die Nähe der grossen Strasse, dann schieden sie mit herzlichem Händedruck. Die kleine Gesellschaft war auf dieser erst eine kurze Zeit vorgegangen, als ihr Führer sie wieder verliess und einen kaum erkennbaren Seitenweg einschlug. Doch schien er mit dieser Gegend auf das Genaueste vertraut, denn die wilden Pfade, die er sie führte, wurden von ihm ohne die geringste Zögerung gewählt und waren, wenn auch mühsam, doch gangbar für die Pferde. Unter verschiedenen Gesprächen, zu welchen die eigentümlichen Sitten ihrer nächsten Lagerstätte nicht den wenigsten Stoff abgaben und die vielfach durch die Erzählung eines Abenteuers des Kiradschia's in den verschiedenen Ländern gewürzt wurden, kamen sie vorwärts, und als die Sonne sich zu neigen begann und die türkische Tagesrechnung ihrem Ende nahte, sagte der Führer ihnen, dass sie nahe am Ziel wären.
Obschon die wilde oft Grausen erregende natur des Hochgebirges, rauhe Felsenmassen, abwechselnd mit üppig grünen Matten, seine Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch nahmen, war es doch dem Arzt nicht unbemerkt geblieben, dass sein Diener Nursah wieder während des ganzen Tages ein unruhiges, seltsam befangenes Wesen zeigte. Bald ritt er träumerisch dahin, in tiefe Gedanken versunken, bald drängte er sich hastig und auffallend an seinen Herrn, und seine Blicke hingen ausdrucksvoll und doch mit einer gewissen Scheu an diesem.
Sie hatten den Gipfel des Balkans überstiegen und befanden sich bereits – wenn auch im Hochgebirge, auf den südlichen Abhängen desselben, die schon von den milden Winden des ägeischen Meeres bestrichen werden und auf denen die Rose, der Wein, die Myrte und die Feige in üppiger Fruchtbarkeit gedeihen. Zwischen rauhen Felsenmassen dahin reitend, dem Zug eines Gebirgsbaches folgend, öffnete sich plötzlich vor ihnen ein weites Gebirgstal mit aller üppigen Vegetation der tiefer liegenden Landschaft Zagora. Von hohen Bergen umschlossen und geschützt vor den rauhen Stürmen des Hochgebirges lag es da in seiner grünen Pracht, die Prairie mit ihrem fast mannshohem Grase, üppige Getreidefelder von Myrten- und Feigenhecken eingehegt, an den Platanen und Eichen die Ranken des Weins emporstrebend, weite Gärten von Rosen und wohlriechenden Kräutern, ein Hauch wollüstigen Duftes und lieblicher Schönheit über dem ganzen Eden!
Madara!
Es war die Colonie der türkischen Frauen, jenes so selten erreichte Zauberland der Reisenden im Balkan.
Von der Höhe, wo sie hielten, konnten sie das aus zahlreichen Grünen versteckten und zierlich gebauten Häusern bestehende Dorf und die seltsamen Bewohnerinnen in Gruppen versammelt sehen – in dem klaren Gebirgsstrom ihre Abendwaschungen verrichtend, auf munteren Pferden umherjagend durch das Tal, oder durch die Felder schweifen, Kränze windend von duftenden Blumen – alle bunten Trachten des Orients, wallende farbige Gewänder, die Schönheit unverhüllt prangend im Strahl des Lichts.
Reizendes Madara! Oase im Frauen- und Liebesleben des Orients!
Sie lenkten ihre Pferde zum Tal, bezaubert von dem wunderlieblichen Anblick, aber schon waren auch sie bemerkt, und die Gruppen der Frauen und Mädchen in der Tiefe begannen sich zu sammeln. An den Trümmern eines Turmes, der weit über das Tal ragte, sprengte ihnen eine Gruppe von Frauen entgegen, Frauen, die, obschon teilweise noch schön und frisch, doch offenbar schon jenen Wendepunkt überschritten hatten, den die Erzählung des Kiradschia, als die Trennung von ungezügelter Freiheit zum Leben der Arbeit und der Mühen des kleinen seltsamen Staates, angegeben hatte. Ihre Hand führte keck den Zügel, die Flinte hing am hohen Sattel, im Shawl, der die Hüften umschlang, steckten blanke Feuerwaffen. Schon von ferne ertönte ihr Haltruf.
Als sie näher heran kamen, ritt ihnen Paswan, der Kiradschia, entgegen, und kaum, dass sie ihn erkannt, erhob sich ein gellendes Freudengeschrei in die blaue Mailuft, denn wo in öden Ländern wäre der wandernde Kaufmann nicht willkommen, der Kunde bringt von dem Leben draussen hinter den Bergen oder den Wäldern, der Putz und Zier, Schmuck und alle jene hundert Gegenstände mit sich führt, die Frauenaugen lieben und bewundern.
"Seid gegrüsst, Kiradschia Paswan, Du und Deine gefährten," sagte die Führerin des Zuges. "Mögen sie eintreten in Mdara's geheiligte grenzen und Brot mit uns brechen, wenn sie unseren Gesetzen sich fügen wollen. Sage uns, ob Deine Freunde freigeborene Männer sind, die allein Anspruch haben auf die Rechte unserer Gäste?"
"Sie sind es, o Khanum, bis auf einen armen nubischen Sclaven."
"Möge er zur Bedienung seines Herrn mit ihm gehen. Die Weiber von Madara werden ihm ihren Leib, aber nicht ihr Brot verweigern. Deine Freunde sind bereit, unser Gesetz zu erfüllen?"
Der Kiradschia blickte nach seinen Reisegefährten lächelnd um.
"Sie werden es, Licht meiner Augen!"
"So seid uns willkommen und möge Euer Eingang gesegnet sein!"
Sie schoss ihre Flinte in die Luft ab und wandte ihr Ross; ihre Gefährtinnen folgten dem Beispiel und Alle jagten den Abhang hinab, während die Fremden langsam folgten, mit gespannter Aufmerksamkeit auf das nun kommende Schauspiel. Bald darauf verkündete ihnen ein lautes Freudengeschrei, wie die Wächterinnen des Tales dessen Bewohnerinnen wahrscheinlich die frohe Nachricht gebracht, dass ein Kiradschia mit seinen Waaren komme, sie zu besuchen; denn von allen Seiten sah man die Frauen zu dem Eingang des Dorfes eilen.
Als die Reisenden um ein dichtes Gebüsch bogen, das ihnen einige Zeit die Aussicht auf das Dorf benommen hatte, kam ihnen von dessen Eingang her ein seltsamer, überraschender Zug entgegen, eine Anzahl junger und schöner Frauen oder Mädchen, einige das Tambourin oder Becken schlagend, andere aus