, den Bulgaren."
Der alte Janitschar schwieg melancholisch und dampfte grosse Wolken aus seinem Tschibuk. Er war vielleicht der einzige, der noch übrig geblieben von jener einst so furchtbaren Schaar, dem Schrecken Europa's. Sein Freund, der Kiradschia, noch im kräftigen Mannesalter und wohl fünfzehn Jahre jünger als er, reichte ihm die Rakihschaale. – "Es war Dein Kismet, Freund Ibrahim, – wer kann es ändern?"
"Und hast Du auch später keine Kunde erfahren, was aus Deinem verräterischen weib und den Kindern geworden ist?" fragte teilnehmend der Arzt.
"Allah bilir – Gott allein weiss es. Ich habe vernommen, dass vor einiger Zeit ein altes Weib in Madara gestorben ist, deren nachgelassene Habe die Zeichen der 64. Orta der Jenettschjeri und den Namen Ibrahim trägt. Ein altes Weib ist ein grosses Uebel, aber dennoch wird es Paswan nicht versäumen, nachzuforschen, wenn er morgen mit Euch in Madara übernachtet."
"Das Ziel unserer nächsten Tagereise ist das berühmte Dorf Madara?" fragte der französische kapitän.
"So ist es. Es liegt abwegs im Gebirge, aber Ihr werdet sicherer reisen in meiner Begleitung," sagte der Kiradschia.
"Ei, Ventre bleu!" lachte Depuis, "ich würde auch einen stärkern Umweg nicht scheuen, um das berühmte Amazonennest zu besuchen. Sie kennen seine geschichte, Doctor?"
"Ich bin nicht so glücklich."
"Dann rüsten Sie sich, Doctor, und schicken Sie vorläufig alle Prüderie und Keuschheit zum Henker. Madara ist das Paradies der türkischen Frauen in dieser Welt und die Opferstätte der Männer. Es ist der einzige Ort in der ganzen Türkei, wo die Frauen Frauen sein dürfen und lieben, wen sie wollen, ohne gleich fürchten zu müssen, dafür gesackt und geköpft zu werden. Madara ist das Capadocien der alten Amazonen und die Wlaskaburg der böhmischen Mägde. Weiss der Teufel, ob seine Rechte sich noch, aus der alten Heidenzeit herschreiben, so viel aber ist sicher, dass weder Christ noch Türke die Vorrechte dieses seltsamen Asyls je zu brechen versucht. Es ist ein Weiberstaat im Kleinen. Hierhin flüchten sich alle Frauen und Mädchen aus der ganzen Türkei, die irgend einem grimmigen Vater oder Mann entlaufen sind. Wenn sie die Grenze dieses kleinen Reiches überschritten haben, sind sie freie Bürgerinnen desselben bis zu ihrem dreissigsten Jahre. Kein Mensch, selbst der Sultan nicht, darf sie zurückfordern, aber eben so wenig dürfen sie vor jener Zeit freiwillig das Asyl wieder verlassen. Mit ihrem dreissigsten Jahre hört die Zeit des Vergnügens und der Freiheit auf, die Aelteren müssen, wollen sie den Ort nicht verlassen, dann die Geschäfte der Dienerinnen versehen und für ihre jüngeren Schwestern putzen, waschen, kochen, braten und backen, säen und ernten, was weiss ich! Kurz, so viel ist sicher, dass es junge Schönheiten und alte Weiber zur Genüge in Madara gibt!"
"Und sind die Männer ganz daraus verbannt?"
"Ei, mit nichten! Das ist eben das Vortreffliche an der Sache. Man munkelt darüber höchst seltsame Geschichten, die meine Neugier auf's Aeusserste gespannt haben. Ventre bleu! Man wird mich beneiden in der ganzen französischen Armee, wenn ich eine Nacht wirklich und wahrhaftig in Madara zugebracht habe. Effendi Paswan, Ihr zernarbtes Spitzbubengesicht, wisst gewiss mehr von den Geheimnissen des Amazonendorfes zu erzählen. heraus damit!"
Der Kiradschia lächelte.
"Als ich noch jünger war," sagte er, "führte mein Weg mich wohl öfter dahin, ich will es nicht läugnen. Ich war gern gesehen unter den Frauen und bin es noch, denn ich bringe ihnen Seide von Brussa, Stickereien von Constantinopel, die Wohlgerüche von Edreneh und die Leckereien von Chios. Nicht Jeder darf über die Grenze der Frauen, aber wer mit einem Freunde kommt und ein freier Mann ist, ist ihnen willkommen."
"Aber die Bedingungen? die Bedingungen des Eintritts, Alter?" forschte eifrig der kapitän.
"Was soll ich sagen – Ihr werdet es selbst schauen. Wer eintritt in Madara, muss sich den Gesetzen des Dorfes fügen – Ihr seid Beide noch jung und werdet schwerlich ein Nachtlager auf dem Grase der Berge vorziehen. Doch es ist nötig, dass wir das unsere halten, denn wir müssen aufbrechen, ehe die Sonne die Gipfel der Berge rötet. Schlaft wohl, Franken!"
Er hüllte sich in eine grosse wollene Decke und stützte sein Haupt auf eines seiner Waarenpackete. Wenige Minuten darauf war er in tiefem Schlaf, indess Ibrahim, der greise Janitschar, unverändert an seiner Seite sitzen blieb und Wolke auf Wolke hinaus in die Nachtluft qualmte.
Miloje, der Capitano der Schaar, lud gleichfalls seine beiden unfreiwilligen Gastfreunde ein, die Ruhe zu suchen und führte sie nach einer der leichten Hütten, die er ihnen allein zu ihrer freilich sehr geringen Bequemlichkeit überliess. Bald war das Feuer erloschen und heilige Stille um die Schläfer her, nur unterbrochen von den plätschernden Wellen des Gebirgsbaches oder dem Schrei eines Nachtvogels. – – –
Mit dem ersten Tagesgrauen weckte der Kiradschia seine Reisegefährten. Ehe sie ihre Hütte verliessen, hatte er bereits seine zwei Packpferde mit ihrer Last versehen und Nursah und die Haiducken hatten die Pferde gesattelt. Paswan drängte zum Aufbruch, das Frühstück, aus Kaffee und hartem Brot bestehend, war bald verzehrt und nach wenigen Augenblicken sassen sie im Sattel.
Miloje und einige seiner gefährten begleiteten sie zurück bis in