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völlige Ausrottung aller Bewohner und seine Taktiki's (regelmässige Truppen) und Arnauten schienen die Drohung alsbald wahr machen zu wollen und begingen die scheusslichsten Grausamkeiten gegen Frauen, Kinder und Hilflose. Im kleineren Kriege blieben freilich die leicht beweglichen, mit allen Schluchten und Schlupfwinkeln ihres Gebirges vertrauten Montenegriner überall Sieger und brachten den Türken nicht unerhebliche Verluste bei. Am 10. Januar griffen die Türken die Distrikte Piwa und Zupa an; in der Nacht zum 16. brachen die Montenegriner in das türkische Lager ein und Fürst Danilo drängte am 18. den Feind aus dem Zetatal wieder zurück. Dagegen erstürmten am 19. die Türken das befestigte Haus des Wojewoden Jakob Wujatich von Grahowo und nahmen ihn mit vierzig gefährten gefangen, und Omer Pascha eroberte das tapfer verteidigte Dorf Martinis unweit Spus am 24. und bedrohte Cetinje. Doch schon am 27. wandte sich wieder das Kriegsglück. Die Bergvölker schlugen die Moslems bei Limajani, widerstanden dem Sturme Selim Pascha's auf die Dörfer Boljevice, Limajani und Sotonica am 5. Februar und auf das Dorf Gedinje in der Czernitza Nahia am 16. Das Lager Omer's selbst war in der Nacht zum 9. bei der brücke von Uzicki Most in der Nahia Bielopavelska vom Fürsten mit 3000 Kriegern überfallen und das türkische Heer mit grossem Verlust in wilder Flucht bis Spuz zurückgejagt worden, und die Türken mussten sich nach Lesine zurückziehen und am 25. Februar gänzlich Montenegro räumen, da Oesterreich an der serbischen Gränze Truppen zusammenzog und durch seinen ausserordentlichen Gesandten, Feldmarschall-Lieutenant Grafen Leiningen in Constantinopel, von Russland unterstützt, die Einstellung des Krieges, strenge Untersuchung der Beschwerden der bosnischen Christen und die Entfernung der ungarischen Flüchtlinge aus Omer Pascha's Heer forderte. Die Pforte musste nachgeben und Graf Leiningen verliess am 14. mit der verlangten Note Constantinopel.

Zugleich begann die Differenz mit Russland in der Frage der heiligen Stätten; der Czar stellte seine Forderungen, Fürst Mentschikoff traf damit am 28. Februar am Bosporus ein und bald war die Pforte in der notwendigkeit, ihre Streitkräfte an andere Punkte verlegen zu müssen. Am 24. Mai erteilte Omer Pascha in Scutari dem türkischen Heere den Befehl zum Aufbruch nach der Donau und nur drei Bataillone verblieben im Paschalik und wurden nach Scutari, Podgoriza und Antivari verteilt. Fürst D a n i l o hatte sich, um durch ein näheres Schutzbündniss seine Macht zu stärken und verschiedene Veranlassungen zu Gränzstreitigkeiten zu beseitigen, am 25. April nach Wien begeben und war nach einem überaus freundlichen Empfang am 7. Mai nach Cetinje zurückgekehrt. Bald darauf auch verbreitete sich die Nachricht, dass ein russischer Emissair, der Oberst B e r g e r , in Montenegro eingetroffen sei, und während die Angelegenheiten in Constantinopel sich immer drohender verwickelten und bald zum offenen Bruch führten, wuchs in allen griechisch-slavischen Provinzen die Gährung unter der christlichen Bevölkerung immer höher und mächtiger, und auch an den grenzen Czernagora's brach trotz der bestimmten Befehle des Fürsten Danilo der kleine Plänklerkieg mit seinen gegenseitigen Raub- und Abenteuerzügen auf's Neue aus. ––––––––––––––––––––––––––––

Wo der prächtige felsenumgürtete See von S k a d a r (Scutari) sich hinabzieht gegen das gleichnamige Bollwerk des türkischen Albaniens, noch jenseits der von den Montenegrinern in Besitz genommenen Inseln sankt Nicolaus, Stavena und Morakowitsch, liegt ein Felseneiland, wild und rauh, wie die Gebirge der Czernitza selbst, gleichsam als Vorposten gegen die türkische Veste, häufig von einzelnen Streiftrupps der unruhigen Bergbewohner besucht, teils um hier auf den Oko's2 die schmackhafte Ukljeva zu fangen, teils um von hier aus ihre ewigen Gegner, die Türken, zu beobachten.

Ein köstlicher milder Juli-Abend lag auf den blitzenden Wellen des schönen See's, die der scharfe Wind aus den Schluchten des Sutorman von Süden her in leichte Bewegung setzte. Unter einer schroff am See emporsteigenden Klippe, geschützt durch einen mächtigen Felsblock vor dem Luftzug und den Späherblicken, lagerte eine bunte Gruppe, aus fünf Personen bestehend, um ein kleines Feuer, an dem ein Holzspiess mit den schmackhaften Weissfischen des See's briet, während die zu der Gruppe gehörende Frau das Castradina, das Lieblingsgericht der Czernagorzen aus geräuchertem Fleisch auf serbische Art bereitete. Hoch oben auf dem Felsen, nach der gewöhnlichen Sitte seines Volkes auf Wachtposten, lag eine sechste Gestalt in den zottigen braunen Mantel des Hochlands gehüllt, Auge und Flinte gegen die Seite von Skadar gekehrt und auf der weiten Fläche des See's jedes kreuzende Boot, ja selbst die dahin streifende die Wellen berührende Möwe bespähend.

Das Haupt der Gruppe am Felsen war ein Greis von wahrhaft furchtbarem Aussehen. Das weisswollene Hemd, Hals und Brust offen lassend und in der Mitte von einem Gürtel zusammengehalten, in dem eine lange Pistole hing und der säbelgleiche Handjar mit schwer von Silber beschlagenem wohl einen Fuss langen Griff steckte, umschloss einen Körper von wahrhaft riesigen Formen. Um die Schultern von kolossaler Breite hing die Struka, der braune zottige bis über die Hüften reichende Mantel der Czernagora. Das Bein war zur Hälfte von einem kurzen türkischen Beinkleide bedeckt, während an den Füssen die Opanka befestigt war, jene leichte elastische Sandale, die sich vorzüglich eignet, um Berge hinan zu klimmen und von Fels zu Fels wie der Gemsenjäger zu springen. Das Charakteristische an der Figur des Alten zeigte der mächtige Kopf, der auf diesem Riesenleibe sass. Der Scheitel war halb kahl bis auf die Mitte des Schädels, nicht durch den Mangel an Haaren, sondern nach der Sitte des volkes