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das Gemach.

Kaum war der Vorhang hinter ihm gefallen und sein Schritt verhallt, so riss der Grieche den Schleier vom Haupt und sprang auf die Geliebte zu.

"Lass uns dabei sein, Fatinitza, ich kann hier nicht still verweilen, indess die Söhne meines Landes geopfert werden."

"Unmöglichwas kümmern mich die Kinder Deines Landes? – sie sind Christen, Fluch über sie! Du allein sollst leben für Fatinitza."

"Höre mich, Weib; – unter jenen Kriegern sind meine Blutsverwandten, vielleicht gelingt es uns, sie zu retten undbei der Göttin der Liebe, der meine Vorfahren Altäre bautenich will Dir ewig dafür danken!"

"Die Verwandten Deines Blutes? Betrügt Fatinitza, nicht den eigenen Vater um Deinetwillen? setzt sie sich nicht täglich hundert Male dem tod aus bei der Entdeckung, dass ein Christ, ein Feind, ihr Haremlik entweiht hat und ihr Lager teilt?"

"Ich weiss es, ich fühle es und dennoch beschwöre ich Dich! Die Ungewissheit würde mich toten, ich verlange Nichts als die Deinen zu begleiten, vielleicht findet sich eine gelegenheit, wo Deine Hilfe, Deine Fürsprache meinen Freunden nützen kann."

Die seinem volkselbst den edleren Charaktereneigentümliche Versteckteit und Hinterlist liess ihn fast unbewusst die Worte wägen, – sein Herz sann bereits auf m e h r .

Das Türkenmädchen schaute ihn fest und prüfend an.

"Ich will Dein Verlangen erfüllen," sagte sie endlich, "aber bei der lodernden Glut, die für Dich durch meine Adern strömt, täusche mich nicht zum zweiten Male, denn Fatinitza's Liebe würde zum blutigen Hass werden. Ich will mit Dir gehen zur Kampfstätte, doch nur unter der Bedingung, dass wir Beide dem Kampfe fern bleiben. Möge die Schlacht walten und ihre Opfer nehmen, Allah entscheide! Fallen die Freunde Deines Blutes lebendig in die hände der Meinen, wird Fatinitza sie schützen. Ich gehe zu meinem Vater!"

Sie hüllte sich in den leichten Schleier und verliess das Gemach. Kaum hatte sie sich entfernt, so ergriff der Grieche den seinen und sein Haupt darin verbergend, folgte er ihr. Die Angst, die unbestimmte Hoffnung, irgend etwas für die gefährdeten Kämpfer des Kreuzes tun zu können, litt ihn nicht in dem engen Gemach und trieb ihn hinaus auf die Terrasse, von der im Strahl der sinkenden Sonne der blick über die Stadt und die umliegenden Höhen schweifte.

An der Mauer des mit Blumen geschmückten Vorsprungs lehnte der neue Oglan der Paschatochter, der Knabe, den ihr Hund am Vormittag zu Boden geworfen und der mit diesem jetzt kameradschaftlich spielte. Der Befehl Fatinitza's hatte ihn bereits mit einem neuen Gewande versehen.

Der Grieche trat, ohne darauf zu achten, dass der Knabe ihn aufmerksam betrachtete, hastig zu der Balustrade und schaute hinüber zu den Bergen, auf denen die Schaar seiner Freunde lagerte.

"Möge die Panagia sie retten, ich vermag es nicht!" sagte er unwillkürlich in griechischer Sprache vor sich hin.

Einen Augenblick darauf trafen Laute in derselben Sprache sein Ohr. Es war ein leiser Gesang, den der Knabe ohne jetzt aufzublicken vor sich hin summte, dennoch war jedes Wort verständlich und Grivas hörte mit Staunen seinen eigenen Namen darin. Es war eine wilde Erzählung seines Kampfes in Montenegro, so weit Bogdan sie hatte geben können, in Form einer Piesme.

"Wer bist Du, Knabe," fragte der junge Mann hastig, "bist Du von griechischen Eltern oder aus den Bergen Czernagora's?"

Der Knabe schaute ihn schlau an.

"Man fragt Keinen, ohne selbst Antwort zu geben, sagt das Sprüchwort. Gefällt Dir mein Lied?"

"Sprich, wer lehrte es Dich?"

"Ich hörte die Erzählung von Bogdan, einem Knaben der Hochlande, der bereits ein Krieger ist. Man nennt Dich die weise Frau, – kannst Du mir bessere Kunde geben von dem tod dessen, von dem ich sang? ich höre gern Geschichten."

"Knabe," sagte hastig und tief bewegt der Grieche, "Du verstellst Dich und bist ein Anderer, als Du scheinen willst. Bei den Gräbern Deiner Väter, bei dem Kreuz, wenn Du ein Christ bist, – rede die Wahrheit. Was suchst Du im Lager der Türken?"

Mauro blickte hastig um sich, – sie waren allein auf der Terrasse.

"Nicolas Grivas, den Bruder des Gregor Caraiskakis und den Neffen des tapfern Generals der Krieger des Kreuzes."

Die leidenschaftliche Erregung erstickte fast das Wort in der Brust des Griechen.

"Ist mein Bruder Gregor im Lager der Griechen? Knabe, rasch, ich selbst bin Nicolas Grivas!"

"Dann hat meine Ahnung mich nicht getäuscht," sagte der Bursche, "die die Heiligen mir zugeflüstert bei den seltsamen Erzählungen der Arnauten von der mirditischen Zauberin, die seit der Tödtung ihres Wolfes die unzertrennliche Gefährtin der Herrin von Skadar geworden. Sie meinen, der böse Dämon habe nur seine Gestalt gewechselt."

"Rasch, rasch, was kümmert mich das Geschwätz der Toren. Sage mir schnell Deine Botschaft."

"Bogdan, der Czernagorze, ist gestern in's Lager gekommen und hat von Deinem seltsamen Verschwinden erzählt. Das weckte die Hoffnung Deines Bruders, Herr, dass Du in Skadar gefangen gehalten würdest und ich ward auf Kundschaft ausgesandt."

"Ist Gregordessen Namen Du nanntestim Lager der Griechen?