1855_Goedsche_156_434.txt

der englischen Truppen. – –

Es war am Nachmittag eines sonnigen Apriltages und der leichte Wind, welcher von den grünen bis zu den schneeigen Gipfeln des Pindus aufsteigenden Bergen wehte, kräuselte leicht die Fluten des Sees Labchistas, dessen Lagunen unter den Felsen des Tomoros verschwinden. Auf der Hochebene am See dehnten sich die weiten Ringmauern von Janina aus, jetzt nur noch die Trümmer der unter Ali so mächtigen Festung umschliessend, die jedoch noch immer stark genug sich zeigte, die aufständischen Griechen abzuhalten.

Auf dem Felsenplateau des Klosters der beiden "geldlosen Heiligen", Cosmas und Damianus, an dem der Bergstrom Dobra-Woda (frisches wasser), auf den Höhen des eisigen berges Matzikeli entspringend, vorüberrauscht, lagerte eine Schaar von Griechen und Albanesen unter den Platanen, die das Kloster umgeben, kräftige Gestalten, christliche Schipetaren5 vom Stamme des Tosken, Hirten des Pindus und Männer aus den griechischen Gränzprovinzen und der Morea, wie von den steilen Höhen des Taygetos. Da sassen die Bulukbaschi's6 mit ihren Buren7 des heimatlichen Phis8, die den Brokovalas9 gegen ihre ewigen Feinde, die türkischen Stämme, angestimmt. Zwischen den schlanken albanesischen Kriegern mit dem Phistan (Fustanelle) bekleidet, deren weites Gewebe aus 122 Stücken ihre Lenden umflattert, über der Flokota, dem roten Unterkleid, den Djeferdane (Karabiner) in der Faust; – Soldaten der regulairen Armee von Griechenland mit Wehr und Waffen, wie sie aus den Garnisonen desertirt waren; oder die wilden zügellosen Bewohner Sparta's, die auf den ersten Ruf mit Maurokordato über den Golf von Patras gekommen und keinen andern Herrn kannten als den eigenen Willen, keinen andern Zweck als das Blutvergiessen. Um den Kotsche gelagert, das ganz gebratene Schaaf, hören sie dem Kaloïatri zu, dem wundersamen Heilkünstler aus dem Bezirk Zagori, der ihnen von der Kraft seiner Heilkräuter erzählt, bei welcher der Verwundete ungestört seinen Branntwein trinken darf, damit "das Fleisch lebendig bleibe", oder dem Pliak10, der die mirditische Laute spielt und von den Tänzen seiner Palikaren singt.

In einiger Entfernung am rand der Schlucht gingen zwei Offiziere, beide in der reichen Tracht der Palikaren, in eifrigem Gespräch auf und nieder. Der Eine war ein Mann von 36 bis 37 Jahren, der Andere um 10 Jahre älter, von wilder finsterer Miene, Grausamkeit und Zorn in dem blitzenden Auge: T h e o d o r G r i v a s , der General der Aufständischen und Führer der Truppen vor Janina, ein Stiefohm seines Begleiters, des kühnen und edlen A n a s t a s i u s C a r a i s k a k i s , dessen Züge unverkennbare Aehnlichkeit mit seinem Bruder zeigten, den wir zuletzt auf der Flucht aus Constantinopel verlassen haben.

An ihrer Seite ging ein Knabe in zerlumpter griechischer Kleidung, M a u r o , der Pflegesohn des unglücklichen Räubers auf dem Pagus von Smyrna.

"Bei der Agia-Glykis, der sanften Heiligen11," sagte Caraiskakis, "wir werden meinem Bruder Gregor nur Trauriges zu berichten haben, wie er uns böse und trübe Kunde gesandt. Für den Tod Diona's den Tod meines Bruders Nicolas. Der Name Grivas lebt in Dir allein noch fort."

"So möge er mit mir sterben, ehe je wieder diese meine Heimat das türkische Joch trägt. Aber auch der Deine, Anastasius Caraiskakis, ruht nur auf vier Augen. Du und Dein Bruder Gregor Ihr habt kein Weib genommen."

"Unser Leben, Teodoros, gehört dem vaterland und dem Kampf für die Freiheit."

"Das meine nicht minder, und Weiberliebe ist ein erschlaffend Ding für den Mann. Ich wollte, Du hättest Dich immer fern davon gehalten, statt Dein Herz an jenes Mädchen von Messolonghi zu hängen, das die Seeräuber Dir entführten. Was wirst Du meinem Neffen Gregor antworten?"

"Die Wahrheites steht nicht gut mit uns, ich wollte, es wäre anders. Deine Feindschaft mit Tzavellas, Oheim Teodoros, ist es, was unsere Sache schlecht macht und die Herzen der Unsern spaltet."

"Bei dem Kakodämon dieser Berge," fuhr der wilde Klephtenführer auf, "soll ich mich dem Sulioten untertänig zeigen, der erst von Aten gekommen, als bessere Männer, denn er, bereits die blaue Fahne erhoben und die Osmanli bis zu den Toren Arta's gejagt hatten? War ich nicht der Erste, der zum Epirus eilte und hat mich nicht der freie Wille der Klephten zu ihrem Führer gewählt?"

"Das hat er, Oheim, Niemand leugnet Deine Verdienste. General Tzavellas aber ist in den europäischen Kriegsschulen gebildet, ein Führer des königlichen Heeres, und sein Name steht in grossem Ansehen durch ganz Griechenland."

"Mag er; die Namen Grivas und Caraiskakis sind besser als der seine, denn Heldenblut hat sie geweiht. Ich bin ein Sohn des Pindus und nicht so gelehrt wie er, aber weinen Mut und meine Vaterlandsliebe stelle ich nicht unter die seinen. Lass uns nicht streiten, Neffe, Teodoros Grivas und seine Freischaar wird noch immer Raum zum freien Kampf gegen die Türken finden, auch wenn die Männer von Suli mir und meinen Leuten ihre Tore verschliessen."

Ein Anruf der Wache unter ihnen im Hohlweg, das albanesische "kum phis?" (wess Stammes?) und der Gegenruf "Wla!" (ein Bruder!), unterbrach ihr Gespräch.

Gleich darauf wurde von einem der eingeborenen Krieger ein