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Formalität war. Die Auslieferung der Schiffe wäre eine Feigheit gewesen, deren sich kein Soldat schuldig gemacht hätte, die angemessene und der militairischen Ehre entsprechende Consequenz der angedrohten Gewalt aber blieb das "Herausholen" der geforderten Schiffe.

Auf beiden Seiten wurde die Nacht mit den Vorbereitungen des Angriffs und des Widerstandes verbracht.

Am Sonnabend den 22. Morgens 61/2 Uhr gingen nach den Dispositionen der beiden Vice-Admirale die zum Angriff bestimmten acht Dampffregattenfünf englische und drei französischegegen den Hafen vor. Zunächst legten sich die beiden französischen Fregatten, "Vauban" von 16 Kanonen (kapitän d'Herbinghen) und "Descartes" von 16 Kanonen (kapitän Darricau), mit den beiden englischen Fregatten, "Tiger" von 16 Kanonen (kapitän Giffard)6 und "Sampson" von 16 Kanonen (kapitän Jones), etwa 5–6000 Fuss weit von der Pratika, den Batterieen gegenüber.

In zweiter Linie standen die englischen Dampffregatten, "Terrible" von 21 Kanonen (kapitän Claverty), "Furious" von 6 Kanonen (kapitän Loring), und "Retribution" von 26 Kanonen (kapitän Drummond), so wie die französische, "Mogador" von 24 Kanonen (kapitän de Wailly). Das englische Linienschiff "Sans-Pareil" nebst der Dampfcorvette "Highflyer" hielten sich an der äussersten Gränze der Tragweite der Batterieen, um nötigenfalls den Fregatten zur Unterstützung zu dienen. Ausserdem stand ein Detaschement von Kanonenböten unter Commandeur Dixen in der Kampflinie.

Der russische "Molo" und die Verteidigungslinie der beiden Häfen zählten 6 Batterieen mit zusammen 48 Kanonen, die im Augenblick des Angriffs in Odessa concentrirten Truppen an 25,000 Mann.

Die Zahl der Geschütze, welche gegen einander feuerten, betrug daher ungefähr 150 gegen 50. In den obigen Angaben der Schiffsarmirung sind nur die schweren Geschütze à la Paixhans begriffen, und das Kaliber derselben übertraf durchgängig das der russischen Geschütze in kolossalem verhältnis, wodurch es den Schiffen möglich wurde, sich in einer grossen Entfernung zu halten, so dass z.B. die Hafenbatterieeu Nr. 3 und 5 gar nicht tätig am Kampf teil nehmen konnten, während sie dem feindlichen Feuer doch ausgesetzt blieben.

Auf der rechten Seite der Rhede lag die Batterie Nr. 1, und die Batterieen liefen bis zu der Vorstadt Perecop, wo sie mit Nr. 6 schlossen.

Wenige Minuten vor 7 Uhr feuerte die "Sampson" den ersten Schuss gegen die Batterieen vor dem Pratikahafenden die Berichte der Admirale den "kaiserlichen" nennenab, und hiermit begann der Kampf, indem die feindlichen Schiffe fast durchgängig das Manöver brauchten, unter Dampf zu fechten und einen beweglichen Kreis von etwa einer halben Meile Durchmesser zu bilden, so dass im Vorüberfahren jedes Schiff seine Breitseite gab, was natürlich das Ziel der Russen neben der Entfernungzuerst circa 5000 Fuss, später etwas über 3000 Fussnoch erschwerte.

Dennoch antworteten die Kanonen auf dem "Molo" kräftig und nicht ohne Glück. Nach dem Verlauf von etwa andertalb Stunden musste der "Vauban" die Kampfreihe verlassen, von drei glühenden Kugeln getroffen, wovon die eine mehrere Speichen seines Schaufelrades zertrümmert und die anderen seine Windwand in Brand gesetzt hatten. Eine dieser letzteren war zwischen die Radlücken eingedrungen und verglühte inwendig die Wand. Die Feuerpumpen der Fregatte spielen, um den Brand zu löschen, aber vergeblichund der "Vauban" muss sich zurück- in die Mitte des Geschwaders flüchten, wo ihm von allen Seiten Hilfe kommt, so dass er endlich um 12 Uhr wieder zu dem Gefecht stossen kann.

unterdessen hatten die Admirale der zweiten Division das Signal zur Teilnahme gegeben und die vier Fregatten rücken gegen 10 Uhr in den Gefechtskreis und beginnen ihr Alles niederwerfendes furchtbares Feuer, einen Hagel von Bomben und Granaten auf den Hafen und die anliegenden Stadtteile, grösstenteils Magazine, schleudernd.

Dennoch war Anfangs der angerichtete Schaden verhältnissmässig nicht bedeutend und die aufflammenden Feuersbrünste waren bald wieder gedämpft, bis die sechs englischen Kanonierschaluppen den Versuch machten, am nordwestlichen teil des Dammes, wo keine Batterie errichtet war, mit Mannschaften zu landen, indem sie zugleich eine Masse 24pfündiger Raketen aus die Schiffe des Hafens und die umliegenden Gebäude warfen.

Bald standen dadurch sechs Magazine in vollen Flammen und die Dampffregatten näherten sich, um das Werk der Zerstörung kräftiger zu betreiben und die im Freihafen eingeschlossenen Schiffe noch schneller zu verbrennen. Unter denselben befand sich ein einziges kaiserliches Dampfpacketboot, der "Andié", das von dem kapitän sofort versenkt und so gerettet wurde. Das Gleiche geschah mit mehreren anderen russischen Küstenschiffen. Acht derselben und ein österreichisches Schiff, die "Santa Caterina", verbrannten. Der schöne Woronzow'sche Palast wurde durch Bomben in Brand geschossen, das Palais-Royal mit der Statue Richelieu's zerstört; mehrmals verliessen einzelne Linienschiffe das Geschwader und legten sich gegen den Strand, um aus der Ferne das auf der Höhe befindliche Landhaus des Generals Lüders zu beschiessen.

In diesem gefährlichen Augenblick erschien aus der Höhe des sandigen Strandes in der Nähe der Vorstadt Perecop eine Feldbatterie von 6 Geschützen mit 6 Compagnieen Infanterie zur Deckung, um die Landung der Schaluppen zu hindern, und eröffnete gegen diese mit solchem Erfolg das Kartätschenfeuer, dass die Schaluppen sich mit Verlust zurückziehen und mehrere der Fregatten das Feuer aufnehmen mussten. Ein teil der Vorstadt Perecop ging hierbei in Flammen. –

Unter der Menschenmenge, welche den Quai am Morgen vor dem Beginn des Bombardements füllte, befanden sich auch der General und sein Freund. Der Hafen