des Geschlechts, mit dem wir in Blutrache leben, in unsere Brastwo13. Bei den Gebeinen des heiligen Märtyrers Basilius in Ostrog14, ich weiss nicht einmal, ob ich Recht daran tue, zuzugeben, dass dieser junge Mensch, mein Gastfreund, in den Rachen des Wolfes geht, bloss um einen Mann zu retten, dessen Blut der Familie Martinowitsch eigentlich verfallen ist und längst hätte von uns vergossen werden müssen."
"Vater," rief die Frau entsetzt, "was redest Du da? Du sprichst von Deinem Eidam, dem Gatten Deines Kindes!"
Der Greis starrte vor sich hin, die fixe idee seines Familienhasses schien in ihm wieder aufzusteigen und seinen Geist zu verdüstern.
"Was Kind!" murmelte er vor sich hin. "Die Blutrache hat seit hundert Jahren zwischen dem Geschlecht der Zagartschani und der Martinowitsch Zahn um Zahn genommen, so will es das alte Gesetz, und der Vater Deines Mannes hat unsern Djewer15 zuletzt erschlagen, ohne dass sein Blut bis jetzt gerochen ist."
"Aber es ist das Blutgeld gezahlt und der Streit ist ausgeglichen, als mich Gabriel heimlich davongeführt und Ihr auf des Popen Bitte dann Eure Einwilligung zur Heirat gabt und Gabriel zum Schwiegersohn nahmt."
"Blut ist Blut," sagte der Alte, "und der Schatten des Vetters hat mich manch liebe Nacht gemahnt, wenn die Wila's draussen auf der Livada16 tanzten und der Vampyr umherging mit den blutigen Augen vor der Hahnenkräh. Iwo ist alt und hat einen Eid getan, nur das Blut der Moslems noch zu vergiessen, aber er hat einen Knaben, in dessen Adern das schwarze Blut der Familie rollt, und er wird die Pflicht seines Stammes nicht vergessen."
Der junge Mann, sein Sohn, der bisher geschwiegen und nur auf jedes Wort aus dem mund der Aelteren gelauscht hatte, richtete sich funkelnden Auges vom Boden empor.
"Befiehl, Vater Iwo, und Bogdan wird gehorchen, gält' es auch das Blut seines nächsten Freundes."
Er zog wie beteuernd den Yatagan in seinem Gürtel halb aus der Scheide, doch die Schwester, wild erregt von der herzlosen Blutgier, die zur Sühnung einer alten Familienfehde selbst das Leben des eigenen Verwandten bedrohen konnte, sprang wie ein Blitz auf die Flinte des Alten zu und schwang die schwere Waffe gleich einem Rohr um das Haupt.
"Seid Ihr Wölfe aus dem Epyrus," zürnte sie, "oder die grausamen Tiger des toten Wütrichs von Janina17, dass Ihr das eigene Blut schlachten wollt, statt es zu retten aus Türkenhand? – Bei allen Heiligen im Himmel, wer mir an den Gatten will, der hat es zuvor mit mir zu tun, und er wird sehen, ob die Tochter der freien Berge die Waffe zu führen versteht!"
Grivas war aufgesprungen.
"Gebt Euch zufrieden, Stephana, Vater und Bruder haben es so schlimm nicht gemeint, und es ist nur der alte böse Geist, der zuweilen über den tapferen Sinn des Begs kommt. Du weisst, dass Keiner eiliger war, als er zur Tscheta18, da uns die Kunde kam von Deinem Gatten."
Der Alte strich sich wohlgefällig lachend den Bart.
"So gefällst Du mir, Kind, ich erkenne mein Blut in Dir wieder und weiss, dass das Weiss seinem mann anhängen muss. Aber spute Dich jetzt, wenn die Sonne sinkt hinter die Berge, und wenn die Dämmerung naht, muss der Grieche im Kahn sein, um zeitig in Skadar zu landen."
Die Frau stellte die hölzerne Schüssel mit der Castradina vor sie hin und Alle setzten sich um das Mahl und stillten ihren Appetit. Dann löste der junge Martinowitsch die Schildwacht auf dem Felsen ab, um dem gefährten, einem Vetter der Familie, gleichfalls sein teil zukommen zu lassen.
Während dessen berieten die Männer den gefährlichen Zug des jungen Griechen zur Befreiung seines Freundes, mit dem er vor dem Heldenkampf von Grahowo die uralte Sitte der Blutbrüderschaft eingegangen war, ein Band, das zwei Männer zu jeder Aufopferung und Hingebung verpflichtet. Die Blutbrüderschaft wird nach den Gebräuchen des Volkes entweder für's Leben oder für eine gewisse Zeit, z.B. für die Dauer eines Krieges oder einer Fehde, geschlossen. Während dieser verlassen sich dann die so Verbundenen keinen Augenblick, Gefahr und Ruhe, Speise und Not teilen sie gemeinschaftlich. Ein Lager umfängt sie, Schulter an Schulter stehen sie im Kampf, und nur der – gewöhnlich aber gemeinschaftliche – Tod scheidet den Einen vom Andern und legt dem Ueberlebenden die heilige Pflicht auf, den gefallenen Bruder blutig zu rächen und für seine Hinterlassenen, wenn er Familie hat, zu sorgen. Unauslöschbare Schmach trifft den, der seinen Blutbruder in der Gefahr verlässt oder, ohne ihn gerächt zu haben, aus dem Kampfe allein zurückkehrt.
In ähnlichem Fall war Nicolas Grivas, der jüngere Stiefbruder der beiden Caraiskakis, gewesen. Die heldenmütige Verteidigung des befestigten Hauses des Wojwoden Jakob Wujatich von Grahowo gegen die Türken unter Dervish Pascha ist durch die Zeitungen bekannt. Am 19. Januar erstürmten die Türken das Haus, und der tapfere Wojwode fiel, nachdem er noch eine Felsengrotte lange gehalten und nur auf die drohende Gefahr der bereits begonnenen Unterminirung unter dem Versprechen ehrlicher Kriegsgefangenschaft die Waffen streckte, mit vierzig gefährten – darunter Grivas und sein Blutbruder Gabriel, der Schwiegersohn des berühmten Beg Martinowitsch – in die hände der Türken. Aber die Moslems, treulos und grausam wie in allen diesen Kriegen gegen die Montenegriner, hielten das gegebene Wort schlecht