen Eindruck machte: eine jener Adlerbildungen des haarlosen, nur an der Seite mit spärlichen weissen Locken versehenen Schädels, wie wir sie zuweilen so scharf ausgeprägt finden; – überaus tief in den Höhlen liegende Augen, mit buschigen weissen Brauen darüber, so tief, dass es nur wie ein Feuerstrahl daraus hervorfunkelte und die Farbe der Pupille ganz unsichtbar blieb; unter der grossen schnabelartig gebogenen Nase ein dichter grauer Schnurrbart: – das war der General-Adjutant, Ingenieur-General S c h i l d e r , einer der berühmtesten und sowohl durch seine militairischen Talente als durch seine Seltsamkeiten bekanntesten Soldaten Russlands, der nun zum zweiten Mal vor der türkischen Festung lag.

General C h r u l e f f an seiner Seite unterhielt sich eben mit dem General-Lieutenant S e l w a n , dessen Division den linken Flügel der Aufstellung gegen Silistria bildete und die Trancheen gegen das Fort Abdul-Medjid führte. Der Stabschef des GeneralLieutenants, Oberst Graf O r l o f f , der Sohn des berühmten Freundes des Kaisers, stand dabei, mit einem Adjutanten des Fürsten und einem jungen Genie-kapitän sprechend, und ab und zu mengten sich Andere des zahlreichen Offizier-Kreises in die Unterhaltung.

"Erinnern Sie sich unsers Wirtes, kapitän, von dem Abend in Bukarest, als wir vom Ball zu dem blutigen Tanz von Oltenitza geholt wurden?" fragte einer der Offiziere den Adjutanten.

"Des preussischen General-Consuls von Meusebach?"

"Richtig, Baroner besuchte uns heute Morgen während des Bombardements in den Schanzen und erkundigte sich auch nach Ihnen."

"Was hat Herrn von Meusebach hierher geführt?"

"Ei, die Neugierer war bereits bei dem Schlagen der ersten brücke gegenwärtig, als der kleine Kotzebue fielund wollte sich von unsern Fortschritten überzeugen. Wir konnten ihm leider den gehofften Sturm nicht aufführen, denn es fehlten die Ordres, aber er hat eine recht hübsche Kanonade mit angesehen. kennen Sie seinen Pudel Caro?"

"Ich habe nicht die Ehre," sagte lächelnd der Adjutant, "doch habe ich von den Bären des Herrn von Meusebach gehört."

"Ei, liebster Meiendorf, wahrhaftig, da verlieren Sie viel. Es ist ein ausgezeichnetes Vieh und apportirt wunderbar. Glauben Sie wohl, dass der Preusseder wirklich ein Soldat zu sein verdient, denn