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auf einen dort aus der Felsenritze hervorgewachsenen, jedoch vom Sturm wenige Fuss über dem Boden abgebrochenen jungen Baum fielen. Ich begriff im Augenblick, dass hier die einzige Möglichkeit der Rettung lag, und ohne mich weiter zu bedenken, liess ich mich an dem Körper des strampelnden und arbeitenden Tieres hinunter gleiten. Während ich den nach der Seite des Baumes hin gerichteten Hinterfuss umklammert hielt, suchte die Bestie mich mit dem anderen von sich abzustreifen und riss mir dabei mit der Klaue das linke Ohr vom kopf, verletzte mich auch sonst im Gesicht und an den Armen, dass meine Kleidung ganz zerfetzt war, und das Blut aus vielen Wunden und Schrammen herausfloss. Dennoch gelang es mir, mit meinem Fuss den Stamm des Bäumchens unter mir zu erfassen und, mich allen Märtyrern empfehlend, liess ich den Bären los und mich rittlings auf den neuen Stützpunkt niedergleiten. Der Stamm war glücklicher Weise zähe und fest genug, um den Stoss und meine Last zu tragen, und ich fand mich auf ihm reitend in einer, wenn auch nicht sehr bequemen, doch wenigstens vorläufig gesicherten Lage. Ich schaute nun nach meinem Feinde hinauf und bemerkte bald, dass, obschon von meinem Gewicht befreit, seine Kraft doch nicht mehr zureichte, ihn länger zu halten. Nach einem letzten verzweifelten Versuch, empor zu klimmen, liess die Tatze los, und der Bär stürzte dicht neben mir und mich im Falle berührend, in den Abgrund, aus dessen Tiefe sein Aufschlagen dumpf emporschallte. Gott gab es, dass ich mich in dem verhängnissvollen Augenblick fest an meinen Sitz geklammert hatte, so dass mich die streifende Masse nicht aus dem Gleichgewicht brachte. So war ich nun zwar meines grimmigen Feindes los, doch meine Lage wahrlich nicht um Vieles besser; denn vom Blutverlust und von der Angst ermattet, sass ich hier zwischen Himmel und Erde auf einem schwankenden Baumstamm, der jeden Augenblick nachgeben konnte, und ohne fremde Hilfe war es mir unmöglich, den Felsenrand zu gewinnen, der mehr als fünf Ellen über mir lag."

"Der lose Mund der Weiber hat Dir also mit Unrecht nachgesagt," meinte Miloje, indem er gleichmütig den Schibuck aus dem mund nahm, "dass die Moslems Dir in Constantinopel das Ohr abgeschnitten, weil Du ihnen falsches Gewicht verkauft!"

"Fluch über sie!" murrte der Kiradschia ärgerlich, indem er nach dem Handjar in seinem Gürtel fasste. "Ich wollte, es wagte es ein Mann, um ihm die Lästerzunge auszureissen."

Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme des alten Janitscharen, lachte bei dem listigen Augenzwinkern des Anführers, aber kapitän Depuis, der sich für die geschichte als Jäger interessirte, bat eifrig den Gekränkten, fortzufahren. Nachdem er ein Paar lange beruhigende Züge von Dampf aus Mund und Nase von sich geblasen, erzählte er weiter:

"Gott weiss es, mir war schlimm zu Mute, aber ich hoffte, dass Weliko, obgleich er mich so feig verlassen, bald mit herbeigeholter Hilfe zurückkehren werde, um mich aus meiner verzweifelten Lage zu befreien, und suchte unterdessen eine möglichst bequeme Stellung anzunehmen, das Blut zu stillen und den Kopf mit einem Lappen meiner Kleider fest zu umbinden. Aber Zeit auf Zeit verging, die Sonne war schon versunken und der Mond warf bereits sein Licht über die Felsen, ohne dass sich von Weliko oder, einer menschlichen Hilfe etwas sehen liess, und mein Geschrei verhallte ungehört im öden Gebirge. Dagegen kam es mir vor, als hörte ich ein leises Brummen immer näher und näher kommen, und bald konnte ich mich nicht länger tauschen; der Bär, an den wir gar nicht, oder ihn nach seiner Gewohnheit entfernt, auf eigene Hand jagend, gedacht hatten, befand sich in der Nähe und kehrte zu seiner Familie zurück. Das Brummen erscholl jetzt laut und als ich empor blickte, sah ich über den Rand des Felsens den Kopf des Tieres hervorragen, das mich mit grimmigen Blicken und die Zähne nach mir hinunterfletschend, betrachtete. Es war der Blutwitterung seiner Gefährtin gefolgt und fand mich hier in meiner hilflosen Lage; freilich war ich ausserhalb des Bereichs seiner Klauen und Zähne, aber schon der grimmige Anblick des Tieres, wie es so auf mich herunterstarrte, war hirnverwirrend und ich musste alle Kraft aufbieten, um meinen Verstand zu behalten. Ich schloss die Augen und blieb lange Zeit so sitzen; wenn ich aber unwillkürlich, ja, halb gezwungen, wieder emporblickte, sah ich stets über mir den Rachen des Bären, und seine grünlich, gleich leuchtenden Käfern, funkelnden Augen. Stunde auf Stunde verging so in dieser entsetzlichen Lage, ohne dass mein Feind wich; endlich tauchte das erste Morgengrauen über die Felsen und Wälder auf. Mit allen Gebeten an Gott und die Heiligen, die ich irgend auswendig wusste, begrüsste ich das Licht und schöpfte neue Hoffnung, als ich das Tier jetzt sich bedächtig zurückziehen sah. Aber es geschah nur, um einen so boshaften als wohlüberlegten Plan vorzubereiten, und es sage mir Keiner, dass der Bär nicht Verstand hat, mindestens so viel wie ein Türke. Es dauerte nämlich nicht lange, so kam mein Gegner zurück und trug in seinen Vordertatzen einen Stein, den er über den Felsrand nach mir herunterstiess. Das wiederholte er mehrere Male, zum Glück aber waren die Steine entweder klein, oder es gelang mir, durch Bewegungen nach rechts und links ihnen auszuweichen, so dass ich nur unbedeutend beschädigt wurde. Jetzt aber hörte ich deutlich, wie die Bestie sich bemühte,