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ein grösseres Felsstück zu der Stelle zu schieben und in meiner Angst schrie ich laut auf, als plötzlich ein Schuss und ein Freudengeschrei diesem Hilferuf antwortete, worauf noch ein zweiter Schuss und ein Schmerzensbrüllen des tödtlich getroffenen Bären folgte, und mein Vater mit mehreren Nachbarn an den Rand des Felsens geeilt kam und mich so unverhofft in meiner freilich kläglichen Lage wieder erblickte. Sofort wurden mir Stricke zugeworfen, die ich um mich knotete und an denen man mich in die Höhe zog. Ich war so schwach, dass ich nicht stehen konnte, und man musste mich die Felsen hinunter bis dahin, wo die Pferde hielten, tragen."

"Alle hatten mich längst verloren und höchstens meine Gebeine zu finden geglaubt," fuhr der Kiradschia nach einer kleinen Pause und einem tüchtigen Schluck Rakih fort, "aber Gott und die Heiligen hatten es anders gewollt. Weliko hatte sich nach seiner Flucht still nach haus geschlichen und dort, ohne ein Wort zu sagen, voll Angst über das angestiftete Unheil, versteckt. Erst als ich bei Einbruch der Nacht noch nicht wieder erschienen, wurde mein Vater aufmerksam. Er ging nach dem Pferch und fand zwar die eingetriebenen Pferde, aber mich nicht. Erst später gelang es ihm, zu ermitteln, wer diese zurückgebracht und der Bursche erzählte nun, dass er mich und Weliko mit einer Flinte habe nach den Felsen gehen sehen. Weliko wurde endlich aus seinem Versteck hervorgeholt und eine tüchtige Tracht Schläge brachte ihn bald zu dem Bekenntniss unsers Unternehmens und des ganzen Vorganges, wobei er denn angab, dass er erst dann geflohen sei, als er mich bereits von der Bärin hätte zerreissen sehen. Mein Vater und die Nachbarn brachen alsbald auf und schleppten ihn mit sich, bis zu der bezeichneten Stelle, wo sie so glücklich noch zur rechten Zeit eintrafen. Den mit so vielen Gefahren verdienten Preis für die beiden Bären und die drei Jungen erhielten nun freilich weder ich noch Weliko, sondern den steckten wohlweislich unsere Väter ein. dafür aber wurden wir Beide, nachdem erst mein Kopf geheilt war, noch weidlich ausgepeitscht zur Warunug, dass es uns nicht wieder einfallen möge, auf eigene Hand zur Bärenjagd zu gehen. – So bin ich auch um mein Ohr gekommen!"

"Und zu einer Tracht Schläge," sagte Miloje. "Schade, dass Du nicht ein Jäger geworden bist!"

"Gott wollte es so!" meinte der Erzähler seufzend. "Ich habe später manchen Bären geschossen, aber es hat mir keiner so viel Angst gemacht, und bei jedem dachte ich an die Prügel, die mir mein Vater gegeben. Er war ein ächter Bulgare, mögen die Heiligen gut mit ihm sein."

"Wallah!" sagte der Janitschar, "was hilft es, zu klagen, wir müssen Alle sterben. Mir ist der Tod näher wie Dir gewesen, und ich bin ihm entgangen. Das Schicksal wollte es und da sitze ich auf meine alten Tage, der ich ein Länderbesitzer war und ein Haus in Constantinopel hatte, und rauche mit den Djaurs!"

"Erzähle es uns, Effendi," bat der französische kapitän. "Meinst Du Dein Entwischen aus der Niedermetzelung der Janitscharen? – Ich wünschte schon lange, den Hergang etwas umständlicher zu erfahren, als damals die Zeitungen meldeten und die Bücher erzählen."

"Mashallah," entgegnete der alte Türke melancholisch, "was ich Euch erzählen will, Fremdlinge, regt eine Wunde in meinen Eingeweiden auf, die das Alter und fast dreissig Sommer nicht haben schliessen können. Allah sende ihm Unglück, der dies getanes liegt Staub auf dem grab des Grossherrn Mahmud und die Inglis und Franken wären nimmer nach Stambul gekommen, wenn die heiligen Orta's nicht vertilgt worden aus dem Strahl der Sonne! – Der Prophet zürnt mit den Gläubigen und hat ihr Land in die hände der Dschaur's gegeben.

Wisst Ihr, wer mit Euch spricht, Fremdlinge?

Melek-Ibrahim, der Oda-Baschi4 der Zagrandschi's von der 64. Orta5 des heiligen Stambul.

Ich hatte ein Weib genommen und zwei tscherkes

sische Sclavinnen, denn mein Einkommen war reichlich und der Tschor-Baschi6 mein Freund. Wir wohnten in einem eigenen haus in Cassi-Pascha7 und nur im Sommer zog ich alljährlich nach dem Balkan auf mein Spahilik, das ich von Selim, meinem Bruder, geerbt im Ejalet8 von Widdin. Mein Weib und die Sclavinnen vertrugen sich anscheinend gut bis auf kleine Zänkereien, denn ich führte kräftig den weissen Stab und litt es nicht, dass die Frauen mir in den Bart lachten. Zwei Kinder erfreuten mein Herz, ein Knabe und ein Mädchen, die mir beide meine Lieblingssclavin geboren, denn mein Weib war unfruchtbaren Leibes. I r e n e , die Mutter meiner Kinder, war schön wie die guten Geister, die den Gläubigen umschweben. Ihr Antlitz war wie die Mandelblüte und ihre Lippen glichen den roten Granaten.

Aber das Kismet lässt sich nicht abwenden. Schwarze Wolken zogen auf am Himmel der Ienettschjeri und das Antlitz des Grossherrn verdunkelte sich gegen seine tapfersten Kinder vor den Einflüsterungen falscher Franken, und man nahm uns unsere Rechte und wollte uns zwingen, zu fechten gleich den Christen.

Der Bluttrinker hatte den Nizam gemacht und die Topschi's9, die unsere Feinde und Neider waren von Anfang an. Es kam damals viel Unheil über die Müsselmans, denn Alles sollte anders werben, als es die Väter hinterlassen, und der Grossherr hasste uns, weil wir