ihrer Einwohnerzahl heruntergekommenen einst so blühenden Stadt bilden. Sie kamen von den Plantagen der Maulbeerbäume, die mit Citronen und Oliven den südlichen Gürtel der Stadt ausserhalb der Ringmauern bilden. Denn wenn auch die griechischen Insurgenten kaum andertalb Meilen von der Stadt lagerten und bereits mehrfache Angriffe auf diese gemacht, ja sogar ein Mal innerhalb der Mauern sich festgesetzt hatten, betrieb doch die griechische Bevölkerung ungestört ihren Handel und ihre Industrie. Diese Gleichgültigkeit bei der Gefahr, diese ungestörte Tätigkeit und Beweglichkeit neben dem Abgrunde ist einer der eigentümlichen Züge des orientalischen Lebens.
Ein grosser Molosserhund, eine jener kolossalen epirotischen Doggen, in deren Begleitung unbesorgt die mirditischen Jungfrauen durch die ödeste Wildniss schreiten, sprang an der Strasse daher und warf den Knaben zu Boden. Aber Mauro klammerte sich an den vergoldeten Sammetreif, der den Hals des Hundes zierte, und liess sich furchtlos von ihm fortziehen. Das gefährliche Spiel weckte die Aufmerksamkeit der Reiter, die der Dogge folgten.
Die hervorragendste Gestalt war eine türkische Frau zu Pferde, gleich den Männern in den weiten seidenen Beinkleidern im Sattel sitzend, die goldglänzende Toka – den Flügelharnisch der Ghegen, aus leichten Goldschuppen gebildet – um Brust und Schultern, auf dem haupt den Turban mit hoher Reiherfeder, von dem ein leichter, halb durchsichtiger Schleier statt des unförmlichen Yaschmaks über Kopf und Gesicht niederhing, der die Trägerin am freien Umherschauen nicht behinderte, während er genügte, sie als Bekennerin des Propheten zu zeigen, obschon in vielen Gegenden Albaniens die Frauen auch der mohamedanischen – meist schiitischen – Stämme17 unverschleiert gehen.
Auf der Hand der Dame sass in seiner Kappe der Falke, während ihre Linke das mutige weisse Ross an den aus rotem Sammet und breiten Goldtressen gebildeten Zügeln bändigte.
Ihr zur Rechten, dem Ehrenplatz der Mohamedaner, ritt eine zweite Frauengestalt, die Erste noch an Grösse überragend, quer auf einem Maultiere, nach europäischer Sitte. Sie war jedoch vom Scheitel bis zur Sohle in einen weiten Feredschi und Yaschmak von grüner Farbe, der heiligen der Moslems, gehüllt, aus dem allein die Augen hervorblickten. Selbst die hände verschwanden unter den weiten Falten des Mantels. Die dritte person der Reitergruppe bildete ein junger, in weite weisse, nur von einem roten Shawl zusammengehaltene Gewänder gekleideter arabischer Scheik. Das bronzefarbene Gesicht mit den grossen dunklen Augen und der schön geformten Adlernase über den schmalen Lippen schaute kühn und trotzig aus der weissen capuchonartigen Umhüllung hervor. Seine Hand führte die lange schlanke Lanze der Araber, während die mit Silber und Perlmutter eingelegte Luntenflinte über seinem rücken hing.
etwa hundert Schritt hinter der eben beschriebenen Gruppe folgte bunt durch einander ein Haufen arabischer und albanesischer Krieger als die Schutzwehr der Reiter, die an den sumpfigen Lagunen, in welche der See Labchistas verschwindet, den Reiher gejagt hatten.
Die grüne Reiterin berührte leicht den Arm der glänzenden Dame an ihrer Seite und ihre verhüllte Hand deutete nach dem gefährdeten Knaben, nur dem der grosse Molosserhund wie der Löwe mit seiner hilflosen Beute sich balgte.
"Ruhe, Scheitan!"
Die grosse Dogge, die den erschlagenen Wolf bei F a t i n i t z a , der Tochter des Pascha's von Skadar, ersetzt hatte, folgte gehorsam dem ersten Ruf ihrer stimme und sprang an der Seite ihres Pferdes empor, ihre Füsse und die entgegengestreckte Hand liebkosend. Der Knabe Mauro aber lief, als habe ihn das gewalttätige Spiel des Hundes gar nicht erschreckt, neben den Reitern neugierig her, obschon von dem Fall auf den Boden das Blut von seiner Stirn rann.
"Wende das Licht Deiner Augen auf dies Kind, dunkle Rose des Sees," sagte der Emir mit der blumenreichen Sprache seiner Heimat. "Der Prophet sagt: Wenn Dein Sclave, oder Dein Ross, ober Dein Hund den Unschuldigen verletzt hat, bist Du schuldig, den Schaden zu vergüten."
"Inshallah! kann ich mich um jeden Bettler kümmern? – Was geht der schiitische Bube nicht meinem Tiere aus dem Wege?"
"Es ist Gerechtigkeit in der Wüste," sagte der Araber, "lasse sie mich nicht vermissen an der stolzen Blume der Felsen. Dein Hund hat diesem Knaben ein Leides getan."
Wiederum legte sich die Hand der Verhüllten auf den Arm der, wilden Schönen und die Bewegung schien eine merkwürdige Macht über sie zu üben, denn sogleich bezwang sie ihre Heftigkeit.
"Du redest weise, Araber, und ich habe Unrecht," sagte sie mit möglichster Milde ihrer stimme. "Bist Du ein Knabe aus Janina, Kind?"
"Mein Vater war ein Tapferer aus Rumili und ist im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen," berichtete Mauro, nebenher trabend. "Ich habe keine Angehörigen und bin eine Waise, die vom Tau der Barmherzigkeit lebt, den Allah mir sendet."
"Ich habe gesehen, dass Du mutig bist, Knabe," sagte die Tochter des Pascha's, "und Du sollst mein Oglan sein, bis Du ein Mann wirst. Gehe mit den Reitern dort und sage ihnen, Fatinitza habe es befohlen."
Während der Knabe zurückblieb, galoppirten die drei weiter durch das Tor der Ringmauer und in's Innere der Stadt.
J a n i n a , vom Sebastokrator Michael Lukas gegründet, im zwölften Jahrhundert bereits durch die Normannen von Neapel aus zerstört, dann von den serbischen Königen wieder aufgebaut und durch französische Ingenieure unter. Ali Pascha zur starken Festung gemacht, zeigt seit seinem Fall innerhalb der weitläufigen Ringmauern nur wüste Stätten und verödete Strassen. Eine