1855_Goedsche_156_46.txt

den Todfeind an meinem Halse, der mein erstes Weib und meine Kinder in's Feuer des Kula's meines Stammes warf. Meinst Du, dass ein Uskoke, der also hasst, je den Säbel ruhen lassen wird gegen den Türken? Hab' ich nicht mitgefochten wieder bei Martinitsch, als uns in diesem Jahre der Würger von Bosnien, Omer Pascha, mit Krieg überzog? War ich nicht dabei, als wir in der Mordnacht von Plamenzi den Moslem aus seinem Lager schlugen, und hat mein Schwiegersohn, G a b r i e l d e r Z a g a r t s c h a n e 10, nicht gefochten und gelitten mit dem tapferen Wojwoden von Grahowo, dessen Seele die Heiligen gnädig sein mögen, und schmachtet jetzt dort hinter den Wällen des blutigen Skadar?"

Er schaute grimmig umher, wie als suche er nach Einem, der den Widerspruch wage. Die Frau, von seinen letzten Worten erregt, brach in eine leidenschaftliche Klage aus.

"Warum sahen meine Augen den Tag, da Gabriel, mein tapferer Gatte, in die hände des Selim Pascha fiel, nachdem Gott ihn aus der Hand des grausamen Derwish hat entkommen lassen? Wohl sehe ich neben mir den Blutbruder meines teuren Herrn, der an seiner Seite gestritten und mit ihm gefangen gelegen, aber N i c o l a s G r i v a s der Mainote sitzt ruhig hier im sichern Schatten der Felsen, indess Gabriel Zagartschani im Turme von Skadar modert, aus dem uns Hassan der Moslem allein die erste Kunde gebracht hat."

Der junge Mann in griechischer Tracht, der bisher stumm und melancholisch brütend neben dem alten Beg gelegen hatte, fuhr empor bei dem bittern Spott und eine dunkle Röte übergoss sein schönes offenes Gesicht.

"Was redest Du, Weib?" sagte er heftig. "Habe ich nicht mein Blut vergossen, wie Dein Gatte, mein Freund, am Tage des Kampfes? Hab' ich nicht Hunger und Kälte getragen mit ihm, und als wir in's Türkenlager brachen, gefochten an seiner Seite?"

"Das hast Du, Nicolas Grivas, – aber ich sehe Dich nicht liegen auf dem Schlachtfelde, wundenbedeckt, zur Verteidigung Deines Bruders! ich sehe Dich nicht, gefesselt gleich ihm, in dem moderatmenden Kerker von Skadar! Ich frage Dich nur, wo ist der Bruder, mit dem Du den Blutbund beschworen, und siehe, Du kannst mir nicht antworten: Frau, da ist er, oder ich bringe Dir mindestens das Haupt dessen, der ihn erschlagen hat!"

Grivas rückte unruhig hin und her.

"Du tust mir Unrecht, Stephana, und weisst sehr wohl, dass ich mein Blut willig opfern würde für den Freund. Mein Bruder Andreas Caraiskakis hat wahrlich keinen Feigling in Euer Land geschickt, dass er Euch beistehen sollte mit seinen geringen Kenntnissen und seiner jungen Hand im Kampfe gegen den Sultan. Kann ich dafür, dass das Gewühl des Ueberfalls mich in dem Dunkel der Nacht vom Freunde trennte und ich fern war, als er im Eifer der Verfolgung verwundet wurde und von den treulosen Albanesen nach Scutari gebracht ward? Bin ich nicht mit Lebensgefahr sofort in die Höhle des Löwen gegangen, als Hassan Khan uns die erste Nachricht von dem Leben unseres Freundes gebracht hatte, um zu suchen, wie ich ihn retten könne, und bin ich nicht bereit, in einer Stunde auf's Neue das Werk zu wagen?"

Die Frau legte freundlich ihre Hand auf seine Schulter.

"Zürne nicht, Nicolas Grivas, über den Schmerz eines Weibes. Ich weiss, Du bist ein Junak, ein Tapferer, die Helden meines Volkes rühmen den Knaben der Juganen11, der zu uns kam, mit uns für den Krieg zu streiten. Aber Du hast nicht das Auge der Adler von Czernagora, das auch im Dunkeln den Bultbruder bewacht. Auch ist es trübe und matt, seit Du von Skadar wiedergekehrt bist zu uns, als läge ein mächtiges Leiden auf Deinem Herzen. Dennoch vertraust Du uns nicht und mischest Deinen Kummer nicht mit dem meinen."

Der Grieche stützte finster das Haupt in die Hand und schwieg. Des Weibes Blicke ruhten aufmerksam auf ihm, aber sie wagte nicht, weiter zu fragen, bis Hassan der Arnaut, der mit unendlicher Seelenruhe alle Schmähungen auf seine Glaubensgenossen mit angehört hatte, den Rauch seiner Pfeife von sich blies und die Vermutung aussprach:

"Ich meine, der Giaur hat in die blauen Augen der Houri's von Scutari geschaut und sein Herz ist getroffen worden gleich dem Reh der Wälder. Bei Allah, die Weiber in meiner Heimat sind schön, und viele von ihnen haben den bösen blick, der niemals den wieder verlässt, den er ein Mal getroffen hat. Nimmer hätte ich das Land gemieden, wenn mich nicht der Zorn übermannt hätte, dass ich den Aga Mehemet zu tod schlug."

In Grivas Wangen stieg verräterisch das Blut während der gemächlichen Rede des Arnauten, indem er Aller Blicke auf sich gerichtet fühlte.

"Ei wohl, Khan," sagte Stephan, "Du magst Recht haben, und wenn der junge Junasch wirklich einer Taube begegnet ist, die sein Herz gerührt hat, ei, so mag er das Recht der Otmitza12 üben, wenn er glücklich heimkehrt, und sich die Braut holen."

Der Alte schaute sie finster von der Seite an.

"Die Otmitza hat schon Unheil genug gebracht, denn sie führte den Sohn