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zierlich geflochtenen Körben mit Rosen den Weg bestreuend, und Alle ein bulgarisches Lied singend, das mit seinen eigentümlich melancholischen Klängen sie, willkommen hiess.

Die Frauen umringten die Pferde der Reisenden und, Blumenkränze durch ihre Zügel schlingend, führten sie die Gäste im Triumph in ihr merkwürdiges Dorf, und bis in die Mitte desselben, die einen freien Platz bildete. Es kam dem Arzt ganz eigentümlich vor, sich hier umgeben von mehr als drei- oder vierhundert schöner Frauen zu sehen, die sie umdrängten, alle redend, durcheinander schnatternd, alle ihn mit offenen Blicken musternd, unverhüllt durch den hässlichen Yaschmak, ihren Putz und ihre Schönheit zur Schau tragend, beweglich, froh und frei, statt der trübseligen bewachten Gestalten, die er seit Jahresfrist fast allein zu schauen bekommen hatte.

Der französische kapitän wusste sich vortrefflich in die Lage zu finden und kauderwelschte und scherzte bereits nach allen Seiten hin, so gut es ging. Auf dem Platz, an dem der Zug hielt, stiegen sie von den Pferden, und alsbald wurden diese, nachdem sie des Gepäcks entledigt worden, nach einem offenen Schuppen geführt und mit reichlicher Nahrung versehen. Wie die Beiden von dem Kiradschia erfuhren, waren sie, obschon in der Kriegszeit das Tal häufiger besucht, als sonst, ja ein Mal sogar mit Einquartirung belegt wurde, doch heute die einzigen Gäste, und der Eifer, sie zu bewirten und zu unterhalten, daher desto grösser.

Es schien zur Aufnahme der Fremden eine Anzahl zierlicher Wohnungen in dieser seltsamen Republik in Bereitschaft gehalten zu werden, denn der Kiradschia, der Arzt und der kapitän, so wie dessen Diener, wurden Jeder zunächst in ein abgesondertes Häuschen geführt, um von demselben Besitz zu nehmen, und dann eingeladen, ein türkisches Bad zu nehmen, in dem alte Frauen sie bedienten. Nur der schwarze Sclave Nursah durfte das Haus seines Herrn teilen, da die orientalischen Frauen das Princip haben, das häufig auch in der civilisirten Welt zur Anwendung kommt, den Sclaven oder Diener nicht für einen Mann anzusehen.

Als sie, von dem Bade nach dem langen Ritt gestärkt, wieder auf dem Platz erschienen, waren Teppiche für sie ausgebreitet, und während der Kiradgia seinen Waarenballen öffnete und dessen Inhalt vor den funkelnden Augen der Menge entüllte, die Waaren und Geschmeide Hand in Hand gingen und der Kauf- oder Tauschhandel geschlossen wurde, umgaben andere Frauen den Arzt und den Offizier, ihnen Kaffee, Sherbet und Früchte vorsetzend, die Nargileh's in Brand haltend und sie mit tausend neugierigen fragen bestürmend.

Zugleich wurden von den älteren Frauen Anstalten für die Abendmahlzeit gemacht. Jeder Franke gilt im Orient für einen Hekim-Baschi oder Arzt, und als der Kiradschia verraten hatte, dass der Eine seiner Begleiter ein berühmter Doctor der Armee sei, wurde der Sturm der fragen, die für allerlei eingebildete Uebel Heilmittel verlangten, immer grösser, teilte sich aber komischer Weise auf den kapitän und den Arzt, denn da beide militärische Kleidung trugen, schien es den schönen Hilfesuchenden ziemlich gleich, welcher von ihnen der Rechte sei.

Der Schlag auf ein grosses Becken schaffte ihnen endlich Ruhe, indem er den Beginn der Abendmahlzeit verkündete, und die schönen Bewohnerinnen des seltsamen Dorfes lagerten sich in Gruppen und Kreisen um die Gäste, während alte Frauen, die allein das Gesicht in türkischer Weise verhüllt trugen, die Platten und Schüsseln mit Pillaw und gekochtem und gewürztem Geflügel oder den mit gehacktem Fleisch gefüllten Gurken herbeitrugen.

Die zierlichen, oft eben nicht allzu reinen Finger der Schönen fielen nach türkischer Sitte alsbald über die Gerichte her und für einige Zeit herrschte Stille in der sonst so lebendigen und lauten Gesellschaft, da die ewig beweglichen Zungen und Lippen mit der Mahlzeit beschäftigt waren.

Die Fremden, reichlich und mit dem Besten bedient, liessen es sich gleichfalls schmecken und Welland beobachtete mit Vergnügen, wie der martialische kapitän von zwei schönen, ihm rechts und links sitzenden Frauen, deren offene Kleidung seine lüsternen Augen in Bewegung hielt, gleich einem sybaritischen Pascha sich füttern liess.

Die beiden Frauen rollten die Kugeln des Pillaw in der Fläche der Hand und stopften sie mit grossen Fleischstücken und Oliven ihm unbarmherzig in den Mund, und der galante Franzose warf dankbar-verliebte Blicke nach rechts und links, während er fast erstickte.

Als die Mahlzeit vollendet war und man wieder Pfeifen und Kaffee zur Hand nahm, wobei der Kreis der Frauen den Männern Gesellschaft leistete, begann der Tanz. Aus den Reihen um sie her traten blumengeschmückte schöne Mädchen hervor, fassten einander an weissen Tüchern an und tanzten den Rundtanz um die in der Mitte stehende Koriphäa oder Vortänzerin, indem sie in türkischer, griechischer und bulgarischer Sprache improvisirte Lieder sangen und Andere das Tambourin oder eine kleine Trommel dazu schlugen. Dann ergriff Eine oder die Andere die Guzla, lagerte sich im Kreise ihrer Gefährtinnen und sang in monotonem Declamiren ein Gedicht voll sehnsucht und Liebe, voll Schwermut und wollüstigem Hauch, in das der Schlag der Nachtigal einstimmte, die aus den Wipfeln der überall einzeln oder in Gruppen durch das Tal verstreuten Kastanienbäume, Eichen und Cypressen ihre lockenden Töne flötete. Die Rosen hauchten ihren Duft durch die würzige Abendluft, leuchtende kleine Käfer funkelten durch die Gebüsche und schwebten umher gleich beflügelten Sternen.

Dazu klang das heitere lachen silberner, jugendlicher Frauenstimmen aus den zahlreichen Gruppen und Kreisen auf dem grossen Platz, leichte Gestalten eilten umher, bald dem eintönigen Vortrag einer Massaldschi oder Märchenerzählerin lauschend, bald eintretend in die Kreise der Tanzenden, oder neugierig sich herandrängend in jene, die sich