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Gastfreundschaft nicht verschmähen."

Obschon der Arzt sich des Haiducken nicht erinnerte, war die unerwartete Umwandlung desselben in einen Freund doch viel zu willkommen, um sie nicht mit beiden Händen zu ergreifen, und wiewohl die Reisenden gern ihren Weg fortgesetzt hätten, mussten sie sich doch bequemen, die gebotene Gastfreundschaft des Haiduckenführers anzunehmen und ihn in das Innere des Gebirges zu begleiten.

Die kleine Karavane wandte sich demnach unter Führung Miloje's auf ungebahntem Weg zwischen Felsen und Gestrüpp nach der Höhe der Berge und kam nach einem Marsch von etwa einer Stunde auf dem prächtigen Felsenhang an, auf dem die Schaar ihr fliegendes Lager aufgeschlagen und von wo sie in einzelnen Streiftrupps die jetzt sehr belebte Strasse durch die Pässe belästigte und häufig selbst grösseren Abteilungen der Türken ernste Scharmützel lieferte.

Da fast alle Mitglieder der Gesellschaft auf solchen Streifereien nach der Niederung entfernt waren, fanden sie unter den von Strauchwerk, Fellen und Stangen flüchtig errichteten Hütten nur Marutza, jetzt die Frau des Führers nach der kühnen Entführung, und das Weib eines anderen Haiducken, nebst dem oben beschriebenen alten Janitscharen und einem anderen Mann.

Alsbald wurden Anstalten zum Mahle gemacht, das aus dem unvermeidlichen Nationalgericht, dem Gaourt (geronnener saurer Milch) und der Hälfte eines in einer Grube zwischen Steinen gerösteten Schafes bestand. Hier, in den Oeden des Gebirges, hörten die Reisenden die neuesten Nachrichten von dem augenblicklichen Schauplatz der Kämpfe.

Mit Triumph erzählte der Bulgar von der Uebergabe Matschins mit einer frischen Garnison von 6000 Mann und guten Wällen an seine Freunde, die Russen. Im ganzen volk und selbst in der Armee war damals die Fabel verbreitet, dass Omer-Pascha eine ungeheure Belohnung von den Russen bekommen, um Kalafat an sie zu verraten, und dass eben deshalb Achmet-Pascha, sein Freund, so träge und tatenlos sich in den grossen Verschanzungen gehalten habe. Der Plan sei aber dadurch vereitelt worden, dass man ausserhalb der Schanzen einen Brief Achmet's an den russischen General gefunden, worin er diesem die Stunde angab, in welcher ihm Kalafat überliefert werden sollte. Stender-Pascha, Mustapha-Pascha und Ismaël-Pascha hätten sich dein Verrat widersetzt, und so sei Omer genötigt worden, seinen Freund Achmet im Kommando durch Halim-Pascha zu ersetzen und ihn als Generalstabschef zu sich nach Schumla zu berufen, worauf er alsbald die Russen am andern Ende der Donau bei Matschin in's Land gelassen habe. In dieser Weise wurde die kluge Defensive des Muschirs in der ganzen Türkei ausgelegt und von seinen vielen Feinden in der alttürkischen Partei selbst in Constantinopel verbreitet. Es ist bekannt, dass sein erbitterter Gegner Riza-Pascha auf die Nachricht von der Einnahme Matschins ein Gastmahl gab und sie seinen Gästen mit den Worten verkündete: "Ich habe es immer gesagt, der Dschaur wird uns die Dschaur's in's Land herein lassen!" –

Da Welland während des Jahres seines Aufentalts in der Türkei bereits ziemlich gut die türkische Sprache erlernt hatte und auch der lustige französische kapitän das Kauderwälsch der Lingua Franca einigermassen handhabte, ging die Unterhaltung ziemlich geläufig von Statten. Der Arzt und der Franzose mussten von den fernen Ländern erzählen, denen sie angehörten, und der Erstere benutzte die gelegenheit, möglichst viel von den Sitten und Gebräuchen des Volkes zu erfahren, unter welches das Schicksal ihn geführt.

Ihm gegenüber sass ein Mann im mittleren Alter, dessen keckes, mit mehr als einer Narbe bedecktes Gesicht von dem abenteuerlichen Leben zeigte, das er geführt, und den die Fremden bei ihrer Ankunft im Lager dort und im Gespräch mit dem alten Janitscharen gefunden hatten. Er sprach fertig italienisch und seine Reden zeigten, dass er weit in der Welt umher gekommen. Auf sein Befragen erfuhr der Doctor, dass er einer jener Kiradschia's sei, gewöhnlich geborene Bulgaren, die als Agenten, Hausirer oder Spediteure der Grosshändler alle Provinzen durchstreifen und bis nach Syrien, ja bis zum Kaukasus hin Waaren an bestimmte Handlungshäuser befördern und von da auf ihren kleinen Balkan-Pferden oder Kameelen neue Ladung mitbringen, häufig auch Hausirgeschäfte auf eigene Hand machen. Diese Menschen zeichnen sich durch eine erprobte Ehrlichkeit aus; eher könnte man die Sonne von ihrer Bahn ablenken, als die Kiradschia's von dem Wege des Rechts, das heisst jenes Rechts, das unter diesen Völkern als solches gilt, denn sie kaufen und vertreiben eben so gern die 'ehrlich' erworbene Beute der Räuber, was freilich nach unsern Begriffen für Hehlerei angesehen werden würde. Als weit gereiste Leute haben sie immer höchst interessante Abenteuer zu erzählen: bald serbische, walachische und moldauische Hofintriguen, bald Klatschereien von den Höfen zu Cairo, des Pascha's von Bagdad und der Drusen- und Maronitenhäupter; bald wilde Räuberzüge und Kämpfe am Kuban oder aus den Oeden der arabischen Wüste; kurz, sie sind das Orakel der Dorfbewohner und die Vorsehung der umherstreifenden 'Freien' im Balkan wie am Libanon. Sie kaufen zu ehrlichen Preisen ihren Raub und liefern ihnen Pulver, Waffen und alle sonstigen Bedürfnisse.

P a s w a n , der Kiradschia, war seit einer Woche bei der Bande des Michael Miloje, und seine Vertraulichkeit mit allen Mitgliedern zeigte, dass er hier ein häufiger, sein wohlgefülltes Gepäck, dass er ein willkommener Gast sei. Er wollte am andern Morgen zugleich mit den Fremden aufbrechen und diese bis Schumla begleiten, und erzählte jetzt bei dem Keff3 um das Feuer von seinen Wanderschaften.

Ein zufälliges Lüften seiner Kopfbedeckung hatte den Fremden gezeigt, das; er sein linkes