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acherontischen Strom, und in ihrem Herzen herrschten die Eumeniden, deren grauenvoller Altar einst wenig Meilen davon im pelasgischen Tempel von Paleassa, dem Paleste der Alten, an den acroceraunischen Küsten stand.

Einsam war sie und alleinsie wusste wohl, dass keine Heimkehr war zu den Ihren und dass selbst die Liebe des Vaters ihr nicht verzeihen durfte gegen die Sitten des Volkes, die streng und unnachsichtlich jeden Fehltritt des Weibes mit dem tod bestrafen. Einsam und alleinverraten von dem Geliebten, alle dämonische Glutallen dämonischen Hass allein im Busen tragendkein Wesen auf der weiten Welt, das jetzt zu ihr stand, der Verlassenen, das teil nahm an ihrem Kampf. – –

Und dennoch irrte sie sich! – Was raschelte durch die Oleander- und Myrtenbüsche und kam daher in langen Sprüngen und kos'te mit der lechzenden Zunge ihre Hand? – Scheitan, der Molosserhund, die treue Dogge, die den Wolf ihr ersetzt hatte, den Nicolas Grivas im Kampf für den Blutbruder ihr erschlagen.

Wenn der Albanese eine lange Reise antritt, wenn er auszieht, der Landsknecht des neunzehnten Jahrhunderts, der Schweizer des Morgenlandes, als Söldner zu dienen in den Corridors des Vatikans, im Schloss von Neapel, wie in den Serails von Bagdad, Cairo und Marocco, auf den Kreidewällen Malta's und in den Hallen der moldau-walachischen Bojaren, näht ihm sein Weib in seine Kleider einige Stücken von ihren eigenen Gewändern, so wie sie ihrerseits das, was ihrem Gatten am teuersten ist, bei sich behält. Diese Gegenstände hat sie immer unter den Augen, um daraus eine Vorbedeutung zu entnehmen. Bellt dann des Nachts ohne besondere Veranlassung sein Hund, so ist sie in bangster sorge, denn sie weiss, dass er die Wehklagen seines Herrn erwiedert, der eben in der Sandwüste von Tunis oder Palmyra gefangen genommen, oder vielleicht gar ermordet wird!

Um die Mittagszeit des Tages hatte die Dogge, die im Castro von Janina bei der stummen Sclavin Aejischa zurückgelassen worden, ein jammervolles Geheul erhoben, wie die Hunde tun, die den Sterbenden wittern, und ihre Pfoten hatten an den verschlossenen Türen gekratzt. Da hatten die Wache haltenden Arnauten, das Omen achtend, die Türen geöffnet, und hinaus und davon in mächtigen Sprüngen schoss die Dogge.

Als sie zu ihren Füssen sich schmiegte, mit jedem schmeichlerischen Zeichen der Treue und anhänglichkeit, da wurde es zum ersten Male wieder warm um das Herz des wilden, verratenen und geschändeten Mädchens, und sie beugte sich über den Hund und erwiderte seine Liebkosungen.

Dann bestieg sie das Ross und ritt langsam, von der Dogge gefolgt, das Tal entlang in der Richtung, wohin ihre Krieger gezogen – – – – – – – – – – – –

Die Truppen der Pascha's von Skadar und Janina hatten die Griechen noch eine kurze Strecke aus dem Wege nach Gozista und Metzovo hin verfolgt und sich dann nach Dervendzista zurückgezogen. Es war in der Nacht, als Fatinitza die Nähe des Dorfes erreichte, und an den weissen Gewändern erkannte sie, dass die Araber des Emirs die äusseren Posten hielten.

Sie näherte sich dem Einen und auf seinen Anruf antwortete sie, ohne sich zu erkennen zu geben und verlangte, den Emir zu sprechen. –

"Bist Du ein Kind des Propheten," sagte der Araber, "so bleibe an jenem Feigenbaum und versuche nicht, Dich zu nähern, denn unsere Befehle sind streng. Der Emir wird in einer Stunde hier vorüberkommen, denn sein Haupt kennt den Schlaf nicht, wenn er auf den Fersen der Feinde ist und seine Seele ist traurig um den Verlust seiner geliebten Stute Eidunih."

"Ich kann sie ihm wiedergeben."

"Gesegnet sei alsdann Deine Hand. Aber bleibe, wo Du bist."

Die Mirditin verweilte, in ihren Mantel gehüllt, stumm an der angewiesenen Stelle. Nach einer Stunde erschien in der Tat Abdallah ben Zarugah, und als ihm der Araber verkündet, dass ein Bote in der Nähe, der ihm seine Stute zurückbringe, eilte er hastig dahin.

Im ersten Augenblicke erkannte er Fatinitza nicht, die ihr Antlitz in ihrem zerrissenen Schleier nach türkischer Sitte verborgen, und die Freude über das Wiederfinden seines geliebten Pferdes beherrschte ihn ganz.

"Du gehörst sicher zu den guten Geistern dieses Landes, Frau," sagte er, "dass Du mir zurückgiebst, was ich verloren glaubte für immer. Wie kann Abdallah Dir danken dafür?"

"Sage mir, Sohn der Wüste," entgegnete leise Fatinitza, "wie es Selim-Bei, meinem Vater ergeht?"

"Fatinitza?!" rief der Krieger erstaunt, denn auch er hatte mit den Andern in der Ferne die Gestalt Aphanasia's, der Frau des Primaten, unter den abziehenden Griechen für Fatinitza gehalten.

"Still, Araberder Name sei tot für Deine Lippen. Ich gab Dir Dein Pferd, beantworte meine Frage."

"Unglückliche," sagte der junge Mann, "ein Zauber hat Deine Sinne verwirrt und Dich in die arme der Christen geführt. Dein Vater ist zwar noch am Leben, aber tödtlich verwundet von jenem unglücklichen Sturz. Wir haben ihn nach Janina gebracht und ihn einem weisen Helim übergeben. Aber er hat einen Eid getan bei seinem Bart, dass sein Auge die Reuige nicht wieder schauen will."

Das Mädchen lachte grell aus. – "Die Reuige? – Kennt Selim-Bei die Tochter seines Fleisches so wenig?