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alsbald zum Angriff gerüstet, während Oberst Stratos noch auf den Berghöhen die Türken in Respekt hielt.

General Grivas übernahm nach einer kurzen freudigen Bewillkommung seines Neffen sofort den Oberbefehl; und als ihm Anastasius und Bogdan sagten, dass sein Stiefneffe Nicolas in Janina am Leben, teilte er ihnen zu ihrem Staunen mit, dass derselbe den Heldenkampf der Verteidigung der Palanka mitgefochten und in wenigen Augenblicken sie selbst begrüssen werde. Ein Wink von ihm jedoch wehrte sie von der Palanka ab mit dem Bedeuten, dass Jener dort noch einen Auftrag allein zu vollziehen habe. ––––––––––––––––––––––––––––

Während der General und seine vier verwundeten Mainoten zu den Freunden eilten, trat der junge Grieche in das gefängnis Fatinitza's. Ein kurzer blick auf die Maini's überzeugte ihn, dass sie tot, und näher tretend, kniete er an ihrem Lager nieder und durchschnitt schweigend die Bande an ihren Händen und Füssen.

"Fatinitza," sagte er dann weich und stehend zu ihr, "höre mich, denn wenige Augenblicke nur sind mir und Dir zur Entscheidung vergönnt. Was ich getanmeine Flucht, die Warnung an die Meinenich will es jetzt nicht verteidigen. Mein Bruder, mein Oheim waren unter den Bedrohten. Bei dem ewigen Gott, zu dem Christen wie Türken beten, ich konnte, ich durfte nicht anders, aber ich bin schuldlos an der Schmach, die Dich betroffen hat und bereit, sie mit meinem Herzblut zu sühnen oder zu rächen."

Das Mädchen verharrte in ihrem verächtlichen Schweigen, ihr blick war von ihm abgewandt.

"Höre mich, Fatinitzawir sind Beide jetzt frei und im Schutz meines Oheimsfolge mir nach Chios, wo meine Mutter ein kleines Eigentum mir hinterlassen, fern von dieser Stätte und diesen blutigen Menschen. Folge mir und sei mein Weib."

Dasselbe Schweigen.

"Fatinitza," – flehte er verzweifelnd, – "so lass mich Dir folgenich will Dein Sclave sein, – Dich liebenichwill den Glauben Deines Propheten zu dem meinen machen, nur gegen mein Volk kann ich nicht kämpfen!"

Die Mirditin schaute ihn durchdringend an.

"Du brauchst den Glauben Deines Kreuzes nicht zu verraten, meineidiger Christ," sagte sie finster, – "Dein Weg geht dortinder meine dahin! Verlass mich!"

"Fatinitzahöre mich!"

Er lag zu ihren Füssen.

"Kannst Du vergessen," unterbrach sie ihn mit finsterm Hohn, auf ihre zerrissenen Kleider deutend, – "Fatinitza, die man die Wölfin von Skadar nennt, und die eine Taube war gegen Dich, wird es nie! Ein Mal verzieh ich Dir den Verrat, denn ich liebte Dich! Jetzt hat meine Seele nur Hass für Dich und Deine Christenbrüder! Sieh hinnicht an den Kugeln der Meinen starben die Beiden, Fatinitza's Hand sandte sie zur Hölle, ihre Lippen tranken ihr Blut, wie sie geschworen beim grab ihrer Mutter in furchtbarer Stunde. – Geh'! – Vier leben nochDu bist der Fünfte, und wir sehen uns wieder!"

Er schauderte unter ihrem Auge und barg das Gesicht in den Händen. Endlich erhob er sichüberzeugt, dass jedes seiner Worte vergeblich wäre.

"So lebe denn wohlWeib ohne Herz und ohne Vergebunglebe wohl und möge Allah Dir gnädig sein, wie Gott meine Schuld mir an Dir vergeben möge. Ein Dämon hat mich in Deine arme geführt, und ein Dämon, Du selbst, treibt mich von Dir. – In dem Vorderraum der Kula steht das Pferd des Arabers, – Nicolas Grivas ist kein Dieb an fremdem Eigentum, – nimm es und kehre zu Deinem Vater zurück. In einer Stunde ist der Weg freiich werde sorgen, dass bis zu unserm Abzug Keiner den Turm betritt, denn Bogdan, Dein Todfeind, ist unter den Meinen."

Sie sah ihn kalt und verächtlich an und deutete nach der Tür, – noch einen blick warf er auf sie, dann entfloh er.

Sie war wieder allein mit den Leichen. ––––––––––––––––––––––––––––

Allein war sie noch am Abend, als die ersten Sterne am Himmel zu funkeln begannen, denn Nicolas hatte sein Wort gehalten und jede Annäherung der Seinen an die blut- und fllichbeoeckte Kula verhindert. Ohnedies blieb den Griechen wenig Zeit dazu, denn der General Grivas setzte eilig den allgemeinen Rückzug nach Metzovo hin fort, wo er die Führer in Tessalien an sich zu ziehen und so verstärkt auf's Neue, den Türken die Spitze zu bieten hoffte, die ihn noch eine Strecke weit verfolgten. – –

Von der Höhe der Kula hatte sie den Abzug der Griechen und der Ihren verfolgt. Mit jenem raschen Uebergang des Tages zur Nacht, den die südlichen Länder bieten, wölbte sich über ihr bereits der dunkle Himmelsdom mit tausend blitzenden Sternen.

Sie führte das Ross des Arabers hinaus aus dem Turm und über den Felsendamm, auf dem noch die Leichen der Ihren der bergenden Erde harrten, in's Freie. Dort stand sie, an die Kruppe des Pferdes gelehnt, und schaute hinauf in die helle schöne Nacht, gleich als suche sie da mit den grossen brennenden Augen Trost und Frieden, und die stürmisch schwellende Brust saugte gierig die kühle Luft des Abends, die Orangen- und Myrtendüfte, die der Windhauch der Gebirge von den elysäischen Gärten herübertrug.

Aber in dieser Brust blühte kein Paradies, schwarz und schwer wogte das Meer der Gedanken und Gefühle gleich dem