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dass er früher im Dienst des Frankenarztes gestanden, der kürzlich von Widdin und Schumla gekommen sei, und dass er zu diesem seinem Herrn zurückkehren wolle.

"Das ist Doctor Welland, der Oberarzt des Hospitals und mein Freund," meinte kapitän Grach. "Ich bin im Begriff, ihn zu besuchen und werde mich nach dem Boten erkundigen."

"Können Sie mir sagen, Sir," fragte der englische Offizier, "ob dies derselbe Doctor Welland ist, ein geborener Preusse, der vor zwei Jahren sich in Paris aufhielt?"

"Ganz derselbe, Sir. Ich lernte ihn in den dreissiger Jahren kennen, als ich bei der Garde-Artillerie in Berlin stand, und traf ihn zu meiner Freude unerwartet hier in Silistria und in unserem Dienst wieder."

"Er kam im vorigen Sommer von Paris."

"Dann erlauben Sie mir, Sir, dass ich Sie begleite, ich habe seine Bekanntschaft in Paris gemacht und es wird mir Vergnügen bereiten, sie zu erneuern. Begleiten Sie uns, Maubridge?"

Der Baronet, denn dieser war der Brite in Civil, verneigte sich nachlässig, und die kleine Gesellschaft nahm, als die Dienstgeschäfte beendet waren und die Offiziere sich nach allen Seiten zerstreuten, um die Vorbereitungen des Sturmes zu treffen, ihren Weg nach dem grossen Khan, in dem ein Lazaret für die Verwundeten eingerichtet worden und Doctor Welland eine kleine wohnung angewiesen erhalten. Es waren während der Belagerung für die ganze, über 15,000 Mann betragende Besatzung nur acht Feldärzte vorhanden, von denen noch dazu drei blosse Chirurgen, und die Anstrengungen, denen sie unterworfen, daher erschöpfend.

In der dürftigen Behausung des Arztes, die am Eingang des schlechten Khans gelegen war, sassen in eifrigem, stillen Gespräch drei Personen zusammen, der Knabe Maurodenn der kleine listige Teufel war es, welcher nach seiner Rückkehr aus dem Epirus durch den Einfluss der in Varna und Schumla wirkenden Hetäristen zum Ueberbringer der Depeschen an MussaPascha benutzt worden, – Nursah und sein Bruder Jussuf, der Tatar der unglücklichen Mariam, den Welland, von der Kugel des corsischen Banditen verwundet in den Fischerhütten an der Bai von Kumburgas getroffen und dort bis zu seiner Genesung zurückgelassen hatte. Bei der Ankunft von Widdin hatte er ihn in Silistria wiedergetroffen, wohin der Mohr, sobald er seine Kräfte wiedergewonnen, den Weg genommen, da die Festung der Ort war, wohin die erste Bestimmung des Arztes lautete und wohin er den Genesenen bestellt hatte.

Der Leser wird sich erinnern, dass der Knabe Mauro den beiden Geschwistern oder wenigstens Nursah von ihrer gemeinschaftlichen Flucht aus Constantinopel her bekannt war und es schien ein geheimes Band vorhanden, was die sich Wiedertreffenden mit einander vertraut machte. Der junge Spion hatte bei seinem erscheinen in der wohnung des Arztes diesem einen Brief seines Freundes Gregor Caraiskakis aus Varna gebracht, in welchem er ihm, von seiner Versetzung nach Silistria benachrichtigt, die Neuigkeiten des Tages schrieb und dass er einstweilen noch in Varna, das durch das Eintreffen der westmächtlichen Truppen zum grossen Heerlager geworden war, von seinen Interessen und Geschäften zurückgehalten werde. Um sichere Kunde von dem Freunde zu erhalten, habe er den Knaben Mauro einem befreundeten türkischen Oberoffizier zum Boten angetragen. Doctor Welland, ohne auf diesen Zusammenhang viel zu achten, freute sich der Ankunft des Knaben, weil er durch ihn Nachricht von dem Freunde erhielt, hatte jedoch erst wenige Augenblicke seinen Erzählungen widmen können. So bemerkte er nicht, wie der junge Spion, nachdem er mit den Geschwistern allein war, noch einen zweiten sorgfältig in seinen Lumpen verborgenen Brief hervorsuchte und ihn an Nursah gab, derobschon das Schreiben gleichfalls an seinen Herrn adressirt wardasselbe öffnete und mit grosser Aufmerksamkeit las, worauf die drei alsbald jene eifrige Beratung begannen.

Durch den Eintritt der beiden Capitains und des Baronets hierbei gestört, rief Nursah seinen Herrn aus dem Lazaret herbei.

"Sie werden Arbeit bekommen heute, Doctor, mehr als gewöhnlich," sagte, ihm die Hand schüttelnd, der Artillerie-kapitän, "und ich komme, Sie davon zu benachrichtigen und mir Ihre Anwesenheit in den Forts am Babadagh-Tor zu erbitten. Wir machen diese Nacht einen Ausfall auf die Russen und bei so blutiger Arbeit mag man wohl wünschen, die geschickte Hand eines Freundes in der Nähe zu haben. Zugleich will ich einen Kameraden bei Ihnen einführen, der bereits das Vergnügen hat, Sie zu kennen. kapitän Morton ..."

"Ich hoffe, Sie erinnern sich meiner aus Paris, Doctor. Ich habe nie die Hilfe vergessen, die Sie mir in dem Duell mit dem französischen Spitzbuben leisteten, der mich am Roulette geplündert."

"Mein teurer Sir," sagte der Arzt erfreut und Jenem herzlich beide hände drückend, "seien Sie mir bestens willkommen, wenn ich Sie im eigenen Interesse auch weit weg von diesem Ort wünschen möchte. Es scheint, als sei der heutige Tag dazu bestimmt, Nachricht von alten lieben Freunden, zu erhalten."

"Erlauben Sie mir, Ihnen einen der meinen vorzustellen," sagte der britische Offizier mit einer Bewegung nach seinem gefährten. "Sir Edward Maubridge, Baronet, schon länger im Orient als wir."

"Der Arzt" der bisher den Fremden nicht beachtet, wandte sich bei diesen Worten zurückfahrend nach dem Vorgestellten und begegnete dem höhnisch-kalten blick desselben.

"Ich habe die Ehre," sagte der Baronet ruhig, "den Herrn bereits von Smyrna zu kennen. Ich