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ausserdem sie Gewalt brauchen würden. K tschortu3! Als ob wir eine Festung hätten! wir wollten's ihnen alsdann zeigen4."

"Ist Artillerie eingetroffen?"

"Nur wenig. Mehr kann vor morgen Nachmittag nicht hier sein, wie ich mir habe sagen lassen. Die leichte reitende Batterie Nr. 11 mit Oberst Galitzin ist angekommen, aber wir zählen ausserdem nur 48 Geschütze."

"Das ist schlimm. Hat Seine Excellenz schon eine Antwort gegeben?"

"Ich höre nein," sagte der Student, "Krusenstern hatte eine derbe bereit, aber Seine Excellenz der General-Gouverneur hält es für schicklicher, gar Nichts zu erwidern."

"Ich werde meinen Weg zu Fuss fortsetzen, denn das Gedräng hält mich zu lang auf und Oberst Baschkirzoff wartet nicht gern," sagte der Offizier, aus der Kibitke springend. "Entschuldigen Sie mich, mein Herr, und nehmen Sie meinen Dank für die Gesellschaft. Fähnrich Schtschegolew, Du wirst mich verbinden, wenn Du diesen Herrn nach dem Hôtel Impérial weisest, wo er absteigen will. Sie kommen zu einer üblen Zeit nach Odjessa! Adieu!" Damit verschwand er eilig in der Menge, der Fähnrich aber gab dem Postillon Anweisung, weiter zu fahren, indem er mit seinem Freunde vorangehend dem Gefähr Bahn machte. So kamen sie bald bis zum Hôtel, wo gleichfalls grosse Verwirrung herrschte und der Fremde die beiden Herren und den Postillon verabschiedete. Nur mit Mühe konnte er des Wirtes Herr werden, der ihm Zimmer anweisen liess und auf die Frage, ob Graf Lubomirski hier logire, bejahend antwortete und ihn in die wohnung desselben im zweiten Stockwerk zeigte.

Der Fremde traf jedoch bloss die Nichte des Grafen, die Gräfin Wanda Zerbona, zu haus, der er sich als einen Freund ihres Oheims vorstellte. Von ihr hörte er, dass sie sich bereits seit länger als einer Woche in Odessa aufhielten, indem sie gehofft, für sie hier noch eine gelegenheit zur Ueberfahrt nach dem kaukasischen Ufer zu finden und so den Landweg zu sparen, dass aber das Bekanntwerden der Kriegserklärung der Westmächte dazwischen gekommen sei. Bogislaw, der wackere Jäger des Grafen, wurden eiligst ausgeschickt, um seinen Herrn zu suchen, der ein Fuhrwerk zu ermitteln gegangen war, mit dem sie die bedrohte Stadt verlassen könnten.

Mit Erstaunen fand der zurückkehrende alte Pole den unerwarteten Gast, zu sehr aber Herr seiner Selbst, um sich in Gegenwart Anderer zu verraten, nahm er ihn alsbald bei der Hand und führte ihn in ein zweites Zimmer, wo Beide ungestört sich unterhalten konnten.

"Um des himmels Willen, General, wie kommen Sie hierher in eine russische Stadt und in diesem Augenblick? Ich glaubte Sie nach den letzten Nachrichten in Constantinopel oder mindestens an der Donau. Wo kommen Sie her?"

"Direct von Petersburg," sagte lächelnd der Fremde, den der Graf mit dem Namen General bezeichnet und dem der Leser bereits in verschiedenen Scenen und Unterhandlungen mit dem türkischen Exminister des Auswärtigen begegnet zu sein sich erinnern wird. "Direct aus dem Kabinet des Kaisers Nicolaus."

"Sie scherzen!"

"Dazu haben Leute unsers Schlages wenig Zeit. Aber in der Tatermangeln Sie denn der Nachrichten aus Paris und ist es Zufall, dass ich Sie noch hier treffe?"

"Seit drei Wochen fast bin ich ausser Rapport und erwartete hier Mitteilungen, die wahrscheinlich durch die nötigen Umwege verspätet sind. Mein Aufentalt war für den April in Odessa angemeldet."

"Das wusste ich, und darum fragte ich auf gut Glück nach Ihnen. Demnach ist Ihnen der Schlag, den Louis Napoleon am 26. März gegen den Bund zu führen versucht, auch noch unbekannt?"

"Vollständig."

Der General gab ihm eine kurze Mitteilung des Geschehenen. "Am andern Tage bereits ging ein Bote an mich ab," fuhr er fort, "der mir Ihr Memoir mit dem Auftrag überbrachte, die Vorschläge sofort an geeigneter Stelle zu machen. Ich war zum Glück an der Donau. Der Beschluss kam mir am 3. zu, ein russischer Pass ist leicht beschafft und am 5. war ich bereits unterwegs nach Petersburg, was ich für das Beste hielt, nachdem ich mit dem Fürsten unterhandelt hatte."

"Und der Erfolg?"

"Ich hatte zwei Unterredungen mit Nesselrode und eine mit dem Kaiser selbst. Alle unsere Pläne und Vorschläge scheitern an dem Worte 'Republik'. Es scheint ihm so verhasst, dass er selbst den handgreiflichen Vorteil dagegen opfert."

"Aber haben Sie ihm denn nicht bewiesen, dass dies mit einem Schlage die Türkei in seine hände geben, dass es all' seine Gegner und zweideutigen Freunde vernichten, und dass es Russland allmächtig machen würde?"

"Mehr als dies; ich bewies ihm klar, dass eine magyarischslavische Republik der zuverlässigste Freund und Bundesgenosse Russlands sein und dass das Ländergebiet ihm doppelt und dreifach ersetzt werden würde, ja dass wir von dem grössten teil Polens ganz abstrahiren wollten. Seine Antwort war: 'Jede Republik wäre ein Fluch für Europa und der Kaiser von Oesterreich sei sein Freund und Bundesgenosse. Er wolle nur sein Recht und keine Machtvergrösserung.'"

Der Graf lachte bitter.

"Das ist die Einbildung, mit der sich dieser Mann von Granit selbst täuscht. Ich habe soviel gesehen und gehört hier und auf dem Wege hierher, dass ich weiss, er m u ss unterliegen, wenn er unsere Hilfe verschmäht. Oesterreich spekulirt bereits auf die Fürstentümer