Kaserne des Nizam steht an der Stelle des einst über der Stadt tronenden Schlosses Litaritza, von dem nur ein kolossaler fünfstöckiger Turm noch übrig ist. Der Platz des Castro, das mit seinen Trümmern und seinen unbrauchbaren Geschützen den ganzen in den See vorspringenden Hügel einnimmt und über welchen die Gesellschaft jetzt zu dem schmalen Damme ritt, der die Insel Kulia mit dem berühmten Serail und dem Turbeh18 des Löwen von Janina einnimmt und auf dem Ali die zahllosen Opfer seiner Grausamkeit hängen, spiessen, schinden und lebendig verbrennen liess, bot jetzt ein buntes Lager der mirditischen und arabischen Hilfstruppen in tausend bunten Bildern und Gruppen. über den Raum hinweg folgte der Knabe Mauro den Reitern bis in den äussern Hof des Serails, wo Abdi Pascha gleichfalls seine Residenz aufgeschlagen hatte. Hier blieb er bei den Arnauten zurück, denen er die Rosse füttern und die Waffen putzen half, und der schlaue Knabe verstand es bald, das Gespräch auf ihre Heimat und ihre Taten gegen die Männer der schwarzen Berge zu bringen.
Während so der junge Spion geschickt seine Zwekke verfolgte, betraten Fatinitza und ihre Begleiter das Turbeh – jenen schauervollen Ort, an dem Ali dem Verrat des Franzosen erlag, und den Abdi-Pascha seinem Collegen Selim zur wohnung angewiesen. Der junge arabische Scheich, der seit der Ankunft der Mirditen am vorigen Morgen, von dem freien und seltsamen Wesen Fatinitza's angezogen auf allen Tritten, wo sie sich ausserhalb des Haremliks nach ihrer gewöhnlichen allem Zwang Hohn sprechenden Sitte zeigte, ihr gefolgt war, benutzte die gelegenheit, als die grüne Khanum – wie sie die Begleiter der Wölfin nannten, – vom Pferde stieg, um sich dieser zu nahen.
"Weise Frau," sagte er eilig zu ihr, "auch in das gesegnete Arabien kommen die Zauberinnen von Oman, die die Zukunft verkünden und mit dem Reich der geheimnissvollen Geister verkehren, und Abdallah ben Zarugah hat sie stets geehrt und geschützt. Der Sohn der Hedja's ist reich an dem Goldsand seiner Heimat und den Perlen des Meeres von Persien. Bei der heiligen Kaba von Mekka! Du sollst den zehnten teil seiner Schätze haben, wenn Du die Purpurrose des Gebirges mit Deinen Worten bewegst, oder ihm einen Liebestrank bereitest, dass sie ihr Ohr seinen Wünschen öffnet."
Die Verhüllte neigte das Haupt und folgte der Herrin, die bereits nach ihr rief, während Abdallah seine Schritte zurück zu seinen Kriegern wandte, die auf dem Platz des Castro ihr Lager aufgeschlagen.
Im innersten Gemach des Haremliks warf Fatinitza den Schleier und den Kaftan von sich, und nahte der grünen Verhüllten.
"Lege Yaschmak und Feredschi von Dir, o Licht meiner Augen; Du weisst, Aejischa, der Einzigen, die unser geheimnis kennt, ist der Mund auf ewig geschlossen."
Sie wies auf die schwarze Sclavin, die auf eine Matte im Gemach kühlenden Sherbet, Wein, die Früchte der Jahreszeit und jenes süsse Backwerk und Eingemachte zum Mahl stellte, in dessen Bereitung die Bewohner Janina's berühmt sind.
Die Verhüllte warf Schleier und Mantel zu Boden und sich mit gekreuzten Armen und allen Zeichen finsterer Ungeduld auf den Divan. Es war eine sonderbare Gestalt, die sich nach der Entledigung der weiten Hüllen zeigte, halb Mann, halb Frau, in deren Gewändern. Ein bleiches schönes Männergesicht mit sorgfältig rasirtem Bart unter dem frauenmässig geringelten Haar, quer über der Stirn eine breite tiefe Narbe, den Körper in ein seidenes Oberkleid, wie es die türkischen Weiber tragen, gehüllt, eben solche weite Beinkleider und gelblederne Strümpfe an den Füssen, das dunkle Auge stammend vor Unwillen über die unpassende Verkleidung, so lehnte er finster auf dem Kissen – N i c o l a s G r i v a s , der schöne Grieche, der Erschlagene von der Kula des Popowitsch Grabjani an den Ufern der Moratscha.
Gleich einem schüchternen bittenden kind hatte sich das wilde Mädchen auf ein Kissen zu seinen Füssen geworfen.
"Will mein Herr nicht Speise und Trank geniessen?"
Der Grieche schwieg finster.
"Stern meines Lebens," bat das Mädchen, "was hat Fatinitza getan, dass Du ihr zürnst? Tue ich nicht, was der Odem Deines Mundes will? Bin ich nicht ein verändertes Weib, das sein eigener Erzeuger kaum wieder erkennt? Hab' ich nicht das wilde Blut, das durch meine Adern tobt, gebändigt, und die Schmach, die Du mir angetan im Turme von Skadar, vergolten mit Deiner Rettung?"
"Fluch über sie," rief wild der junge Mann, "hättest Du mich sterben lassen an der Seite meiner gefährten, die Deine Grausamkeit erschlug, blutige Wölfin von Skadar, es wäre mir besser, als dass ich lebend in der unwürdigen Mummerei eines Weibes der Sclave eines solchen bin und mich verbergen muss gleich einem Aussätzigen."
Die Türkin sah ihn finster an.
"Undankbarer Christ," sagte sie, "ist das der Lohn für das Herz Fatinitza's, der Du hundert Mal Gehorsam und Treue gelobtest, als Du aus zehn Wunden blutend im Kiosk am See ruhtest, wohin sie Dich mit eigener Gefahr gebracht, und Azraël, der Engel des Todes, an Deiner Seite stand? Deine Wunden habe ich verbunden und mit heilendem Balsam gesalbt, und bin täglich zu Deinem Lager auf flüchtigem Ross geeilt, oder auf dem Kahn mit schwellendem Segel, zu Dir, der Fatinitza verraten hatte in der Stunde der Liebe, der schmachvoll das Heiligtum ihres Leibes den Augen des hündischen Czernagorzen preisgegeben,