starke Seidenschnur um den Leib geschlungen und hob ihn über die Brustwehr. Halb rollend glitt der Junge über den Wall bis zu der in den Graben sich senkenden Mauer. Dort angekommen, gab er seinem Helfershelfer ein leises Zeichen, auf welches dieser die Schnur losliess. Mauro zog sie an sich, suchte, mit den Händen tappend, seinen der vorspringenden. Steine aus und befestigte hier sorgfältig das eine Ende des dünnen Strickes, da er ihm zur Rückkehr dienen sollte; dann liess er sich leicht an ihm in's wasser und durchschwamm die geringe Breite, bis er eine Stelle fand, auf welcher er an der anderen Seite mit Hilfe der Nägel und Zehen emporklimmen konnte, was ihm durch den hier hohen Wasserstand bedeutend erleichtert wurde. Ehe zehn Minuten vergangen waren, vernahm der Mohr das verabredete Zeichen, dass der gewandte kleine Spion in Sicherheit sei.
Fussnoten
1 Die Werke sind grösstenteils durch den Schöpfer der türkischen Artillerie, den ehemaligen preussischen Major von Kuczkowski (Muglis-Pascha) und Lieutenant Bluhm gebaut. 2 Brandenburger, Preusse.
Der Sturm.
Der Kriegsrat, den der Fürst von Warschau mit den Führern des Belagerungscorps, es waren sechsundfunfzig Generale vor der Festung versammelt, – an diesem Nachmittag im dorf Kanara, dem Hauptquartier des Fürsten Gortschakoff, gehalten, war vorüber, und der Fürst machte sich eben bereit, nach Kalarasch zurückzukehren, wie er alle Abende tat.
Vor der Tür der durch flüchtige Anbauten von Holz und Zelttuch vergrösserten Bauernbaracke standen die Generale, Adjutanten und höhere Offiziere in eifrigem Gespräch über die eben beratenen Gegenstände, die einzelnen Ansichten und Vorschläge nochmals erörternd, da eine Entscheidung noch nicht erfolgt war. Die beiden Fürsten und Führer der Armee dagegen waren noch in dem Gemach, in dem die Beratung stattgefunden und an dessen Eingang von Aussen zwei Unteroffiziere Wache hielten.
Der greise Feldmarschall sass in der straffen Haltung, die er trotz seiner zweiundsiebenzig Jahre noch immer beobachtete, in einem Feldstuhl, und seine hohe, wenn auch magere, dünne Figur machte noch immer eine imposante wirkung.
Ihm gegenüber stand der ihm jetzt untergebene bisherige Ober-Befehlshaber der Donauarmee, Fürst Gortschakoff, die Hand auf die Tafel gestützt, das von der tiefgesenkten Stirn etwas zusammengedrückte Auge nachdenkend auf den Feldherrn gerichtet.
"Sie sind zwanzig Jahre jünger als ich, Fürst," sagte der greise Krieger, "und haben noch eine Zukunft vor sich. Gott allein weiss, welchen Ruhm Sie in diesem Kriege noch erwerben mögen. Mein Ruf, mein Besitz ist die Vergangenheit, und ich möchte sie nicht gern auf's ungewisse Spiel setzen in diesem Feldzuge, in dem wir an Händen und Füssen gefesselt sind. Du Franzosen und Engländer stehen bereits vor uns und haben das Meer; sie verstärken sich mit jedem Tage und bilden schon eine nicht zu verachtende Zahl. In unserm rücken lauert unser alter Freund Oesterreich mit seiner perfiden Politik; – selbst die Proklamation an die Bulgaren hat uns getäuscht und ich habe eine bittere Erfahrung mehr gemacht! Die griechischen Aufstände können uns nicht mehr nützen – meine Ansicht, die ich noch heute unserm Herrn, dem Kaiser, melden werde, ist, dass wir Eile haben müssen, uns mit Ehren aus diesen unglücklichen Fürstentümern zurückzuziehen."
"Die Strasse nach Schumla ist frei – der Muschir nicht im stand, uns aufzuhalten."
"Ich weiss es, Fürst – aber – der Fehler dieses Krieges von seinem Beginn! wir haben nicht die Macht zur Disposition, die nötig wäre. Sie selbst wissen am Besten, wie viele Russen den Prut überschritten haben."
"Hundertundsechszigtausend Mann!"
"Wir sind unter uns, Fürst – wir machen keine Berichte für die europäischen Zeitungen. Wie hoch rechnest Du unsere Verluste in diesen neun Monaten?"
Der Fürst beugte traurig das Haupt.
"Fünfundsechszigtausend, Durchlaucht! Kalafat hat uns allein an Fünfzehntausend gekostet: die Krankheiten haben furchtbar gewütet."
"Heiliger Andreas! mehr als der dritte Mann! – Wenn wir das Lüders'sche Corps – und Lüders liegt noch immer krank in Kalarasch – und Chruleff hier zurücklassen, behielten wir noch nicht vierzigtausend Mann, um den Balkan zu forciren. Es geht nicht."
"Ich habe oft genug um Verstärkungen und Zufuhr gebeten, indess – –"
"Der Kaiser täuscht sich über den Zustand der südlichen Provinzen, die Communikationsmittel sind erbärmlich"
"General Kleinmichel hat seit Jahren Millionen darauf verwandt."
Der greise Fürst sprang heftig empor, alle diplomatische Ruhe schien mit einem Schlage ihn verlassen zu haben.
"General Kleinmichel ist ein – – und der Teufel hole die Millionen, die in seinen Büchern stehen. Ich weiss, was ich von seinem System in Polen zu leiden habe und bin wahrlich nicht der Mann, der so geduldig zusieht. Was, Fürst, willst auch Du hier den Hofmann spielen, unter vier Augen, und diesem fluchwürdigen System des Truges noch den Mantel halten?" – Er ging hastig auf und ab in dem kleinen Gemach. – "Es geht nicht – ich sehe es deutlich und klar, die Missstände sind zu gross und zu tief mit dem ganzen System und dem Volk verschmolzen, als dass selbst ein Riesenwille, wie der des Kaisers, sie in einem Menschenleben ausrotten könnte. Ich fürchte, ich fürchte, die Schuld der Einzelnen könnte sich ein Mal schwer an dem Ganzen rächen. – Doch wir müssen wenigstens zu Ende kommen mit diesem Nest, das sie eine Festung nennen. Was meinst Du zu Schilder