im Laufe der Nacht hörte er, wie draussen an der Tür Schritte trippelten, Stimmen flüsterten; erst leise, dann erregt und zornig, dann wieder beruhigt und sich verloren im geheimnissvollen Schweigen der Nacht, und jedes Mal fühlte er, wie das Weib in seinem arme heftiger zu zittern begann, wie ihre Brust sich in ängstlicheren Atemzügen hob und sie das Gesicht furchtsam an seiner Brust verbarg, ihn umschlingend, gleich, als wolle und könne sie nicht von ihm und ihn einer Anderen lassen.'
Mit Schmeichelworten suchte er sie zu beruhigen, und als ihr Mund in türkischer Sprache ihm zuflüsterte, dass sie ihn liebe, dass diese Nacht ihr höchstes Glück sei, dass sie seiner gedenken werde immer und ewig, so lange sie lebe, da war es ihm, als wehten ihn bekannte Klänge an, als öffne sich ein lange verschlossener Schrein in seinem Herzen, als sei ihm diese Liebe und Wonne, die, wie die Rose sich entfaltet im wollüstigen Hauch der warmen Abendsonne, entsprossen war aus dem Sturm der Sinne, aus den unsichtbaren, mystischen Reizen der dunklen Nacht, – etwas längst Vertrautes und Bekanntes und Empfundenes. Die stimme des Weibes in seinem Arm war leise und zagend, aber süss und wohllautend, und ihre Worte zeigten von tiefem natürlichen Gefühl und einem Denken und Empfinden, das gewöhnlich den jeder Bildung des Herzens und Geistes ermangelnden, in launenleerem Geplauder sich ergehenden türkischen Frauen fehlt.
"Wer bist Du, seltsames Wesen," fragte der Deutsche in diesem seligen Rausch, "Du, die mir Liebe so zärtlich beteuert, und mir dennoch erst vor wenigen Stunden zum ersten Mal begegnet ist im Leben, die mein Auge nicht ein Mal unterschieden hat im Kreise ihrer Gefährtinnen, die ich nicht wieder kennen würde, wenn der Morgenstrahl mir nicht Deine Züge verriete, und die dennoch ein Gefühl in mir weckt, wie es der ruhige, verständige Mann, über die Jahre der leidenschaft hinaus, noch nie empfunden?"
"Sage mir," flüsterte die stimme, "bist Du glücklich, o Franke, an meinem Herzen?"
"Ich bin es – aber ...."
"Forschest Du dem milden Hauch der Abendluft nach, der Dein Gesicht kühlt? Kannst Du den Duft schauen, der Deine Sinne erfreut?"
"Und dennoch sehne ich mich, Dir in's Auge zu sehen, Deine Züge in mein Herz zu prägen für immer. Ich werde es, wenn der erste Sonnenstrahl dies Gemach erhellt."
Sie antwortete nicht.
"Nimm diesen Ring, Mädchen," sagte er, indem er einen einfachen Granatreif von seinem Finger zog und an den ihren steckte, "er ist ein Geschenk meiner Schwester und mir lieb. Ich möchte, dass, wenn ich fern von Dir bin, Du Dich meiner erinnern mögest, wie ich es tun werde."
Er fühlte, wie sie die Hand emporhob und den Ring an ihre Lippen drückte, und zog sie an seine Brust.
Lange vorher, ehe das erste Morgengrauen durch die Jalousieen des Gemaches schimmerte, lag er in tiefem festen Schlaf.
Als der Ruf des Kiradschia ihn später aus wilden aber süssen Träumen weckte, streckte sein Arm sich vergeblich nach der Gefährtin der wonnigen Nacht aus – sein Lager – das Gemach waren leer.
Er sprang empor – sollte denn Alles ein Traum gewesen sein? Unmöglich – er war in Madara – dort auf den Kissen noch der Eindruck des Hauptes der seltsamen Geliebten, – er kannte jetzt die Rechte der Republik, er wusste, dass eine Frau bei ihm gewesen.
Die Mahnung des Kiradschia hiess ihn sich beeilen. Er rief nach Nursah, seinem Diener, aber erst auf wiederholten Ruf erschien dieser, und es war, als scheute sich der sonst so zutrauliche, auf jeden Wink merkende Knabe vor seinem Herrn.
Bald sassen sie auf; kapitän Depuis mit seinem Diener kam von dem haus her, in dem er die Nacht zugebracht. Sein Aussehen war erschlafft, matt und zeugte von den Schwelgereien der Nacht; sein Faunenblick traf den deutschen Arzt und jagte diesem das Blut in das Männerangesicht.
Aber man hatte wenig Zeit zur Verständigung – der Kiradschia drängte zur Abreise, denn sie mussten am nächsten Tage Schumla zu erreichen suchen, und aus den Hütten und Häusern des seltsamen Dorfes strömten bereits wieder die heiteren Bewohnerinnen zusammen und umgaben mit jubelndem Morgengruss die Reisenden. Vergeblich schaute der Arzt nach irgend einem Erkennungszeichen seines nächtlichen Besuches sich in der Menge um, überall schöne, heitere, neckende Gesichter, aber nirgends ein seiner Frage begegnender Ausdruck, nirgends ein Bild, das zu dem seiner aufgeregten Phantasie passte. Zu fragen scheute er sich, denn er fürchtete den Spott des Offiziers und des Kiradschia's, und so musste er denn mit ungestillter Neugier sich ihnen zur Abreise anschliessen.
Ein ähnlicher Zug wie der, welcher sie empfangen, geleitete sie bis zum Ausgang des Tales, wo das Gebiet des seltsamen Weiberstaates endete und die Reisenden schieden hier, nachdem sie die Begleitung nach ihren Mitteln reichlich beschenkt hatten. Die Frauen schossen wiederum ihre Pistolen und Flinten in die Luft und jagten davon.
"Nun, Doctor," sagte lustig der kapitän, als sie einen Augenblick auf der Höhe des Bergpasses hielten und zurückschauten auf das ferne Tal, "was denken Sie von unserm Abenteuer und wie haben Ihnen die Gebräuche der höchst ehren- und achtungswerten Republik gefallen? Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht, aller Censur zum