1855_Goedsche_156_441.txt

dass ich sie Alle rächend erschlagen musste! Als ich den Genesenden dann zu mir führte im süssen geheimnis, das der Tod der Sclaven erkaufte, die Dich so lange bedient, – als Du wohntest in meinen Gemächern und allnächtlich mein Arm Dich umschlang, und Dich presste an dies heisse wilde Herzhast Du mir nicht geschworen, dass Du die Freuden der sieben Himmel des Paradieses verschmähen würdest an meiner Brust? Undankbarer Christ, Deine Liebe ist flüchtig wie die Wolke, die über den See zieht und die Rose, deren Blätter der Wind zerstreut."

"Ich liebe Dich, Fatinitza, bei dem Kreuz meiner Väter!" sagte in milderem Tone der Gefangene. "Aber ich bin ein Mann und diese Mummerei ist unerträglich."

"Du weisst, o Licht meiner Seele," flehte das Mädchen, "dass es das einzige Mittel war, Dich in meine Nähe zu bringen. Die weise Frau, die ich in das Haremlik meines Vaters führte, ist sicher vor jedem Argwohn, und ihr stilles Leben fordert den Lauscher nicht heraus. Die Diener und Krieger des Pascha's scheuen Deine Nähe, denn sie schreiben Dir Macht über die Geister zu und fürchten Dich, wie sie mich gefürchtet haben. Selbst ich jedoch vermöchte Dich nicht zu schützen vor dem Zorn Selim's, meines Vaters, und der Blutrache seiner Arnauten, wenn sie ahnten, dass Du einer der verräterischen Czernagorzen bist." "Aber dies Spiel muss ein Ende haben, ein Zufall kann Alles entdecken. Und warum, Fatinitza, hast Du mich hierher geführt in die Mauern von Janina? Ich habe die Fahne meines Volkes wehen sehen auf den Bergen jenseits der Stadt und kaum weiss ich noch, dass Dein Volk im Kriege mit dem meinen. Warum entältst Du mir jede Kunde vor?" Das wilde Mädchen sass schmeichelnd auf seinem Schooss, den Arm um ihn geschlungen, mit der andern Hand einen Becher des feurigen griechischen Weins an seine Lippen führend. "Habe ich nicht geschworen, Dich nie zu verlassen, und ist nicht Deine Sicherheit allein in meiner Nähe? Was kümmert uns der Kampf zwischen Deinem und meinem Volk? – sieh', Fatinitza, die Wölfin, ist eine Taube geworden auf Dein Geheiss und zieht nicht mehr in die Schlacht, wenn auch noch die Toka ihre Brust bedeckt. O, liebtest Du mich heiss und glühend, wie Fatinitza Dich liebt, Du hättest längst den verhassten Glauben der Christen mit der Lehre des wahren Propheten vertauscht und wenn Azraël seinen schwarzen Fittig breitet über das Haupt meines Vaters, wärest Du der Herr von Skadar und Fatinitza Deine Khanum."

Er schwieg, dem liebeglühenden weib gegenüber hatte er nicht die Kraft, ihre Träume von Glück und Glanz zu vernichten. Der verzehrende Hauch dieser leidenschaftlichen Glut betäubte sein bassres Selbst und entflammte stets auf's Neue die Gewalt seiner Sinne. Der dämonisch-glühende blick ihres Anges unter dem Flor sehnsüchtigen Schmelzes übte noch immer seinen goheimnissvollen Zauber auf ihn und tief im Herzen fühlte er, dass nur ein unerwartetes Ereigniss ihn aus diesen Banden zu befreien vermöchte, wie einst die Hand des Blutbruders ihn vom Lager der Syrene zu Skadar gerissen.

Sie zog ihn nieder zu sich auf die weichen Kissen und Teppiche, und umstrickte ihn mit ihren Armen. Unter den glühenden Küssen des Türkenmädchens war sein Herz doch bei den Fahnen seiner Glaubensbrüder auf den Höhen vor Janina, von denen so lange ihm nur dunkle Kunde geworden. – – –

Die Liebenden weckte am späten Nachmittag der Eintritt der stummen Sclavin Aejischa, die, den Teppich des Eingangs hebend, durch Zeichen der Herrin verkündete, dass der Pascha, ihr Vater, im Haremlik erschienen sei und sie zu sprechen verlange. In Eil wurde der junge Grieche wieder in Mantel und Schleier gehüllt und nahm seinen Sitz im Winkel des Divans, die Kugeln des Rosenkranzes durch seine Finger gleiten lassend, während Fatinitza die Spuren des schwelgerischen Mahles schnell verbarg.

Selim-Bei, der Pascha von Skadar, dem wir bereits in seiner Gerichtshalle begegnet sind, nahm nach der Begrüssung der Frauen in der Ecke des Divans Platz, und auf den Wink Fatinitza's brachten ihm die eintretenden Sklavinnen den Tschibuk und frischen Kaffee.

"Ich komme, Tochter meiner Liebe," sagte der greise Pascha, "um Dir zwei Dinge zu sagen. Möge Dein Ohr und Dein Herz geöffnet sein, sie zu vernehmen."

"Ich höre."

Grivas erhob sich, um Vater und Tochter allein zu lassen; der Beh aber winkte ihm zu bleiben:

"Der Rat einer weisen Frau ist niemals von Uebel. Möge Deine Weisheit Einfluss haben auf das Herz Deiner Freundin. Ich bitte Dich, bleib."

So aufgefordert musste der Grieche gehorchen und nahm stillschweigend seinen Platz wieder ein.

"Du bist die einzige, die mir geblieben von vielen Kindern," sagte der Bei, "und meine Liebe hat mich verführt, Deinem Willen keine Schranken zu setzen. Inshallahes war gottlos und ich bin ein gestrafter Vater dafür, der seinen Nacken beugen muss unter den Pantoffel seiner Tochter."

"Du redest unklug, Vater," entgegnete das Mädchen unwillig, "Fatinitza liebt Dich!"

"Ich weiss es," sagte der Alte sich den Bart streichend, "was wäre ich sonst! Aber die Weiber können nicht immer im Haremlik des Vaters bleiben. Sie sind bestimmt zur Freude des Mannes. Du hast der Bewerber so viele ausgeschlagen, o Kind