Ohr eingebüsst, und der blick danach war den scharfen Augen des Kiradschia's nicht entgangen.
"Ihr müsst nicht denken, Franken, ich sei aus eine schlimme Weise darum gekommen," sagte er. "Es ist ein Andenken an diese Berge und meine Knabenzeit, und wenn's Euch gefällt, will ich Euch erzählen, warum ich Paswan der Einohrige heisse."
Der Arzt und der Offizier baten um das Abenteuer und der Hausirer begann:
"In den Felsenklüften des Balkan wohnt neben dem Eber, dem Hirsch und dem Wolf auch der Bär, und er ist für die zahlreichen Hirten unseres Landes das gefährlichste Tier. Er ist der Feind des Bulgaren, denn wenn er ein Rind oder ein Pferd zu Boden reisst, so muss der Bulgare es dem Spahi ersetzen. Schon von meiner frühesten Jugend an half ich meinem Vater die grossen Heerden hüten, die seiner und eines seiner Vettern Aufsicht von dein Kiaja anvertraut waren. Unser Vetter hatte einen Knaben, der in meinem Alter war, – ich hatte dreizehn Winter gesehen, – wo er jetzt ist? Gott allein weiss es, und wir Beide hüteten gewöhnlich gemeinschaftlich eine Heerde von Pferden an dem nördlichen Abhange des Gebirges, von dem der Osma herabströmt, eine Tagereise von Ternowo, der heiligen Stadt unseres Landes, wo die Gräber sind unserer letzten Krals.
Seit einiger Zeit hatte eine Bärenfamilie, die in der Tiefe des Gebirges ihr Lager zu haben schien, den Heerden unseres Celo arg zugesetzt und bereits mehrere Pferde zerrissen. Vergeblich waren alle Streifzüge, welche die Männer der Gegend nach den Schluchten unternommen hatten; eines Abends aber kam, während ich mit meiner Heerde am fuss der Berge weidete, Weliko, mein junger Vetter, aus seinem besten Schimmel angejagt und ich konnte schon an seinem frohen Aussehen merken, dass er eine besondere Kunde auf dem Herzen habe. Er war am Morgen in's Gebirge geritten, um eine entlaufene Stute wieder aufzusuchen. – 'Paswan,' sprach er zu mir, indem er vom Pferde sprang, 'wenn Du Mut hast, so können wir das Schussgeld für einen Bären verdienen. Aber Du musst mir versprechen, dass Du keiner menschlichen Seele davon ein Wort sagst, sonst behalte ich für mich, was ich gesehen habe.' – Ich schwor ihm dies bei der Sweta-Horata hoch und teuer, und der Junge, er war kaum ein halbes Jahr älter als ich, erzählte mir nun, dass er ganz nahe an unseren Weideplätzen zufällig auf einem Felsen das Lager eines Bären entdeckt habe, das unsere Jäger so weit im Gebirge gesucht hatten.
Er hatte bei dem Suchen des Pferdes den Bären gesehen und war ihm gefolgt, bis er sich sicher überzeugt, dass das Tier sein Lager gefunden. Aus die Klauen eines erwachsenen Bären waren damals von der Regierung des Paschaliks 50 Piaster gesetzt, auf die der Jungen die Hälfte; ausserdem hatte das Fell einen guten Preis, und wir Burschen glaubten in unserer Dreistigkeit, uns das Geld so gut verdienen zu können, wie ein alter Jäger, und machten danach unseren Plan, indem wir beschlossen, am anderen Tage das Lager aufzusuchen.
Die Heiligen seien mir gnädig, aber ich war damals ein wilder Bube. Mein Vater hatte eine alte Trombole in seiner Hütte – er ist längst im Paradiese, wie mir der Popa gesagt, der mich schwere Dukaten dafür zahlen liess! – und Niemand achtete mehr darauf. Weliko, mein Vetter, übernahm es, seinem Vater Pulver und einige Kugeln zu stehlen, während ich das Gewehr bei Seite zu bringen versprach. Nachdem wir Alles auf's Beste verabredet, trennten wir uns; ich trieb meine Pferde in den Pferch und es gelang nur glücklich, die Trombole wegzubringen und in der kleinen Hütte von Weidengeflecht zu verbergen, in welcher ich gewöhnlich mitten unter den Pferden die Nächte zubrachte. Als ich am andern Morgen mit Hilfe meines Vaters die mir überwiesene Heerde ausgetrieben und dieser sich mit der seinen nach der andern Seite entfernt hatte, kehrte ich rasch zurück und holte mir das Gewehr. Es war um Mittag, als Weliko zu mir stiess, der einen andern Buben beredet hatte, während unserer Abwesenheit die Pferde zu beaufsichtigen und sie nötigenfalls heimzutreiben. Wir machten uns daher sofort aus den Weg nach der Richtung, in der Weliko das Lager des Bären wusste, ohne dass eine menschliche Seele weiter von unserem Anschlag erfahren hatte. Unterwegs luden wir das Gewehr mit dem ganzen Pulver, das mein Vetter gestohlen, und zwei Kugeln, und füllten die Mündung ausserdem bis an den Rand hinauf mit Kieselsteinen an. Triumphirend schleppten wir die Waffe auf unseren Schultern und stiegen so die Berge und Felsen hinauf. Die Sonne war bereits stark im Sinken, als wir uns endlich dem von Weliko bezeichneten platz näherten. Der Felsen, auf dem er sich befand, war ziemlich hoch und mit dichtem Gestrüpp und Buschwerk bewachsen. In diesem krochen wir fort, bis wir eine ziemlich freie Stelle erreichten, wo mich Weliko festielt und, nach dem Hintergrund zeigend, an dem eine hohe Felswand den Platz abschnitt, mir zuflüsterte, dass dort das Lager der Bären sei. Wir lauschten eine Weile, ohne indess eine Spur von der Bärin zu merken, und fassten endlich Mut genug, uns naher an das Lager zu wagen. Hier trafen wir richtig in einer Vertiefung des Felsens und in einem von Buschwerk und Gras förmlich zusammengebauten Nest zwei junge Bären, etwa sechs Wochen alt, die munter wie Kätzchen