1855_Goedsche_156_487.txt

aus der Dobrudscha gegen Silistria vor. Am 12., 13., 14. und 15. kam es zu heftigen Gefechten, und die Generale Engelhardt und Grotenhjelm, die Avantgarde des Corps bildend, drängten die Türken in die Festung zurück und schlossen diese von der Ostseite ein.

Die Operationen von jenseits der Donau gegen Silistria hatten bereits am 5. April begonnen; GeneralLieutenant C h r u l e f f , der tapfere Führer der fliegenden Corps in Polen und Ungarn, der im Sommer 1855 sich noch berühmt machte durch den Zug in die Kirgisen-Steppe gegen die Kotanzen und den Sturm auf die Feste Ak-Metschet, leitete die Belagerungsarbeiten. Nachdem sich die Russen der drei Donauinseln Olbina, Tarbaneki und Rakinski bemächtigt hatten, eröffnete der General am 22. aus den auf dem linken Ufer und den Inseln errichteten Brustwehr-Batterien mit 70 Kanonen ein heftiges Feuer gegen die Donaufront der Festung, die Batterieen auf den noch im Besitz der Türken befindlichen drei andern Inseln und die vorgeschobenen Werke am rechten Ufer. Da aber die Kanonen der Letzteren den hier etwa 1000 Schritt breiten Fluss beherrschten, konnte der beabsichtigte Uebergang nicht stattfinden, bis die bereits oben erwähnte Operation des Lüder'schen Corps von der Dobrudscha her vollständig erfolgt war. Ein langandauerndes heftiges Regenwetter hatte diese Operationen verzögert, am 14. Mai erst stand die russische Avantgarde in Kütschück-Kainardscha, auf der Strasse nach Basardschik und Varna, die Festung von dieser Verbindung abschneidend und die Türken in ihre östlichen vorgeschobenen Werke zurückdrängend.

Am 15. unternahmen Fürst Paskiewitsch und Fürst Gortschakoff eine persönliche Recognoscirung am linken Ufer und der Letztere erteilte nach der Rückkehr nach Kalarasch alsbald den Befehl, mit dem Schlagen der brücke vorzugehen.

Unter einem heftigen Bombardement der Stadt vom linken Ufer und den Inseln her vollzog General Chruleff den Auftrag, und zum ersten Male hatte hier der Ingenieur-kapitän T o t t l e b e n gelegenheit, durch die zweckmässige Anlage der brücke unterhalb der Stadt, zwischen dieser und dem dorf Ostrow und ausser dem Bereich der türkischen Batterien sich auszuzeichnen. Am 18. Mai war die brücke vollendet. Sie bestand aus zwei Abteilungen für Kavallerie und Infanterie, mit einer Ueberfuhr für Geschütze. Fürst Paskiewitsch ging an demselben Tage mit seinem Generalstab über die Donau. Ihm folgten 20 InfanterieBataillone (die ganze 8. Infanterie-Division unter General-Lieutenant Silvan und das ochotzkische JägerRegiment von der 11.), drei Compagnieen Sapeure, das wossnessenskische und olviopolskische UlanenRegiment von der 4. leichten Cavallerie-Division, drei Sotnien donische kosacken, 6 Batterieen Fuss Artillerie und zwei berittene, im Ganzen 88 Geschütze mit dem Belagerungstrain. Das Corps des General Lüders auf der Südostseite der Stadt zählte 35 Infanterie-Bataillone, (die 9. Infanterie-Division und Abteilungen der 11. und 15.), das litauische UlanenRegiment "Erzherzog Albrecht" und das vollhynische "Grossfürst Constantin", 2 kosacken-Regimenter und 104 Geschütze.

Sofort begannen die Russen die Tracirung der Be

lagerungslinie von der Landseite und das Aufwerfen der Trancheen.

Zugleich sollten nach dem Plan des Feldmarschalls

30,000 Mann bei Oltenitza auf einer dort geschlagenen brücke nach Tuturkai übersetzen und gegen Rasprad vorrücken, somit die Verbindung Silistria's mit dem 10 Meilen entfernten Schumla, dem Hauptquartier des Sirdars, unterbrechend. Diese Operation missglückte, denn der Uebergang wurde von den Türken glücklich gehindert und die brücke gesprengt. Ungefähr 60,000 Mann cernirten demnach jetzt Silistria auf drei Seiten und nur die Verbindung im Südwesten und Westen der Stadt, nach Schumla und Rustschuk, war noch frei.

Bereits bei dem Uebergang am 16. hatte der Feldmarschall einen Parlamentair an Mussa-Pascha, den Kommandanten Silistria's, geschickt, ihn zur Uebergabe aufzufordern. Die Türken wiesen dieselbe zurück und am 19. begann von der Landseite aus die Beschiessung der Festung aus den zwischen den Weinbergen gegen die östlichen Vorwerke vorlaufenden Trancheen. In der Nacht zum 22. wurde die zweite Linie derselben eröffnet und General Schilder sprengte mit Glück von der Donauseite eine gegen die Müftiereh-Bastion gerichtete Miene, obschon das Fort selbst wenig Schaden nahm.

Noch ein Mal wurden jetzt Unterhandlungen eröffnet, und Mussa-Pascha, um Zeit zu gewinnen, verlangte eine Frist bis zum 26., die jedoch nur bis zum 24. bewilligt wurde. An diesem Tage stürmten die Russen die östlichen Werke, wurden jedoch mit bedeutendem Verlust zurückgeworfen. Seitdem dauerte die heftige Kanonade ununterbrochen fort.

Wir müssen S i l i s t r i a selbst und den Verteidigungsanstalten der türkischen Festung noch eine kurze Beschreibung widmen.

Silistria bildet die Spitze eines fast gleichschenklichen Dreiecks, dessen Basis die Linie Schumla-Barna vorstellt, und dessen Ostseite Front gegen die Dobrudscha und die Strasse über Basardschik nach Varna macht, wie die Westseite gegen Rustschuk und die von da an die Balkan-Pässe ziehenden Wege. Die Entfernung nach Tschernawoda beträgt 10, nach Varna 18, nach Schumla 12, nach Rustschuk 15 Meilen, ein Terrain, das vollständig innerhalb der Wirkungssphäre einer starken Garnison wäre. Hierdurch begreift sich die Bedeutsamkeit Silistria's für die russichen Operationen, die ohne den Besitz der Festung der Sicherheit ermangelt hätten. Diese Wichtigkeit der Position wurde auch in allen früheren Kriegen anerkannt. Im Jahre 1809 wurde die Festung vergeblich belagert, 1810 aber nach nur fünftägigem Widerstand von General Langeron erstürmt. Damals wurde Silistria von den Russen geschleift, später von den Türken aber wieder aufgebaut und bedeutend vergrössert. Im