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Jüngling auf das Plateau und vor den Führer gebracht, um den sich alsbald der ganze Haufe mit jener Ungezwungenheit sammelte, die den freien Krieger der Berge von den geschulten Soldaten der europäischen Armee unterscheidet.

Der Fremde war ein junger Mann von etwa 16 Jahren, hoch und schlank gewachsen mit einem Adlergesicht. über dem Gunjatz, dem wollenen Untergewand der Czernagorzen, trug er die Struka, den braunen zottigen Mantel, an den Füssen die Opanka und von dem bis zum Wirbel rasirten Schädel fielen die Flechten schwarzen Haares, welche das Vorrecht eines Kriegers bilden, auf seinem Nacken, obschon noch kein Bart Lippe und Kinn beschattete. Die Hand des Jünglings führte eine lange reich mit Silber beschlagene Flinte und an seinem Hals hing neben einem grossen Pulverhorn an einer seidenen Schnur ein getrocknetes Menschenhaupt. Seine Miene war ernst, ja finster, sein Wesen gemessen und schweigsam.

"Wer von Euch," sagte der Fremde, indem er in die Mitte der Krieger trat, "ist der Beg Grivas, der Führer der tapferen Männer von Schamidien?"

"Ich bin es, Fremder, sage uns Deinen Namen!"

"Bogdan, der Sohn Iwo's, des Einäugigen, des Begs der Martinowitsch."

Caraiskakis sprang auf ihn zu und fasste seine Hand.

"So bist Du der Sohn des Helden, dessen Brod mein Bruder vor seinem tod gebrochen? Du bringst uns Kunde von dem Ende Nicolas Grivas's?"

"Dein Bruder fiel an der Kula des Popowitsch Gradjani, an der Seite meines Vaters und des Gatten meiner Schwester, Gabriel des Zagartschanen, seines Blutbruders, den er gerettet hatte aus dem Turme von Skadar. Der Knabe Bogdan ist jetzt der Glaware der Martinowitsch, die Moslems nahmen das Haupt Iwo's des Tapferen mit von dannen, und auch der griechische Gastfreund ruht nicht in geweihter Erde."

"So hat man den Leichnam meines Bruders nicht gefunden? ich hörte doch, dass Ihr die Türken geschlagen."

"Die blutige Wölfin von Skadar trug den Körper davon auf dem Sattelknopf ihres Rosses. Was nutzten die Kugeln der Söhne der schwarzen Berge gegen ihr gefeites Leben? Ich allein habe Schuld an dem Verderben der Meinen, denn ich trug das Pulver, das sie retten konnte, mit mir davon und zur Sühne seitdem das Unglückshorn und das Wahrzeichen meines Vaters, bis dass ich sein eigenes Haupt von den Toren Skadar's gelöst habe."

"Und was bringt Dich hierher, Czernagorze?" fragte Grivas.

"Eine Botschaft und meine Rache. Die Botschaft soll ich zu den Häuptlingen der freien Griechen bringen, von Danilo, dem Vladika der schwarzen Berge; Rache aber suche ich im Kampf gegen die, Mörder von Skadar, die dem Pascha von Janina zu Hilfe gezogen."

Der junge Czernagorze wickelte aus einem seidenen Tuche das Schreiben des Fürsten Danilo, worin dieser den gliechischen Führern seine Proclamation vom 16. März sandte, die das Volk von Montenegro zu den Waffen gegen die Türken rief, und einen Einfall im nördlichen oder roten Albanien, dem land der Mirditen, verhiess. –

"So ist die Nachricht wahr, dass Selim-Bei von Scutari mit tausend Arnauten dem Pascha von Janina zu Hilfe gekommen?"

"Ihr müsst sie von dieser Stelle in die Tore der Stadt haben einrücken sehen."

"Sei uns willkommen, Bure Bogdan, und mögen Deine Taten Deine Jugend vergessen machen."

Grivas reichte ihm die Hand und führte ihn zu der Platane, unter welcher die Schaar sich gelagert hatte.

"Nimm teil an unserm Mahl und erfrische Dein Herz an unserm Wein."

Caraiskakis setzte sich an seine Seite und reichte ihm die grosse hölzerne Kalebasse. Sein Herz drängte ihn, Näheres von dem Schicksal des geliebten Bruders zu erfahren, den er selbst im Auftrage der Elpis nach Czernagora gesandt. Als daher Bogdan seinen Hunger und Durst gestillt hatte, wandte er sich mit neuen fragen an ihn und wollte zunächst wissen, ob wirklich der Körper des jungen Mannes von dem Schlachtfelde entführt worden.

Bogdan erzählte ihm, was er selbst und seine Krieger geschaut.

"Sie ist eine Zauberin," sagte er mit allem Aberglauben seines Volkes, "und die Bewohner von Skadar sagen, dass sie ein Vampyr sei. Zum Mindesten hat sie den bösen blick und Niemand kann sie anschauen, ohne ein Leid davon zu tragen."

"Aber warum soll sie den Körper meines Bruders entführt haben, wenn er wirklich tot war?"

"Die Wila's mögen es wissen! Schlimme Gerüchte erzählen sich die Weiber von Skadar seitdem von einem weiblichen Vrokoklak, den sie bei sich hat. Der böse Geist, der sie so lange als Wolf begleitet hatte und dessen Leib wir auf der Schlachtstätte fanden, ist seitdem in den Körper einer Sclavin gefahren, von der sie sich Tag und Nacht nicht trennt. Bei den sieben Heiligen von Ostrog! ich weiss, was ich rede, Beg, meine Augen haben das Gespenst geschaut, als ich ihrem zug folgte, zehn Tage lang bis zum See von Janina. Es wurde in einer Sänfte von zwei Maultieren getragen."

Die Erzählung des abergläubischen Czernagorzen klang so seltsam, dass Caraiskakis nicht wusste, was er daraus machen sollte. Auffallend war es ihm, dass der Körper seines Bruders von der Kampfstätte durch die Arnauten bei ihrer wilden Flucht mit fortgeschleppt sein sollte, ohne dass sie einen gewissen Zweck damit verbanden, und er schloss daraus, dass sein Stiefbruder nur verwundet und als