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wir den fränkischen Arzt erreichen, der den Capitano Chatzi begleitet."

"Kann ich gehen?" fragte der Kranke.

"Nein."

"Ist ein Krieger des Kreuzes besser denn der Andere?"

"Neinaber"

"Willst Du mich lebend in die hände der Moslems fallen lassen, die ihre Schmach von Protapapas zu rächen haben?"

"Bei der Panagiaeher will ich selbst sterben."

"So geh', Oheim Grivas, und tue, was wir beschlossen. Diese elenden Feiglinge von Metzovo, die, wenn sie und die verräterische Schaar von HadschiPetros tapfer zu uns gehalten, uns den Sieg verschafft hätten, mögen wenigstens die Mittel geben, den heiligen Kampf des Kreuzes fortzuführen. Geh!"

Der General erhob sich; in den Falten seiner Stirn lag jener kalte Entschluss, der vor Nichts mehr zurückbebt und dem ebenso die richtende stimme der Mitwelt gleichgültig ist.

In der Tat haben auch selbst die griechischen Zeitungen3 für die nachfolgend beschriebenen Handlungendie wir keineswegs auch nur entschuldigen wollen, die aber eine furchtbare notwendigkeit veranlassteden General auf alle Weise angegriffen und herabzuziehen gesucht, wie viel mehr erst die westmächtliche Presse!

Der General trat in die Kirche auf die Stufen des Hochaltars, nachdem er einigen Capitani's Befehle gegeben. Ohne dass sie es merkte, wurde die in und vor der Kirche versammelte Menschenmasse von einer Chaine der griechischen Krieger umgeben. Mit wenigen Worten verkündete Grivas den ängstlich harrenden Einwohnern, dass er in zwei Stunden die Stadt verlassen werde, dass es aber seine Sicherheit erfordere, diese zum teil zu zerstören. Dabei wiederholte er das Verlangen der Auslieferung alles Goldes und Silbers, da der Kampf für die Freiheit ein solches Opfer auf dem Altar des Vaterlandes fordere. Zugleich wurden Tücher und Teppiche auf den Stufen ausgebreitet zur Empfangnahme dieser Gaben.

Dennoch flossen diese nur spärlich. Da, auf einen

Wink des Generals, begannen die Klephten die Kirche zu räumen, indem sie die unglücklichen Einwohner, die natürlich bei der Nachricht von der drohenden Zerstörung der Stadt Alles, was sie an wertvollem, tragbarem Eigentume besassen, mit sich genommen, in kleinen Abteilungen herausholten, sie alles Schmucks und aller Gold- und Silbersachen beraubten, und sie dann in die Stadt jagten, unbekümmert um das Zetergeschrei, das diese Gewalttat verursachte.

Die Beute war ungeheuer. Bei der Fingerfertigkeit

und Uebung der räuberischen Klephten war dieser erstewir möchten sagen merkantileAkt des furchtbaren Drama's in einer Stunde abgespielt. Dann begann der zweite, blutige.

In vollen Pontifikalibus, mit den Diakonen voran,

bleich und zitternd vor dem schrecklichen Auftrag, der ihm geworden, aber gezwungen von den ihn mit den geladenen Gewehren umgebenden Kriegern, trat der Bischof von Metzovo aus der Sacristei und schritt zum Hochaltar. Hinter ihm drein wurden der verwundete Caraiskatis und die beiden Mainoten getragen und auf die Stufen zwischen die Haufen von Kostbarkeiten niedergelegt.

Eine lautlose Stille trat ein, dann sprach der General mit fester tiefer stimme:

"Brüder des Kreuzes, die heute mit mir in der Schlacht gestanden gegen die ewig verfluchten Moslems, und verwundet in diesen Hallen liegen, ich fordere alle Die auf, die Kraft genug in sich fühlen, unserem Ausmarsch sich anzuschliessen, ohne uns hinderlich zu werden, jetzt die Kirche zu verlassen und an das Tor von Larissa sich zu begeben."

Mehrere, die leichter verwundet, oder von einer bangen Ahnung getrieben waren, erhoben sich und schwankten den Türen zu. Die Reihen öffneten sich vor ihnen, ohne ihnen Hilfe zu leisten; E i n h u n d e r t f ü n f u n d s e c h s z i g Verwundete blieben zurück. Auf einen Wink des Generals wurden sie sämtlich im Halbkreis um den Hochaltar gelegt.

Dann begann der Bischof eine Messe zu lesen. – Viele schauten sich befremdet anes war eine Todtenmesse.

Mit feierlicher leiser stimme sprach der Geistliche ein ehrwürdiger Greis im Silberhaar mit langem weissem Bart, am Schluss den Segen über die Versammlung.

"Brüder!" sagte hierauf der General mit dumpfer zitternder stimme, "unsere Zeit ist gekommen! Es ist unmöglich, Euch fortzuschaffenmit blutendem Herzen verkünde ich's EuchIhr müsst hier zurückbleiben."

Ein tiefes schmerzliches Aechzen ging durch die traurige Versammlung.

"Wollt Ihr den Feinden Eures Glaubens, den Tyrannen Eures Vaterlandes lebendig in die hände fallen?"

"Nimmermehr!" rief mit festem Tone Caraiskakis. "Niemals!" wiederholten die beiden Mainoten an seiner Seite und "Niemals!" klang es von verschiedenen Seiten.

"Was wollt Ihr dann? – sprechtmeine Augenblicke sind gezählt!"

"Den Tod! – Den Tod von Bruderhand! – Den Tod für die Freiheit statt der Martern der Barbaren!"

Keine stimme wagte den festen stolzen Worten des sterbenden Capitani's zu widersprechen, – der Stolz des Kriegers unterdrückte bei Vielen die bleiche Furcht.

"So sei es denn, und mögen Euch Gott und die Jungfrau gnädig sein und Eure unsterblichen Seelen in das Himmelreich aufnehmen. Amen!"

Und wiederum winkte er mit abgewandtem Gesicht dem Bischof und der Greis stieg herab, das Allerheiligste in der Hand, und begann mit seinen Diakonen die Reihen der Blutenden zu durchwandeln und ihnen die Sterbesakramente auszuteilen.

An der Seite seines Neffen kniete der General, Abschied von ihm zu nehmen für dieses Leben. An dessen andern Seite war Aphanasia, die Griechin, bleich und