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so hoch angebracht, dass von Aussen nicht dazu zu gelangen war. Der schmale Eingang der Kula war vollständig mit Steinen und Balken verrammelt und durch die Schiessscharten über ihm gedeckt. Grivas beschloss daher, seine wenigen Verteidigungsmittel in dem zweiten Stockwerk zu concentriren, das den Wall und den inneren Ring bestrich, und in dessen Schutz sie am wenigsten den Kugeln der Gegner ausgesetzt waren. Um die Verwundeten dahin bringen zu lassen, betrat er die hintere AbteilungNicolas und die drei Maini's folgten ihm.

Der junge Mann vermied, das Auge auf das Mädchen zu richten, und trat mit dem Oheim zu den beiden Verwundeten. Die Verblutung war indess so stark gewesen und die Beschaffenheit ihrer Wunden so gefährlich, dass ein Transport in das obere Stockwerk ihnen unzweifelhaft grosse und nutzlose Schmerzen verursachen musste; der General entschied daher, dass sie gelassen werden sollten, wo sie waren, da sie hier fast eben so sicher sich befanden. "Auch die Türkin mag hier bleiben", befahl er, "sie ist hier am wenigsten im Wege."

Jetzt erst wagte der junge Mann einen hastigen verstohlenen blick auf das Mädchen, aber so kurz er auch war, zeigte er ihm doch die Zerstörung in ihrem Aeussern, und er sprang wie vom Blitz getroffen auf sie zu mit dem Ruf: "Fatinitzawas ist geschehen? – um der Panagia willen, sprich!"

Mit einer rachsüchtigen Gleichgültigkeit gegen das Heiligste des Weibes warf das Mädchen durch eine Bewegung den Mantel von ihren Gliedern, und die um Brust und Hüften hängenden Fetzen ihrer Kleidung zeigten der Schaam Hohn sprechend den furchtbaren Kampf, den sie bestanden, und verrieten das schändliche Verbrechen, das an ihr verübt worden war.

Selbst der wilde Führer der Klephten schauderte zurück.

Die Stirnadern des jungen Mannes schwollen zu roten Strängen an, nachdem Todesblässe einen Moment lang sein Gesicht bedeckt. Dann drehte er sich wild zu dem Kreise seiner gefährten und seine Augen schienen Blitze zu sprühen, während seine Hand die Pistole aus dem Gürtel riss und den Hahn spannte.

"Verfluchte! – Ihr!"

In diesem Augenblick vernahm er das erste Wort von den Lippen des Mädchens, seitdem er sie verraten. Sie schnellte empor auf ihre gebundenen Füsse, und die gefesselten arme von sich streckend, warf sie sich zwischen ihn und die Maini's, die bereits gleichfalls zu den Waffen gegriffen. Ihre Augen sprühten Hass und Verachtung, der Ton, mit dem sie ihm ihr "Halt ein, Verräter!" zuherrschte, schien von den Steinmauern wieder zu gellen.

"Nicht Du!" sagte sie mit bitterer Verachtung, "nicht Du, meineidiger Christ! Dein eigen ist Fatinitza's Schande, und verflucht und verfolgt sei'st Du dafür bis zum Ende der Tage, das Dein Prophet verkündet hat!"

Dann sank sie zurück auf das Lager und blieb in finsterm Vorsichhinstarren gleichgültig gegen ihren Zustand liegen.

Der junge Mann hatte das Gesicht in seine hände verborgen, denen die Pistole bei den vernichtenden Worten entfallen.

Der General schaute finster aus die Maini's. "Wer hat das getan gegen meinen Befehl?"

"Wir Alle," sagte trotzig Comodouro. "Dein Befehl, General, lautete, uns nicht am Leben der Türkin zu vergreifen! Was wir getan, war das Vermächtniss unsers sterbenden Bruderssein Tod ist gerächt worden an seiner Mörderin."

Ein halb mitleidiger blick des wilden und grausamen Häuptlings streifte die Unglückliche; dann wandte er sich schweigend nach dem Eingang und führte seinen Neffen hinaus.

Zur selben Zeit klang von der Höhe der Allarmruf Panayotti's: "Zu den Waffen! Die Moslems kommen!" und die Mainoten stürzten an ihre Posten. –

Fatinitza war mit den Verwundeten alleinmit wildem Frohlocken haftete ihr blick auf der geschlossenen Tür und hörte sie den drohend näher dröhnenden Schlachtruf ihres Volkes, das "Allah il Allah!" das wild an allen Seiten der Palanka empor zu gellen schien.

In der Tat rückten die Türken diesmal von allen Richtungen gegen die kleine Feste, nur Wenige zurücklassend zum Schutz des verwundeten Pascha's und der Geschütze. Die Flintenschüsse der Araber, der Arnauten und des Nizams krachten vereint gegen den Turm, und von den vier Seiten suchten die Moslems das Plateau, zu ersteigen.

Kugel auf Kugel aus den Schiessscharten der Kula traf unter die Stürmenden, – jede Kugel warf ihren Mann von der erstiegenen Felswand, aber den Stürzenden folgten Andere, und die sechs Flinten der Verteidiger konnten die Ueberzahl nicht zurückhalten, der jubelnde Ruf der Arnauten und der Ansturm gegen die Barrikade des Eingangs verkündeten bald der Türkin, dass die Ihren Meister des Plateau's geworden.

Hierhin an die Schiessscharten, welche die Pforte bestrichen, warf der General jetzt seine besten Schützen, während die Uebrigen fortwährend die abgeschossenen Flinten luden. Ein Wall von toten lag bald vor dem Eingang.

Das wilde Getümmel der Schlacht war der Augenblick, den die Wölfin von Skadar ersehnt. Das misshandelte Mädchen erhob sich aus die Knie, – auf den Knieen rutschte sie langsam den beiden Verwundeten näherdie Augen mit teuflischer Freude auf diese geheftet.

Die sterbenden Mainoten sahen sie auf sich zu kommen, – näher und näher, gleich dem finstern Engel des Todes.

Sie blickten dem grossen Würger furchtlos und trotzig in's Angesicht, aber sie begannen sich zu fürchten vor dem dämonischen Auge des rächenden Weibes.

Vergeblich versuchten sie zurückzuweichen, – ihre Glieder waren machtlos, die arme